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Provinzkrimi im ZDF : Österreichs gefesselte Herzen

  • -Aktualisiert am

Nina Proll und Karl Fischer in „Die Frau mit einem Schuh“ Bild: ZDF

Mit seinen unverblümten, stilgewaltigen Dokumentarfilmen hat Michael Glawogger Filmgeschichte geschrieben. 2014 starb er – jetzt läuft sein letzter Film, der schwarzhumorige Provinzkrimi „Die Frau mit einem Schuh“.

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          Tele-evolutionär ist die Krimigroteske leicht zu erklären. Sie ist das natürliche Resultat der Krimischwemme. Alle Zutaten einer handelsüblichen Detektivgeschichte sind dabei noch vorhanden – in diesem Fall eine Frauenleiche, die stückchenweise zum Vorschein kommt, zwei ungleiche Kommissare mit Alltagssorgen, einige Lehrbuch-Verdächtige –, aber die Handlung dient nur noch als Aufhängung für übersteigerte Charaktere und atmosphärisches Allerlei. Die Groteske kann entweder kalauernd ins Turbolustige ausschlagen wie in „Hubert und Staller“ oder „Mord mit Aussicht“, oder sie ragt, was gern für edler gehalten wird, stärker ins Schwarzhumorige hinein, siehe „Schwarzach 23“. Düstere Provinztristesse oder lakonische Situationskomik: Man kennt beides inzwischen ganz gut.

          „Die Frau mit einem Schuh“, produziert in brutalem Dialekt als „Landkrimi“ für den ORF, verbindet den lustigen und den makabren Ansatz, freilich bei klarer Dominanz der Schimpf-Note, wie es sich für ein österreichisches Projekt gehört. Und doch gibt es hier etwas, was sich anders als üblich anfühlt, radikaler, bärbeißiger. Das Befreiende, das der schwarze Humor normalerweise hat, man denke an die „Brenner“-Krimis, bleibt uns weitgehend versagt. Noch im Lachen herrscht diesmal Beklemmung. Mitunter kommt es einem vor, als wolle der Film das eigene Genre unterlaufen, ja, beschmutzen, so zum Beispiel, wenn die tragische, betrunkene Nebenfigur Taschner (Wolf Bachofner), die zwar für die Handlung keine Rolle spielt, im Polizeigewahrsam wacker Duftmarken setzt: „Schaut’s alle her! Ich brunz’ euch die Hütt’n voll!“ So ähnlich sah Michael Glawogger, verantwortlich für Regie und Drehbuch, vielleicht seine eigene Kaputtmacherrolle im allzu braven Metier Fernsehfilm.

          Er konnte es sich leisten. Mit seinen unverblümten, stilgewaltigen Dokumentarfilmen „Megacities“, „Workingman’s Death“ und „Whores’ Glory“ hat Glawogger Filmgeschichte geschrieben. Sein Tod im Jahre 2014, nachdem er sich auf einer großen Experimental-Doku-Weltreise in Liberia mit Malaria infiziert hatte, war ein Schock. Der Film „Untitled“, den Monika Willi jüngst aus dem damals bereits fertiggestellten Material zusammengeschnitten hat, ist eine Meditation über das Menschsein an sich, ein unbestechliches Bekenntnis zur Freiheit. So bescheiden Glawogger auftrat, wird man ihm wohl nur gerecht, wenn man sieht, dass er stets mit allergrößtem Anspruch zu Werke ging. Noch seine oft leicht derben und zum Surrealen hin offenen Komödien geben mehr von den geheimen Sehnsüchten vom Individualismus überforderter Abendländler preis als die meisten sentimentalen Problemfilme.

          Jetzt also geht es um Niederösterreich, diesen Landstrich, in dem sich die Eingeborenen, wie wir seit Ulrich Seidls Semi-Dokumentation „Im Keller“ wissen, bizarren Perversionen hingeben, sobald sie sich unbeobachtet fühlen. Stilbewusst und mit starker Musik unterlegt präsentiert uns Glawogger eine sonnengeküsste Vorhölle zwischen Ennui und Kettensägenmassaker. Schnell drängt sich den Kommissaren ein Zusammenhang zwischen dem zerstückelten Opfer und einer jüngst aus dem Gefängnis verschwundenen Gewalttäterin auf, aber das Ermitteln ist trotzdem mehr Last als Lust. Nina Proll spielt die abgefeimte, von ihrem Ehemann gelangweilte Polizistin Franzi ordentlich cool, ohne allerdings nachhaltigen Eindruck zu hinterlassen. Etwas vielschichtiger wirkt die Figur ihres unablässig grantelnden Weltflucht-Kollegen Michael, dessen umwölkten Gemütszustand Karl Fischer immerhin in abgestuften Intensitäten zu verkörpern versteht. Herzig mutet etwa die naive Freude des Kommissars an, als er als vermutlich letzter Europäer entdeckt, dass man mit einem Smartphone fotografieren kann: „Die Technik!“ Dass er penetrant in Schilling rechnet, ist als Gag jedoch alles andere als subtil.

          Eher eindimensional muss auch das zentrale Gegenspielerpärchen genannt werden, der zwielichtige Automechaniker Gerry (Johannes Kirsch) und seine wollüstige Gattin (Edita Malovcic). Eine mittelheiße Spur führt zu Gerrys blauem Kombi, denn eine demente Anwohnerin will gesehen haben, wie eine Frau mit nur einem Schuh, wohl die Ausbrecherin, in diesen eingestiegen ist. Der Wagen wurde jedoch als Ersatzfahrzeug an zahlreiche Kunden ausgeliehen. Echte Spannung entwickelt ein solcher Plot kaum, aber er ist auch nicht verstörend genug, um als Subversion durchzugehen. Auch ästhetisch wagt sich der Film nicht ins Unkonventionelle vor, wechselt klaustrophobische Innenaufnahmen mit sonnigen Panoramen ab. Und für einen Regisseur, der dem Arbeitsalltag von Prostituierten einen komplexen Film gewidmet hat, wirkt die unmotiviert eingeschaltete Bordellszene – Michi schmettert im Rotlicht-Ambiente „Unchain My Heart“ – nachgerade abgeschmackt. Es führt am misslichen Fazit kein Weg vorbei: Michael Glawoggers letzter Film lässt sich dank seiner Coolness widerstandslos ansehen, aber er ist beileibe nicht sein bester. Das gültige Vermächtnis bleibt weiterhin „Untitled“.

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