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Die Final-Staffel von „4 Blocks“ : Tu dir keinen Gefallen und bleib Gangster

Toni Hamady (Kida Khodr Ramadan) will nur noch braver Deutscher sein. Bild: dpa

In der finalen Staffel von „4 Blocks“ versucht Toni Hamady seinem Leben als Clanchef ein für alle Mal zu entkommen. Dabei arbeitet die Serie gröber als zuvor. Und kriegt einen dennoch.

          3 Min.

          Es wird nicht mehr mit derselben Verzweiflung geraucht in Berlin. Nach großem Schmerz setzt die noch größere Betäubung ein – nicht aber Ernüchterung. Wer sich im Schmerz nah war, der driftet abermals auseinander: Die einen versinken tiefer im Sumpf, die anderen versuchen in ein bürgerliches Leben zu entkommen, und wieder andere haben all das für immer hinter sich.

          Axel Weidemann

          Redakteur im Feuilleton.

          Die Gangster-Serie „4 Blocks“, die sich von Staffel zu Staffel immer ehrlicher als rührende, aber eben auch deutsche Verbeugung vor der amerikanischen Mafia-Familien-Therapie-Serie „The Sopranos“ entpuppt – kaum eine Produktion kann einen ähnlichen Status als Referenz-Serie beanspruchen –, hat dem Vorbild nicht nur emotional, sondern auch thematisch eine fast ebenbürtige Bandbreite abgerungen. Nur mit dem Mythos des Straßengangsters und dessen Bordsteinkanten-Härte, die „4 Blocks“ in Wort, Tat und Bild immer wieder zelebriert, traut sie sich nicht so nachhaltig zu brechen, wie es bei Tony Soprano und den Seinen der Fall war.

          Das alte Leben schmeckt nicht mehr

          Nachdem die Widersacher des Hamady-Clans am Ende der zweiten Staffel versuchten, ins Herz dieser mit Kokainhandel mächtig und reich gewordenen Familie zu stoßen, ist Toni Hamady (Kida Khodr Ramadan), der älteste der drei Brüder, am Anfang der dritten und finalen Staffel hart auf dem Boden seiner Tatsachen aufgeschlagen. Seine Frau Kalila (schwer vermisst: Maryam Zaree) ist fort, seine Tochter Serin (Ramadans leibliche Tochter Dunja) soll ihm genommen werden, und auch sein altes Leben hat nicht mehr den gleichen Geschmack, kennt nicht mehr die lockenden Verheißungen oder Träume von einst. Die Geschäfte führen nun die Brüder Abbas (Veysel Gelin) und Latif (der Rapper Massiv, bürgerlich Wasiem Taha). Ihre kahlrasierten Häupter, deren Narben vom Zwielicht so schön beleuchtet werden, sollen hier auch immer nackte Aggression und Zivilisationsbruch verkörpern. Vernunft, Weitsicht – in „4 Blocks“ waren dafür die Frauen zuständig – und Ausgeglichenheit sind Impulsivität, Verspannung und Paranoia gewichen. Wieder wird die Familie von innen und von außen angegriffen. Klar, dass Toni diesem Leben im Tausch für das Sorgerecht seiner Tochter nicht so leicht entkommt.

          Er versucht es trotzdem. Als ehrenamtlicher Fußballtrainer. Ausgerechnet. Man staunt als Zuschauer. Nicht so sehr über die Verwandlung, die sich innerhalb eines Jahres vollzogen hat, aber doch über das Ergebnis. Der völkerverbindende Fußball als Integrationsmaßnahme für Geflüchtete aus Notunterkünften kommt hier so unvermittelt ins Bild wie der gestutzte Bart.

          Tonis neue Botschaft: „Bleibt sauber Jungs.“

          Nachsicht ist angeraten. Shakespeare und Rambo haben uns gelehrt, dass nie jemand seine Ruhe hat, der einst so fremdgesteuert zwischen „foul“ und „fair“ gewandelt ist. Eine der schönsten Szenen zu Beginn, die den Wandel mit einem Augenzwinkern auffängt, spielt sich in der Berliner U-Bahn ab. Da sitzt ein geschorener wie geläuterter Toni, kaum wiederzuerkennen und dennoch erkannt von zwei Halbstarken, die gleich ein Foto mit dem einstigen Clan-Chef machen wollen. „Sind Sie nicht Toni Hamady?“ Nein ist er nicht. „Bleibt sauber Jungs.“

          Wenn einer nicht loslassen will: Toni (Kida Khodr Ramadan) und Halim Karami (Moussa Sullaiman)
          Wenn einer nicht loslassen will: Toni (Kida Khodr Ramadan) und Halim Karami (Moussa Sullaiman) : Bild: TNT

          Ein Reiz der dritten Staffel liegt in dem Umstand, dass man als Zuschauer den unvermeidlichen Fluchtpunkt der Folgen immer schon zu kennen meint, weil die Schritte der Figuren stets interessanter waren als ihr Mittelschichtsziel: „Familie, Geld, Ehre“. Zugleich steht das Finale bevor. Und so muss nun alles einstürzen und in Frage gestellt werden, auf das sich die Familie (aber auch der Zuschauer) stets verlassen konnte. Selbst die Gegner auf Seiten des Staates sind neu: Lisa Maria Janke gibt die neue Kommissarin Alexandra Winter, die eine Vorliebe für Jahrgangschampagner hat – „Champagner Empire, Vintage, Mille neuf cent soixante-quatorze“ –, aber nicht für Trinkkumpane.

          Was sich schon in der zweiten Staffel andeutete, vollzieht sich hier deutlicher: Es gibt kreative Ermüdungserscheinungen. Koksproduktion und Geldzählerei zu Straßenrap sind hier weniger Stilmittel als vielmehr lärmende Redundanz – und zwar auf ähnliche Art, wie ebenjener ausgestellte Rap seine guten Momente in der unermüdlichen Aufzählung von Marken und Statussymbolen ertränkt. Beinahe ärgerlich wird es, wenn Figuren wie Abbas’ Freundin Ewa (Karolina Lodyga) plötzlich unglaubwürdig werden, weil sie in lieblos arrangierten Klischeesituationen auf eine Art überreagieren müssen, die alles in Frage stellt, was ihre Rolle zuvor auszumachen schien.

          Drei Dinge aber haben diese Serie groß gemacht: Nähe zu den Figuren, die dafür sorgte, dass Normalbürger sich plötzlich in dunkel verstellter Stimme mit „Abbas, wir müssen reden“ anraunzten. Brüche und Wendungen, die Telenovela-Qualität besaßen. Und Bilder voller schief-schöner Zweideutigkeiten. All das gibt es auch dieses Mal: Tränen, die in den schützend dichten Bart kullern, Dialoge, in denen tiefste Wut auf absurden Alltag trifft, Hände, die jemanden mit einem Werkzeug erledigen, das eigentlich Leben bewahren soll. Das holt den Zuschauer nicht ab, sondern reißt ihn – trotz allem – mit. Die Frage ist nun, ob wir überhaupt wissen wollen, ob Toni sein eigenes Leben bewahren kann.

          4 Blocks läuft donnerstags um 21 Uhr auf TNT-Serie, zu empfangen über Sky.

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