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„Kulenkampffs Schuhe“ in der ARD : Mach sie alle wieder ganz

  • -Aktualisiert am

Hier ist die Welt wieder in Ordnung: Hans-Joachim Kulenkampff in seiner erfolgreichen Quizsendung „Einer wird gewinnen“. Bild: SWR

Beruhigungsmittel für eine traumatisierte Generation: In ihrem Filmessay „Kulenkampffs Schuhe“ zeigt Regina Schilling auf, was die Nachkriegsunterhaltung der Bundesrepublik in Wirklichkeit war.

          Wenn sich die Familie der Dokumentarfilmerin Regina Schilling in den Sechzigern und Siebzigern samstagabends vor dem Fernseher versammelt, gibt es für einige Stunden weder Kriegsvergangenheit noch Zukunftskampf. Für den Vater sind Shows wie „Einer wird gewinnen“ mit Hans-Joachim Kulenkampff „die reinste Medizin“. Sein Herz ist schwach, aufregen darf er sich nach einem frühen Infarkt nicht mehr. Das Dasein als selbständiger Drogist mit zwei Geschäften ist, zumal seit dem Wegfall der Preisbindung, hart genug. Über den Krieg wird nicht gesprochen.

          Das Sedativum Unterhaltungsshow wirkt nur eine Zeitlang lebensversichernd, auch das Kettenrauchen spielt eine Rolle. Mit 42 Jahren stirbt Schillings Vater während einer Kur, die Regisseurin ist elf. Und hat, so erzählt sie es in ihrem aus Archivmaterial gebauten Filmessay „Kulenkampffs Schuhe“, drei Ersatzväter: den Gastgeber von „Einer wird gewinnen“, den Sunnyboy-Entertainer Peter Alexander und Hans Rosenthal, den vielgeliebten Quizmaster von „Dalli Dalli“. Alle drei sind etwa so alt wie Schillings Vater, geboren im Jahr 1925. Sie bringen nicht nur in ihre Familie Verlässlichkeit und Unterstützung bei Verleugnung und Verdrängung, sondern der bundesrepublikanischen Nachkriegsgesellschaft insgesamt. Das Leben ist wenigstens am Samstag ein „Wunschkonzert“.

          „Werden nicht mehr frei sein ihr ganzes Leben“

          In der väterlichen Drogerie werden unter der Woche Baldrian, Vita Buerlecithin, Frauengold und Doppelherz in großer Zahl abgesetzt. Die Waschmittelmarke Persil wirbt mit Zeichentrick-Pinguinen, deren graue Westen im Handumdrehen weiß erscheint. 1965 antwortet Konrad Adenauer in einem Fernsehgespräch auf die Frage, ob das deutsche Volk traumatisiert sei, es habe „zu viel erleben müssen“, und meint nicht nur Nationalsozialismus und Weltkrieg. Er spricht von „moralischen Verwüstungen“ und von beständiger „innerer Unruhe“. In Hitlers „Reichenberger Rede“ 1938 vor der Hitlerjugend, hieß es: „Und sie werden nicht mehr frei sein ihr ganzes Leben.“

          „Einer wird gewinnen“: Hans-Joachim Kulenkampff und Martin Jente (rechts), der „Butler“.

          Kulenkampff kokettiert später mit der von Kritikern monierten Harmlosigkeit seiner Sendung: „Mit acht Nationen einen friedlichen Abend verbringen, richtig schön langweilig“, das sei doch was angesichts der jüngeren deutschen Geschichte. In den besten Jahren erzielt er Einschaltquoten von neunzig Prozent. Die „EWG“-Kulisse mit den gemalten beleuchteten Hochhäusern, die nach New York aussieht, die internationalen Gäste, die Kindergeburtstagsspiele, die charmanten Anzüglichkeiten des Moderators, die Showtreppe und Stars wie Caterina Valente – all das ist, wie Schilling in ihrer höchst subjektiven, aber exemplarischen Untersuchung zeigt, weniger harmlos, als sie damals wissen kann. Insbesondere die späteren, aus Amerika importierten Quizshows bedienen das „Re-Education“-Kalkül der westlichen Siegermächte. Das ist bekannt. Lutz Dammbecks Grimme-Preis-nominierter Film „Overgames“ beispielsweise zieht die Einflusslinien bis hin zu Methoden der Behandlung von Psychiatriepatienten durch forensische Spiele in Amerika.

          Schillings Film streift das Thema zwar – „für meinen Vater waren diese Showmaster wie Therapeuten“. Der faszinierendste Befund ihrer Arbeit mit dem Fernseharchivmaterial, der durch private Super-8-Filme, zahlreiche Fotos und Dokumente gestützt und ergänzt wird (Montage Jamin Benazzouz), ist aber ein anderer. Kulenkampff etwa macht häufig Witze über den Krieg, was dem Mädchen damals entgeht. Hans Rosenthal, jüdischer Herkunft, überlebte im Versteck einer Berliner Laube, sein Bruder wurde deportiert und erschossen. Später schreibt und spricht Rosenthal darüber im Interview mit Joachim Fuchsberger. Selbst beim ewig lustigen Peter Alexander gibt es wehmütige Chansons über Ruinen und zerbombte Städte: „Berlin hat mich mit einem Teppich empfangen – einem Bombenteppich.“

          Unter der Oberfläche der Harmlosigkeit dieser Unterhaltungsshows gibt es überall Bodenloses. Einiges sieht man erst durch Schillings Film. Manches ist vorher bekanntgeworden. Martin Jente, der als Butler Kulenkampff am Ende der Show stets hinauskomplimentiert und der auch Produzent von „EWG“ ist, diente als SS-Hauptscharführer und Adjutant im Führerhauptquartier, wie sich bei Sichtung seines Nachlasses herausstellt.

          Auch Horst Tappert, der 1970 in einem Fernsehspiel einen Drogisten vor der Geschäftsaufgabe spielt –, die Parallelen zum imaginierten Leben von Schillings Vater sind evident – war Soldat bei der SS. Unter Kulenkampffs glänzendem Showschuh verbarg sich ein Fuß, dem vier erfrorene Zehen fehlten, die er sich als junger Soldat an der Ostfront mit dem Taschenmesser abgeschnitten hatte. Robert Lembke hatte einen jüdischen Vater. Einmal kommt in „Dalli Dalli“ eine Maschine zum Einsatz, die Porzellanscherben zusammenklebt. Die Mitspieler schaufeln am einen Ende Zerbrochenes hinein und ziehen am anderen Kannen und Tassen auf Tabletts heraus. Eine solche Art Maschine ist in „Kulenkampffs Schuhe“ auch die Nachkriegs-Unterhaltungsshow. Eine unterhaltsame Reparaturidee, aber eben nichts als Illusion.

          Kulenkampffs Schuhe läuft heute, Mittwoch 8. August, um 22.30 Uhr im Ersten.

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