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„Der Preis der Arbeit“ bei 3sat : Die Franks dieser Welt

  • -Aktualisiert am

Muss Skrupel gegen Profit abwiegen: Olivier Gourmet als Frank Blanchet Bild: ZDF

Der Mann, der dem Wohlstand den Weg ebnet: Im Antoine Russbachs Spielfilm „Der Preis der Arbeit“ stürzt ein Logistiker in die Identitätskrise.

          3 Min.

          Es mag ja sein, dass die Hand des Marktes unsichtbar ist. Aber in Unternehmen braucht es bisher noch echte Hände, die schalten und walten. Frank Blanchet (mit beklemmend leerem Gesicht gespielt von Olivier Gourmet), ein selten zum Plaudern aufgelegter Mittfünfziger im Anzug, der es im Laufe seines Lebens durch harte Arbeit geschafft hat, nicht mehr zur Gabelstapler-Brigade des Logistikgeschäfts zu gehören. Er jongliert mit seinen Händen Zahlen am Computer einer Firma, die mithilfe von Containerschiffen, die der Schreibtischarbeiter Frank niemals je gesehen hat, Waren von der anderen Seite der Welt nach Europa verschifft. Zur Feinsteuerung besitzt er ein Telefon, über das er einzelne Rädchen des Logistik-Systems, die nicht wie geplant greifen, schmieren lassen und die überall verlangte Just-in-Time-Lieferung ohne profitschädliche Verzögerung in Gang halten kann. So auch in den Wochen, von denen Antoine Russbachs erster Spielfilm „Der Preis der Arbeit“ erzählt, eine kühle Abrechnung mit den Franks dieser Welt – und dem wohlstandsverwahrlosten Endkunden.

          Letzterer wird im Film – das ist der schönste Kniff des von Russbach gemeinsam mit Emmanuell Marre und Catherine Paillé geschriebenen Drehbuchs – vor allem von Franks Kindern verkörpert. Die schlafen bis in die Puppen, während der Fernseher läuft; liegen faul in der Sonne, fordern die neuesten Handys, sobald das alte eine Macke hat und sagen Sachen wie: „Wir werden es nicht akzeptieren, unseren Lebensstil zu verändern.“

          Ein blinder Passagier wurde entdeckt

          Dabei genießt auch Vater Frank, der aus schlichten Verhältnissen stammt, den Wohlstand. Zu seiner Villa gehört ein hellblau schimmernder Pool, sein Sportwagen hat die Pferdestärken, die nötig sind, wenn man sich beim Weg zur Arbeit halbwegs wohlfühlen oder bei den Freundes des Sohnes angeben muss.

          Die Handlung beginnt nun mit besagten Rädchen im Getriebe, die haken: Der emsige Frank, morgens so früh in der Power-Dusche, dass er seiner Familie noch Kaffee ans Bett bringen und trotzdem zusammen mit der Putzkolonne im Büro anfangen kann, muss sich mit ins Meer gerutschten Containern herumschlagen. Kopfschmerzen bereitet ihm das noch nicht. Doch in der Nacht und nochmals am Morgen darauf, ruft ihn der Kapitän eines Containerschiffs an: ein blinder Passagier wurde entdeckt, ein junger Afrikaner. Er träumt von einem Leben in Europa. Gleichzeitig stellt sich heraus, dass er krank ist. Möglicherweise muss das ganze Schiff bei der Ankunft unter Quarantäne gesteckt werden. Das ist mit Blick auf den Zeitplan schlecht. Frank ist gestresst, eilt zwischendrin zur Schule der Lieblingstochter Matilde (Adèle Bochatay), die Bauchweh bekommen hat. Nach einer knappen Kosten-/Nutzenrechnung ordnet er ein Verbrechen an: Der Kapitän möge den Passagier schleunigst verschwinden lassen, die Firma zahle auch extra. Kapitän Pawel ist wenig erfreut, schickt ihm aber ein „Done“, erledigt.

          Frank kann damit leben; es ist, wie es ist. Ungemütlich wird es erst, als Kollegen von dem Geschehen Wind bekommen. Sie zeigen ihn zwar nicht an, drängen Frank jedoch zur Kündigung – besorgt über die schlechte Presse, die der Fall für das Unternehmen bedeuten könnte. Frank fügt sich, simuliert noch einige Tage, einen Job zu haben, damit die Familie nichts merkt – und versinkt in Depressionen, die der ohne jede Musik auskommende Film schon vorher in vielen Autofahrten andeutete, bei denen die Kamera (Denis Jutzeler) stumpf und starr vom Rücksitz an Franks Hinterkopf vorbei auf die Straße geblickt hat. Nun fühlt sich Frank verraten.

          „Der Preis der Arbeit“, in seiner Botschaft leicht abgedroschen, aber elektrisierend gespielt und kühl fotografiert – meditativer Höhepunkt: die fast einminütige Bebilderung eines Containerschiffes, das ein Hafenwasser durchzieht –, entwickelt sich wider Erwarten nicht zu einem Drama, das auf erwartbare Höhepunkte wie Eskalation oder Selbstmord hinausläuft. Der Film wird die Identitätskrise von Frank konsequent weiter erforschen. Er wird zeigen: Für einen Problemlöser wie ihn, der zwar Skrupel hat, aber eben auch weiß, welchen Wohlstand ihm die Gesellschaft verdankt, wird es entlang der globalen Lieferketten immer einen Job geben. Schließlich will Frank diesen Wohlstand auch seiner Lieblingstochter ermöglichen, die just nach seiner Kündigung für ein Schulprojekt einen Tag am Arbeitsplatz des Vaters verbringen soll.

          Der Preis der Arbeit, 22.25 Uhr, 3sat.

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