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Die Serie „Pure“ auf ZDFneo : Die Gedanken sind freizügig

  • -Aktualisiert am

Sieht mehr als ihr lieb ist und hat einiges zu erzählen: Marnie (Charly Clive) hält während des 25. Hochzeitstags ihrer Eltern eine Rede. Bild: ZDF

In der Serie „Pure“ geht es tragikomisch zur Sache: Eine Mittzwanzigerin denkt ständig Unanständiges und leidet sehr darunter. Harte Kost und trotzdem sehenswert.

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          Als Marnie (Charly Clive) ihrem Vater öffentlich für seine Vasektomie dankt, mag das noch als geschmackloser Witz durchgehen. Nicht gerade passend, bei der Silberhochzeitsrede auf das Jubelpaar vor der Feiergemeinde höchst persönliche Details auszuplaudern, zumal wenn sie null Unterhaltungswert haben. Peinlich. Völlig den Faden verliert die vierundzwanzigjährige Arbeitslose, die ohne Berufs- und Lebensperspektive wieder bei den Eltern im schottischen Kaff Dunwick wohnt, als sich die Bilder in ihrem Kopf verselbständigen, die ganze Gesellschaft vor ihren Augen entblättert und jung und alt sich lüstern vergnügen. Abschütteln geht nicht. Die Zwangsgedanken verselbständigen sich.

          „Es ist wie bei „Sixth Sense“ – nur dass ich keine toten Menschen sehe, sondern nackte.“ Nicht in ästhetisch geschönten Porno-Hochglanzbildern, sondern mit abtörnenden Extremvergrößerungen intimer Körperdetails, die man, wie die verzweifelte Hauptfigur auch, als Zuschauer umgehend aus dem Kopf entfernen will. Wer von der britischen Serie „Pure“ lustvolle Sexszenen erwartet, wird keine der sechs Folgen zu Ende schauen. Stattdessen rührt sie als Gruppenporträt fünf mehr oder weniger einsamer, mehr oder weniger leistungsfixierter und verunsicherter junger Menschen auf der Suche nach Wegen, endlich erwachsen zu werden und trotzdem bei sich selbst zu bleiben. Niemand aus dem Kreis der locker Bekannten allerdings ist so selbstfixiert wie Marnie, deren Zwangsstörung, die auf Englisch „Pure“ heißt, ihr ganzes Leben durcheinander wirbelt.

          In Stress- und Angstsituationen geht alles durcheinander

          Gezeigt werden ihre Anfälle analog Touretteausbrüchen, nur mit obszönen Bildern statt Verbalattacken. In Stress- und Angstsituationen geht in Marnies Kopf alles durcheinander und explodiert in Szenen, die im besten Fall unpassend und im schlimmsten Fall erniedrigend für jeden einzelnen der Anwesenden sind. Wie in der Londoner U-Bahn beim Stromausfall, als die Türen nicht mehr öffnen und Marnie eine Sex-Panikattacke bekommt. Als Chaosverstärker wirkt ihre neue Freundschaft mit Joe (Anthony Welsh), der in der überfüllten Tube an sie gedrückt wird. Oder das Interesse an Amber (Niamh Algar), mit der Marnie zu schlafen versucht, um die Vorstellungsbilder lesbischer Praktiken durch Realität zur Ruhe zu bringen. Auch dieser Selbsttherapieversuch endet mit Ausnahmezustand und Verletzungen.

          Die vernünftige Schulfreundin Shereen (Kiran Sonia Sawar), bei der Marnie nach dem Jubiläumseklat wohnt, hätte ihr das gleich bestätigt. Wenn Marnie über ihren Zustand reden würde. Dass Shereen ihr eigenes Leben eher im Würgegriff als unter Kontrolle hat, wird nach und nach klar. Ihrer Selbstfindung glaubt man nur, wenn man das Festhalten an Katzenpullis, Tierdokus und Kursen zur Selbstfürsorge, an therapeutischem Backen und penibelster Wohnungsordnung für Zeichen von Reife hält. Charlie (Joe Cole) ist am übelsten dran. Ihn lernt Marnie kurz nach ihrer Flucht nach London in einer Selbsthilfegruppe für Sexsüchtige kennen. Charlie hatte vor Jahresfrist einen Nervenzusammenbruch, seine Liebe ging in die Binsen, das Praktikum im Finanzbereich liegt auf Eis. Sein zwanghaftes Masturbieren verhindert jeden echten Sex. Das bekommt Marnie, das bekommt auch seine alte und neue Chefin zu spüren, die den Praktikanten verführen will und schließlich wegen „langweiliger Performance“ hinauswirft – bevor sie ihm noch Tipps zur Befriedigungsleistungssteigerung mit auf den Weg gibt.

          Junge Leute hierzulande, gelegentlich als „Generation Porno“ bezeichnet, haben immer weniger und immer später Sex, das legen zahlreiche Statistiken nahe. In Großbritannien scheint es nicht anders zu sein. Die ständige Verfügbarkeit selbst härtester Bilder im Internet zerstört das persönliche Verlangen, heißt es. Vertrauen, Intimität und geschlechtliche Beziehung wirken unverbunden oder sogar unvereinbar.

          Die Miniserie „Pure“, auf den ersten Blick ein sehr witzig geschriebener und anrührend gespielter Mix aus „Fleabag“ und „Sex in the City“, ist in der Tiefe eine ernste und wahrhaftige Erzählung über Sexsucht und pornografische Zwangsgedanken als Symbole der Lebensverunsicherung. Sie entfaltet treffend einen Zustand der Wirklichkeit von Mittzwanzigern, die, selbstfixiert und einsam, um ihre Neurosen und Pathologien kreisen und sich mit Zuwendung und Nächstenfürsorge schwer tun. Alle gehen auf ihre Weise mit heruntergelassenem Visier durchs Leben, lassen sich in unbezahlten Praktika ausbeuten wie Marnie im Online-Magazin „Ethel“, schlafen in Besenkammern und träumen von dem Ereignis, dass ihr Leben schön machen wird. Mit Sex verbinden sie keine Erfüllung, sondern Preisgabe und Leistungsanstrengung.

          Autorin Rose Cartwright litt selbst unter „Pure“ und schrieb darüber zunächst unter Pseudonym im „Guardian“, um Verständnis für ihre Zwangsstörung zu wecken. Am Drehbuch der BBC-Serie wirkte sie neben Kirstie Swain mit. Die Inszenierung von Anail Karia und Alicia MacDonald betont das Tragikomische der Krankheit – und ist letztlich eine große, empathische Feier der Freundschaft, menschlicher Verletzlichkeit und dem Freiheitsspielraum der – auch leidvollen – Unangepasstheit. Was wäre, wenn sie keine absurden Gedanken mehr hätte, fragt Marnie ihre Therapeutin. Dann wäre sie hirntot, lautet die Antwort. Es bleibt schwierig. Und erträglich, wenn man es gemeinsam schwierig hat.

          Die sechs Folgen von Pure laufen heute, 23.40 Uhr, auf ZDFneo. Von Samstag an stehen sie in der ZDFmediathek.

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