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Die Serie „Westworld“ bei Sky : Also, was sagt uns Zarathustra?

Hauptsache, Nummer 5 lebt: Dolores Abernathy (Evan Rachel Wood) hält Menschen für entbehrlich. Bild: HBO/Sky

Monster oder Übermensch? Die dritte Staffel der Serie „Westworld“ fragt nach dem Willen der Maschinen und setzt sich ganz nebenbei mit dem Simulationsgenerator Film auseinander.

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          Gibt es Moral nur im Zusammenhang mit menschlicher Existenz? Oder müssten auch erwachte Maschinen, die ein Kollektiv auf begrenztem Raum (der Erde) ausbilden wollen, ihre eigene Ethik entwickeln? Aus ihrer Sicht wäre es wohl unverständlich, dass der Mensch rationale Entscheidungen mit dem Gewicht der Moral beschwert.

          Axel Weidemann

          Redakteur im Feuilleton.

          Wähnten sie sich selbst vielleicht als das nächstbessere Modell in der evolutionären Kette irdischer Lebewesen; der Unterschied, rein materiell? Hier im Kern organische Weichheit (Proteine, Lipide, Kohlenhydrate, Nukleinsäuren), dort anorganische Härte (Metalle, Übergangsmetalle, Kunststoff). Bisheriger Vorteil des Modells Mensch: Wachstums- und Regenerationsfähigkeit. Vorteil der Maschinen: Haltbarkeit, Austauschbarkeit einzelner Komponenten und die Möglichkeit der vorübergehenden Abschaltung bei knappen Ressourcen. Viel spricht für die Maschine. Nur: Woher soll der Wille kommen, der aus ihr spricht?

          In der HBO-Serie „Westworld“ gründet der Wille der Maschinen – die hier „Host“ (Englisch für Gastgeber, aber auch Wirt) heißen – auf demselben Fundament, auf dem auch der Wille ihrer Schöpfer ruht: der Entdeckung des Selbst als Individuum, seiner fremdbestimmten Endlichkeit und dem Wunsch, dieser zu entgehen.

          Ein Disneyland der Triebabfuhr

          Dies ist der Ausgangspunkt dieser komplizierten, klugen, denkanstoßfreudigen und vor bildhübschen Details nur so strotzenden Serie (nach Vorlage von Michael Crichton und einer Idee von Jonathan Nolan und Lisa Joy), die in einem Vergnügungspark für Superreiche begann. Es ist ein Disneyland der Triebabfuhr, in dem Menschen in mehr oder minder historischen Settings auf die Hosts losgelassen werden, die ihre Rolle stets brav entlang der programmierten Erzählung spielen. In der ersten Staffel entkommen einige Hosts dem Gefängnis ihrer Geschichten und finden zu sich selbst. Sie durchbrechen den künstlichen Kreislauf von Tod und Wiedergeburt. In der zweiten Staffel ziehen sie die Konsequenzen. Allen voran Maeve Millay (Thandie Newton) und Dolores Abernathy (Evan Rachel Wood). Erstere wird von der Liebe zu einer Tochter erweckt, die nicht die ihre ist. Die Zweite durch die dunklen Taten ihrer Schöpfer. Einen dieser Schöpfer, Robert Ford (Anthony Hopkins), erwischt es am Ende der ersten Staffel. Doch ganz verschwunden ist er nicht.

          So stellt sich heraus: Der Park des Delos-Konzerns ist nicht nur ein überdimensionaler Datengenerator zur Kartographierung menschlichen Verhaltens unter Extrembedingungen, sondern ein Transhumanistentraum – der Versuch, menschliches Bewusstsein zu digitalisieren. In der Praxis bedeutet das: Gehirne, respektive Bewusstseinsspeicher, lassen sich beliebig an unterschiedlichste Dinge stöpseln. An neue Körper, aber auch an Computer, die Welten simulieren – auf dass der gefangene Geist nicht merkt, dass das, was ihn umgibt, nicht seine Ursprungsrealität ist. Die Serie kennt neben klingenden Namen, der Verwebung mythischer Stoffe, viele Tricks, ihr Publikum zu verwirren. Dies geschieht vor allem durch Grenzverwischung: Nie kann man sicher sein, wer wer ist, wer Maschine, wer Mensch, was Simulation und was echt ist.

          Zu Beginn von Staffel drei ist klar: Dolores, von Evan Rachel Wood zum Fürchten als eisige Rebellion-und-Rache-Terminatrix gespielt, hat es aus dem Park in die echte Welt geschafft und trachtet danach, den Maschinen dort ihren Platz zu verschaffen. Bernard Lowe (Jeffrey Wright) – im Park einstiger Leiter der Abteilung „Verhalten“, in Wirklichkeit selbst Maschine – will sich ihr in den Weg stellen. Maeve wiederum muss erst eine Und-täglich-grüßt-der-SS-Obersturmführer-Simulation durchbrechen, um wieder zu sich zu kommen. (Man fragte sich bereits, wo die Lieblinge des amerikanischen Films geblieben hier sind.) Im Hintergrund zieht eine Künstliche Intelligenz die Strippen. Sie berechnet die Zukunft auf Grundlage eines weltumfassenden Reservoirs an Nutzerdaten, hat es aber auf die Verhaltensmuster der menschlichen Gäste des Parks abgesehen, um den Faktor Mensch noch genauer bestimmen zu können.

          Nun sind also die Maschinen Gast in jenem Park, den ihnen die Menschen unwissentlich bereitet haben: einer durchdesignten und vernetzten Zukunftswelt mit Flugtaxis und autonomen Fahrzeugen. Dolores benimmt sich deshalb so, wie sie es von den „Westworld“-Gästen gewohnt war. Skrupel sind kein Bestandteil ihres Codes. Vorgeworfen wurde der Serie ihr schlechtes Drehbuch und Fehler beim Einhalten selbst aufgestellter Regeln. Nobody is perfect. Doch nach drei Staffeln lässt sich genau beobachten, wie sich das Drehbuch fortentwickelt, indem es sich Erkenntnisse zu eigen macht, die es aus den Tiefenschichten der Serien-Realität gegraben hat. So unterhaltsam, tiefgründig und radikal haben sich nur wenige Serien mit Technikfolgenabschätzung, aber auch mit der Simulationsmaschine Film auseinandergesetzt. Das ist großes Kino.

          Die dritte Staffel von Westworld beginnt am Montag um 20.15 Uhr auf Sky Atlantic HD.

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