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Michel Houellebecq bei Arte : Dieser Mann ist nicht zu fassen

  • -Aktualisiert am

Inszeniert sein eigenes Verschwinden: Michel Houellebeqc, hier bei der Präsentation des Films in Madrid Bild: dpa

Zwischen Zigaretten, Rotwein und einer Dorfschönheit: Arte zeigt „Die Entführung des Michel Houellebecq“. Der Künstler bestätigt darin alle Vorurteile, mit denen man ihm begegnet - macht er sich über uns lustig?

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          Der französische Schriftsteller Michel Houellebecq gilt als scheu. Aber wenn man sich ansieht, wie er in den vergangenen Monaten in die Öffentlichkeit getreten ist, und zwar nicht nur durch das Publizieren von Büchern, dann beginnt man, an dieser Zuschreibung allmählich zu zweifeln.

          Lena Bopp

          Redakteurin im Feuilleton.

          Im April war er beispielsweise in einem Musikvideo von Jean-Louis Aubert zu sehen, dem früheren Sänger der legendären Band „Téléphone“, der seine Gedichte vertonte. Erst vor kurzem erschien auch der Trailer zu dem Film „Near Death Experience“, in dem Houellebecq offensichtlich die Hauptrolle spielt, wobei man ihn so wie hier noch nie gesehen hat: In hautenge Sportlerkleidung gezwängt fährt er mit dem Rennrad durch die Berge, räsoniert über die Leere seines Daseins, trinkt Wasser aus einem Pool und führt dann vor dunkel umwölktem Himmel eine Art Regentanz auf. Der Film kommt im September in die französischen Kinos.

          Schon heute Abend kann man Houellebecq aber auch im Fernsehen begegnen. Wieder in einer Hauptrolle. Wobei lange Zeit nicht klar wird, ob es überhaupt eine Rolle ist, in die der Schriftsteller da schlüpft. In „Die Entführung des Michel Houellebecq“ wird jedenfalls die Geschichte jenes von Houellebecq verkörperten Monsieur Houellebecq erzählt, der eines Tages von drei Männern in seiner Wohnung überwältigt, in eine grüne Kiste gepackt und aufs Land gebracht wird. Die Episode nimmt Bezug auf eine wahre Begebenheit im Jahr 2011, als tatsächlich ein paar Tage lang die Meldung durchs Netz geisterte, der Schriftsteller sei verschwunden. Erst kurz zuvor war sein letzter Roman „Karte und Gebiet“ erschienen, und Houellebecq wurde eigentlich zu Lesungen im Ausland erwartet. Bei denen tauchte er aber nicht auf. Zu erreichen war er auch nicht. Eine Weile blieb er verschwunden und gab Rätsel auf.

          Eine einzige Parodie

          In dem Film, den der Regisseur Guillaume Nicloux als „halbdokumentarisch“ bezeichnet hat, steht Houellebecq nun im Kreis seiner drei unmaskierten Entführer und versichert, er habe noch nie einen Termin verpasst, man werde ihn bestimmt vermissen. Das beeindruckt die drei indes wenig. Was sie wollen? Man weiß es nicht. Wer ihnen Geld versprochen hat? Man wird es nicht erfahren. Warum sie Houellebecq dennoch vertrauen? Schwer zu sagen. Fest steht nur, dass sich zwischen den vieren freundschaftliche Bande entwickeln, die dazu führen, dass alle irgendwann etwas von sich preisgeben.

          Das gilt auch für Houellebecq selbst: Seine größte Leidenschaft gilt jedenfalls den Zigaretten (die er stets zwischen Mittel- und Ringfinger hält), dem Rotwein und Fatima, der jungen, arbeitslosen Dorfschönheit, die bestellt wurde, um ihm seine Geburtstagsnacht zu verschönern. Außerdem erfahren wir, dass er die stadtplanerischen Visionen von Le Corbusier für eine Katastrophe hält, den französischen Literaturbetrieb konformistisch und die Europäische Union antidemokratisch findet, weshalb er hofft, dass die Zustände eines Tages zu einem Aufstand führen - „Brüssel“, sagt er, „ist gut für einen Bürgerkrieg.“

          Zwischendurch rangelt der schmächtige Schriftsteller mit einem seiner Entführer auf dem Boden, weil der ihm das Kickboxen beibringen will. Mit einem anderen versucht er die Marseillaise zu pfeifen, was ihm nicht gelingt. Dann besäuft er sich mit allen dreien beim Abendbrot, lacht sich halb schlapp, als einer von ihnen ein zu Schülerzeiten selbst verfasstes Gedicht aufsagt und verspricht, bei seiner Rückkehr in die Zivilisation nichts von all dem Erlebten zu verraten. Dabei ist Michel Houellebecq die ganze Zeit über genau so, wie man ihn sich vorgestellt hat: vollkommen unbekümmert, was seine Wirkung auf andere angeht, zerbrechlich, emotionslos und tatsächlich ein bisschen autistisch.

          Den Raum zur Improvisation, den Guillaume Nicloux ihm in seinem Film lässt, füllt er jedenfalls mit Gesten und Sätzen, die so bedeutungslos sind, dass sie sich ständig an den Anforderungen des Genres brechen. Weil man sich aber nicht vorstellen kann, dass Houellebecq das nicht weiß, entsteht zum Ende hin der immer entschiedenere Eindruck, dass dieser Film eine einzige Parodie und Houellebecq fürwahr kein schlechter Schauspieler ist. Er verbirgt sich einfach hinter dem Bild, das die Öffentlichkeit sich von ihm macht, und bleibt so auch im Rampenlicht, was er immer war - nicht zu greifen.

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