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„Paul Temple“ im Radio : Die Gauner hatten Stil

  • -Aktualisiert am

Spricht selbst: Bastian Pastewka Bild: Baier, Julia

Als die kriminalistische Welt noch in Ordnung war: Bastian Pastewka, bekennender Fan der „Paul-Temple“-Hörspiele von Francis Durbridge, bringt die rekonstruierte erste Folge der legendären Krimiserie ins Radio.

          Für junge Frauen war im London der vierziger Jahre nur eine einzige Rolle vorgesehen: die des reizenden Mordopfers. In den mehr als dreißig „Paul Temple“-Hörspielen, die Francis Durbridge von 1938 an für die BBC verfasste (später kamen Filme hinzu), hauchen sie reihenweise ihr zartes Leben aus. Scotland Yard hat es ein halbes Jahrhundert nach Sherlock Holmes noch immer nicht gelernt, Bösewichte aus eigener Kraft zu überführen, und so sucht Yard-Chef Sir Graham Forbes regelmäßig die Hilfe eines Privatdetektivs, der diesmal eigentlich - Achtung Selbstreferenz - Kriminalschriftsteller ist.

          Paul Temple, zur unteren Upper Class zählend, klärt dann cocktailnippend lässig die verwickeltsten Verbrechen auf, und zwar gemeinsam mit seiner dem Glamour zuneigenden Ehefrau Louise, genannt Steve. Diese ist zwar tapfere Journalistin (daher das männliche Pseudonym), steuert aber vor allem weibliche Intuition bei: eine letzte Watson-Schwundstufe.

          Die Täter, obwohl über so perfide Waffen wie Paketbomben verfügend, erkannten als Gentlemen brav an, wenn sie überführt waren. Temple gewährte den Schurken dafür nach acht oder mehr Folgen die gesichtswahrende Möglichkeit, einen halbherzigen Fluchtversuch zu unternehmen, aber ein Schubs aus dem Zug oder ein Schlag mit der Bratpfanne erledigte sie dann zur allseitigen Zufriedenheit. Kurz: Die kriminalistische Welt war noch in Ordnung. Bastian Pastewka, bekennender Durbridge-Fan, bringt es auf den Punkt: „Eine Welt ohne Hightech-Waffen, ohne NSA und, ganz wichtig, ohne Bodensee-,Tatort‘.“ In der Tat: Eine Kommissarin wie Klara Blum war undenkbar, zur Freude nicht nur der Halbwelt.

          Rekonstruierte Fassung

          In Deutschland adaptierte der WDR-Vorgänger NWDR die erfolgreichen Hörkrimis von 1949 an. Ausgerechnet die erste deutsche Folge, „Paul Temple und der Fall Gregory“, gilt jedoch als verschollen. Auch die Originalfassung von 1946, in England bereits der neunte „Paul Temple“-Fall, existiert nicht mehr. Kürzlich aufgetaucht aber sind Fragmente des deutschen Textes. Eine knisternde norwegische Fassung und eine Neuaufnahme der BBC aus dem vergangenen Jahr erlauben es, die Lücken zu füllen. Auf der Grundlage dieses Materials holen Regisseur Leonhard Koppelmann und Temple-Ritter Bastian Pastewka nun für den WDR einen vergessenen Klassiker zurück, inklusive der spätexpressionistischen Original-Hörfilmmusik von Hans Jönsson. Der Inhalt: Mädchen verschwinden auf mysteriöse, nämlich eben nicht spurlose Weise. Ein Mister Gregory hinterlässt Visitenkarten. Warum bloß?

          Den etwas fahrigen Kriminalfall an sich hätte man kaum vermisst, aber hier geht es, bitte schön, um das kulturelle Erbe. Anders als in seiner „Hund der Baskervilles“-Bearbeitung spricht Pastewka in dieser halbszenischen Reinszenierung selbst mit (den Helden natürlich). Auf einer zweiten Ebene erzählt er in einem flapsigen Küchentischgespräch mit den vier anderen Sprechern die Geschichte der Kriminalreihe. Perfekte Unterhaltung mit Lerneffekt, das sticht jeden Bodensee-„Tatort“ aus. Und weil es so schön ist, geht das Team mit diesem Temple-Fall auch noch auf Tournee.

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