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Diktatur-Experiment bei ZDFneo : So verführerisch ist die Macht des Fernsehens

  • -Aktualisiert am

Uniform muss sein in der Diktatur, blaugefärbte Haare sind nur ausnahmsweise erlaubt. Bild: ZDF und Stefan Menne

Mit der Gefängnis-Simulation „Diktator“ macht ZDFneo einen auf schlau: Acht junge Leute werden eingesperrt und absurden Regeln unterworfen. Was sehen wir? „Big Brother“ auf öffentlich-rechtlich.

          Gruselig ist es allemal, Zeuge eines Diktatur-Experiments zu sein, nur braucht man dafür kaum ZDFneo. Der wahre Umbau einer Gesellschaft in Richtung Alleinherrschaft findet derzeit am Bosporus statt, und tatsächlich lassen sich dabei all die Elemente wiederfinden, die unzählige wissenschaftliche Studien zu unserer eigenen Historie untersucht haben. In der ZDF-Hauptredaktion Geschichte und Wissenschaft stellt man sich gleichwohl die Frage, ob diese Erkenntnisse für eine in Freiheit und Sicherheit aufgewachsene Generation noch „nachvollziehbar“ sind. Im Zuge eines Sozialexperiments hat man deshalb acht junge deutsche Freiwillige – allesamt aufgeschlossen, herzig und redefreudig – eine Woche von der Außenwelt isoliert und Regeln ausgesetzt, wie sie vermeintlich für eine Diktatur typisch sind.

          Dabei werden die Teilnehmer durchweg beobachtet. Zwei Wissenschaftler interpretieren die Gruppendynamik, die sich erwartbar entwickelt: Rebellische Teilnehmer testen unsinnige Regeln aus, was zu Kollektivstrafen führt, die Gruppe spaltet und die Partei der Regelkonformen in ihrer Haltung bestärkt. Den Höhepunkt der beiden vorab der Presse zur Verfügung gestellten Folgen bildet der Moment, in dem sich ein Teilnehmer zur Denunziation verleiten lässt. Bis hierher klingt alles bedeutungsschwer nach Bildungsauftrag – doch das wäre ein kolossaler Irrtum.

          Einheitskost: Die Teilnehmer des Experiments beim Essenfassen.

          Bei dem „Social Factual“ mit dem reißerischen Titel „Diktator“ handelt es sich um eine aufdringlichere Variante von „Big Brother“ mit allen bekannten Zutaten. Anstelle von schnippischen Moderatoren nehmen die Sozialpsychologen Christine Flaßbeck und Jonas Rees die Außenbeurteilungen vor. Dabei feuern sie massenhaft Plattitüden im Experten-Duktus ab: „Propaganda ist ein ganz typisches Mittel für Diktaturen“, „Menschen reagieren auf Symbole“, das abwechslungsarme Essen sei „eine Form von Deprivation“. In Form und Stil kann man fast von einem „Big Brother“-Plagiat sprechen: Erklärungen aus dem Off, dramatische Musik, ein herumwirbelndes Show-Emblem, immer neue „Challenges“ und Regeln, sehr viel Leerlauf. Auch die Auswahl der Charaktere von der Bloggerin bis zum Fitnesstrainer ist genretypisch.

          Das ist alles kein Zufall. Als Produzent fungierte Oliver Fuchs, einst als Kopf der Produktionsfirma Eyeworks Deutschland für RTL-Kracher wie „Schwiegertochter gesucht“ verantwortlich, danach als Unterhaltungschef des ZDF in den Skandal um gefälschte Rankinglisten bei „Deutschlands Beste!“ verwickelt und heute Geschäftsführer von Bavaria Entertainment. Und darum handelt es sich hier eben schlicht: Entertainment. Der harmlosere Einwand gegen das Format lautet: Thema verfehlt. Durchgespielt wird nämlich mitnichten eine Diktatur, sondern eine Gefängnissituation. Genauer gesagt, handelt es sich um die x-te Neuauflage einer unterhaltungsindustriellen Adaption des Stanford-Prison-Experiments von 1971, das auch dem Film „Das Experiment“ von 2001 zugrunde lag.

          Schwerer wiegt der grundsätzliche Einwand. Dass sich das (Entertainment-)Fernsehen nur bedingt als Erkenntnisinstrument eignet, sollte inzwischen bekannt sein. Stattdessen treffen hier schlicht zwei Regime aufeinander, von denen das mächtigere, das Unterhaltungsfernsehen mit seinen bekannten Regeln, sich allzu kläglich unsichtbar zu machen versucht. Natürlich aber glaubt keiner der Teilnehmer, versuchsweise in einer Diktatur zu leben. Dafür reagieren alle exakt so, wie man es von Kandidaten einer Realityshow erwarten darf. Außerdem sind ständig Kameras präsent und gilt es, einen Preis zu gewinnen.

          So erklärt sich, was als dramatische Einsicht verkauft wird, dass nämlich wie auch in verwandten Versionen des Formats, die schon in Schweden, Norwegen, Belgien und den Niederlanden gelaufen sind, eine Mehrheit der Teilnehmer die absurden Regeln tatsächlich befolgt. Dabei aber zeigt sich kein Untertanengeist im Zeitalter der Gouvernementalität. Es handelt sich – spieltheoretisch leicht zu erklären – um die grundlegende Übereinkunft bei televisionären Rollenspiel-Gameshows. Die Sendung zeigt insofern nicht, wie eine politische Diktatur funktioniert (zumal der „Diktator“, in der Regel ja ein charismatischer Führer, hier eine ungreifbare Größe bleibt), sondern einmal mehr, welche Macht das System Fernsehen über Menschen hat. Das aber wurde schon sehr viel klüger und kurzweiliger gezeigt, man denke an das „Millionenspiel“, das bereits ein Jahr vor dem Gefängnisexperiment von Stanford auf Sendung ging.

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