https://www.faz.net/-gqz-8v4ic

Doku „Schlagerland“ im Ersten : Wer singen will, muss fühlen

Traum vom großen Erfolg: Die Sängerin Franziska Wiese nimmt ihr erstes Album auf. Bild: SWR/C-Films Deutschland GmbH

Deutschland ist das Land der Schlagermusik. Aber wie geht es hinter den Kulissen dieses Musikgeschäfts zu? Die ARD begleitet eine junge Sängerin, und der alte Mallorca-Barde Jürgen Drews dreht voll auf.

          2 Min.

          Ihre Stimmen sind dunkler geworden. Dafür treten sie dieser Tage im Hellen auf, beim Beelitzer Spargelfest oder in der Berliner Waldbühne. Sie, das sind die alten Sänger – man muss wohl fast Barden sagen –, die Gitarren umklammern, obwohl sie keine brauchen; Männer, die unermüdlich Zeilen singen wie, „Seit wir uns kennen/So kann kein Feuer brennen/Ihr müsst sehen/Denn dann werdet ihr verstehen“.

          Axel Weidemann

          Redakteur im Feuilleton.

          Die letzte Zeile aus dem Hit „Wie ein Stern“ des DDR-Schlagerstars Frank Schöbel hat der Regisseur Arne Birkenstock wörtlich genommen und versucht, das deutsche „Schlagerland“ abzubilden. Warum er das tut, sagt er mit dem ersten Satz seiner Dokumentation: „Ein Einundsiebzigjähriger spielt ein vierzig Jahre altes Lied, und 22000 Menschen jedweden Alters feiern dazu.“ Gemeint ist der selbsternannte König von Mallorca und (Menschen-)Fänger im Kornfeld, Jürgen Drews, der vor und nach der Show die Rolle spielt, die man von ihm erwartet. Selten, dass eine Frau ohne anerkennenden Blick und ein onkelhaftes „Gut siehst du aus!“ davonkäme. Doch haben die Homestory-Szenen à la Drews auch Gag-Potential. Sagt er zu seiner Frau: „Fall nicht vom Pferd.“ Sagt sie: „Fall nicht von der Bühne.“

          Jubel, Trubel, Heiterkeit: Bei Andreas Gabalier ist das garantiert.

          Weitere übliche Verdächtige wie der Komponist Ralph Siegel oder der Sänger Costa Cordalis fehlen nicht. Als Protagonistin aber hat sich Arne Birkenstock die neunundzwanzigjährige Franziska Wiese ausgesucht. Mit der Sängerin aus Spremberg exerziert der Regisseur anschaulich durch, was den großen „Wanderzirkus“ des Schlagerbusiness ausmacht, mit all dem basslastigen Leuchten, Rauch und seit Helene Fischer auch Akrobatik. Zu Beginn sehen wir Franziska Wiese mit braunen Locken in dem kleinen Husumer Studio von Thorsten Brötzmann, der als Arrangeur, Komponist oder Produzent von „Ace of Base“, über „Motörhead“ bis zu Howard Carpendale schon mit aller Art musikalischer Hochglanzpolitur zu tun hatte. „Irgendwo drehen die Gedanken Kreise, sind mal leis und mal laut“, singt Franziska Wiese, bis sich ihr Produzent aus den verschiedenen Takes die besten Versatzstücke für die letztgültige Mischung herauspicken kann. Später begleitet die Kamera von Thomas Schneider sie zu ihrem ersten Auftritt vor Branchengrößen und Musikjournalisten in München. Der könnte ihr, wenn es gut läuft, einen Auftritt bei der ARD-Show „Das große Schlagerfest“ bescheren, der öffentlich-rechtlichen Plattform, auf der die Schlagersänger zu Stars oder Sternschnuppen werden.

          Nach Exkursen in die Welt gut gebräunter Tanzcafé-Besucher im Ruhrgebiet und in die Schlagergeschichte der DDR tritt der zurzeit vermutlich mächtigste Mann im Business, der Produzent des „Schlagerfestes“, Michael Jürgens, auf. Er erklärt schnörkellos, warum er Franziska Wiese nicht in die Show holt: Ihre Musik sei unter „zu viel Lockenwicklern und zu viel Lippenstift versteckt“. Er empfiehlt: „abrüsten“, „barfuß und bewusst“. In den entscheidenden Szenen kommt die Kamera Franziska Wiese leider nicht sehr nah. Doch wenn sie später mit überholtem Look – glatte helle Haare, unauffälliger Lippenstift – fragt, was sie vor der Kamera überhaupt noch sagen darf, wird offenbar, welche Regeln im Schlagerland gelten.

          Apropos: Von Helene Fischer, die im Schlagerland die unangefochtene Königin der Nacht gibt, sehen wir nur Konzertmitschnitte. Zu Wort kommen ihr Texter Tobias Reitz, ihr Produzent Jean Frankfurter und die Komponistin des Hits „Atemlos durch die Nacht“, Kristina Bach. Was immer sie sagen – die Stimme von Helene Fischer, die das „Schlagerland“ am besten von allen kennen sollte, fehlt in diesem Chor. Aber auch ohne sie zeigt Arne Birkenstock ein Business, das von einer unerbittlichen Härte getrieben ist, von der die Musiker ihre Fans durch ihre Lieder ablenken wollen.

          Weitere Themen

          Phönix aus der Asche?

          Institut für Rundfunktechnik : Phönix aus der Asche?

          Das von den öffentlich-rechtlichen Sendern getragene Institut für Rundfunktechnik ist eigentlich am Ende. Denn alle Gesellschafter haben gekündigt. Nun liegt der Geschäftsbericht für 2019 vor. Er zeigt: Die Technikschmiede hat noch Pläne.

          „Married“ Video-Seite öffnen

          Trailer : „Married“

          Die Serie „Married“ läuft beim Pay-TV-Sender ProSieben Fun.

          Topmeldungen

          Corona-Medikament für Europäer : Eine Zwangslizenz für Remdesivir?

          Die EU hat das erste Medikament gegen Covid-19 zugelassen – doch vorerst liefert der Hersteller Gilead nur nach Amerika. In Brüssel wird Druck aufgebaut: Notfalls könne man Remdesivir auch gegen den Willen von Gilead für Europa herstellen lassen.

          Lübcke-Prozess : „Der hat immer so aufgestachelt“

          Im Lübcke-Prozess belastet Stefan E. den wegen Beihilfe angeklagten Markus H. schwer – und befeuert Gerüchte, wonach H. für den Verfassungsschutz gearbeitet haben könnte.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.