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ZDF-Doku „Kaiserspiel“ : Krone auf, marsch, marsch!

Männer in Uniform: Bismarck (Thomas Thieme) und Napoleon III. (Hubertus Hartmann) Bild: ZDF/Stanislav Honzík

War Bismarck ein Vorläufer von Helmut Kohl? Thomas Thieme jedenfalls spielt ihn so im ZDF, und die Dokumentation „Kaiserspiel“ zur deutschen Reichsgründung von 1871 bietet dazu den passenden Rahmen.

          3 Min.

          Wer „Kaiserspiel“ sieht, muss bedauern, dass die Geschichte kein Roman ist. Wäre sie es, könnte Friedrich Wilhelm, der blondbärtige Thronfolger des Königreichs Preußen, eine verzehrende Af­färe mit der glutäugigen französischen Kaiserin Eugénie anfangen, deren Leidenschaft für ihren an Blasensteinen leidenden Gatten Napoleon III. längst er­kal­tet ist.

          Andreas Kilb
          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Die Belagerung von Paris würde nicht viereinhalb Monate – diese Wartezeit hält niemand aus –, sondern zwei Wochen dauern, und in dieser Frist würden sich stramme germanische Recken mit fanatischen combattants der nach Napoleons Niederlage ausgerufenen Republik mehrere pittoreske Ge­fech­te liefern (natürlich ohne Gesichtswunden, wir sind in der Hauptsendezeit).

          Die Anarchistin und Kommune-Kämpferin Louise Michel wäre ein nicht nur im politischen, sondern auch im erotischen Sinn männermordendes Weib, dem zahlreiche leichtsinnige Offiziere des Feindes zum Opfer fielen. Und die beiden alten Damen, die in der Rahmenhandlung im Jahr 1919 auf Schloss Arenenberg am Schweizer Un­ter­see zu­sam­men­tref­fen, würden nicht bei Tee und Waldbeerschnittchen Kon­ver­sa­ti­on treiben, sondern einander die Augen auskratzen und die Turmfrisuren verwüsten.

          Männer-Affäre und Frauen-Revue

          Aber die Geschehnisse, um die „Kaiserspiel“ kreist, waren leider alles andere als romanesk, und daran hat dieser tapfer mit Spielszenen aufgepolsterte Fernsehfilm schwer zu tragen. Die Proklamation vom 18. Januar 1871, mit der das deutsche Kaiserreich seinen Platz unter den Nationen Europas einnahm, wurde von alten weißen Männern ins Werk gesetzt, und weiße Männer mit Bärten waren es auch, die den Festakt im eiskalten Spiegelsaal von Schloss Versailles auf Schlachtfeldern und in Hinterzimmern vorbereitet hatten. Das wissen auch Lo­thar Machtan und Dirk Kämper, die das Drehbuch zu „Kaiserspiel“ verfasst haben, und der Re­gis­seur Christian Twente, der es inszeniert hat. Aber sie wissen auch, was sie dem ZDF-Publikum schuldig sind, und deshalb versucht ihr Geschichtspanorama beides gleichzeitig zu sein: eine historische Vorlesung und ein bunter Abend; eine Männer-Affäre und eine Frauen-Revue.

          Das gelingt nicht ganz. Vor allem da, wo es um die sogenannte Realpolitik geht, also um die militär- und rechtsgeschichtlichen Ereignisse, die dem 18. Januar vorausgingen, wischen Autoren und Regie oft all jene präzisierenden De­tails beiseite, ohne die das Geschehen nicht wirklich zu verstehen ist. So wird mit keinem Wort erwähnt, dass der „Reichstag“, von dem ge­le­gent­lich die Rede ist, keineswegs die noch gar nicht gewählte Volksvertretung des deutschen Kaiserreichs, sondern das Parlament des Norddeutschen Bun­des war, dessen Verfassung auch zur Grundlage der neuen Reichsverfassung wurde. Über die Deputation, die aus Berlin nach Paris reist, erfährt man nur, dass Bismarck sie „de­vo­t“ zu sehen wünscht – dabei waren die von Eduard von Simson, einem Veteranen der Re­vo­lu­tion von 1848, angeführten Parlamentarier alles andere als un­ter­wür­fig. Immerhin wird die Rolle, die der Diplomat Ma­xi­mi­li­an von Holnstein bei den Verhandlungen mit dem widerspenstigen Bayernkönig Lud­wig spielte, gebührend gewürdigt. Das Geld, mit dem Bismarck dem Erbauer von Neuschwanstein die Reichsgründung versüßte, stammte aus dem Staatsschatz des 1866 von Preußen annektierten Königreichs Hannover. Über den Raub als Leitmotiv der deutschen Geschichte könnte man eine eigene Dokumentation drehen.

          Martialischer Gründungsakt: Wilhelm I. (Peter Meinhardt, Mitte) im Spiegelsaal von Schloss Versailles
          Martialischer Gründungsakt: Wilhelm I. (Peter Meinhardt, Mitte) im Spiegelsaal von Schloss Versailles : Bild: ZDF/Stanislav Honzík

          So nonchalant wie die politische handhabt der Film die persönliche Seite des Ge­schehens. Von Wilhelm I. sieht man zu­erst die nackten Greisenfüße, was dramaturgisch durchaus interessant wäre, wenn der bockige Alte (Peter Meinhardt), der auf keinen Fall „deutscher Kaiser“ heißen will, mehr als nur Staffagefunktion hätte. Aber außer Bismarck, den Thomas Thieme als pickelhaubengekrönten Vorläufer von Helmut Kohl anlegt – nur der Schlafrock, in dem er seine Zigarre pafft, hätte nicht zum Kanzler der Einheit ge­passt –, gibt es in „Kaiserspiel“ keine wirklich handelnden Personen. In einer der ersten Einstellungen zeigt der Film die Mächte Europas als Spielfiguren auf einem Brett aus Puzzlestücken. Die schiefe Metapher steht für eine grundsätzliche Schieflage des Blicks. Bismarck, darin lag sein Genie, wusste, dass die Mächte Menschen waren, die er bezirzen, bestechen und einschüchtern könnte. Das „Kaiserspiel“ weiß es nicht.

          Interessant ist, was der Film weglässt. Über Louise Michel (Oona von Maydell) heißt es zuletzt nur noch, sie habe eine führende Rolle beim „Aufstand der sogenannten Pariser Kommune“ gespielt. Über die Kommune selbst kein Wort. Dabei hat der Bürgerkrieg die Hauptstadt endgültig den deutschen Siegern ausgeliefert. So entstehen Dolchstoßlegenden. Aber Frankreich hat sich nach 1871 wieder ausgesöhnt, das Deutsche Reich nach 1918 nicht. Darüber hätten sich die beiden adligen Greisinnen auf Schloss Arenenberg unterhalten können. Aber ein Fernsehspiel ist eben weder ein Roman noch eine Vorlesung. Sondern irgendetwas dazwischen.

          Kaiserspiel, heute um 20.15 Uhr im ZDF.

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