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„Hitlers Geheimwaffenchef“ : Der verschwundene SS-General

Hans Kammler (Mitte) auf dem Weg zu einer rüstungstechnischen Anlage bei Ebensee (1944). Bild: ZDF und AFHRA Maxwell Airforce B

Hans Kammler gehörte nie zur engeren Führung des NS-Regimes. Dennoch war er mitverantwortlich für den Holocaust. Im Mai 1945 soll er Suizid begangen haben. Doch daran gibt es große Zweifel, wie das ZDF zeigt.

          Hans Kammler war ein Nazi wie aus einem Hollywood-Drehbuch: kein schmerbäuchiger Büromensch wie so viele andere Funktionsträger des „Dritten Reiches“, sondern schlank, groß, blond, energisch, hochintelligent und völlig skrupellos. Die schwarze Uniform saß ihm wie angegossen. In einer solchen marschiert ein ihm nicht eben ähnlich sehender Schauspieler durch die Reenactment-Szenen, ohne welche auch die Dokumentation über „Hitlers Geheimwaffenchef“ nicht auskommt, die das ZDF morgen Abend zeigt.

          Ulf von Rauchhaupt

          Verantwortlich für das Ressort „Wissenschaft“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Es gibt gute Gründe, sich in einer Fernsehdokumentation mit dem SS-Obergruppenführer Hans Kammler zu befassen. Der 1901 in Stettin geborene promovierte Bauingenieur gehörte zwar nie zur engeren Führung des NS-Staates, doch war er einer der Hauptverantwortlichen für die Durchführung des industriell organisierten Massenmordes an den europäischen Juden sowie für Leid und Tod vieler anderer KZ-Insassen. Kammler organisierte den Bau von Auschwitz-Birkenau, Majdanek und Belzec. Er verlegte die Produktion der V2-Raketen in Rekordzeit in die Stollen von Nordhausen. Und in den letzten Wochen des Krieges, da hatte er auch noch die Produktion der damals neuartigen Düsenjets unter sich, trieb er Ähnliches in den österreichischen Alpen voran. Allein wegen der Sklavenarbeiter, die unter seiner Leitung starben, hätte er in Nürnberg angeklagt werden müssen.

          Doch dazu kam es nie. Aufgrund von Zeugenaussagen, die alle aus dem Umfeld seiner Untergebenen stammen, wurde amtlich, dass Hans Kammler am 9. Mai 1945 nahe Prag durch Suizid starb. Zweifel daran gab es immer, doch ihnen nachzugehen war keine Aufgabe, die einer Historikerkarriere förderlich gewesen wäre. Geheime Waffenprogramme in unterirdischen Alpentunneln und ein verschwundener SS-General, das klingt zu sehr nach dem Stoff von Thrillern, nach Reichsflugscheiben und anderer NS-Esoterik. Schon 2014 aber hatte der Berliner Historiker Rainer Karlsch auf Indizien dafür hingewiesen, dass Kammler in Wahrheit dem amerikanischen Geheimdienst in die Hände fiel und in dessen Gewahrsam den Krieg überlebt hat. Aber es waren eben nur Indizien, allen voran die Aussagen der Söhne eines 1997 verstorbenen amerikanischen Offiziers, der Kammler verhört und betreut haben soll. Mittlerweile kann Karlsch mit härterer Evidenz aufwarten. Dieser Tage veröffentlichten er und der Journalist Frank Döbert beim „Cold War International History Project“ des Woodrow-Wilson-Centers in Washington einen Fachartikel über neu aufgefundene Dokumente, die kaum anders zu deuten sind, als dass Hans Kammler zumindest im November 1945 noch am Leben war und die Amerikaner Zugriff auf ihn hatten.

          Landete Hans Kammler bei den Amerikanern? Das ZDF hat Hinweise.

          Damit allein, zusammen mit dem lehrreichen Abriss der prototypischen Karriere Kammlers als eines Technokraten im NS-Reich, hätten sich 45 spannende, aufwendig produzierte Filmminuten ohne weiteres füllen lassen. Allerdings hätten viele Zuschauer vielleicht auch noch einige Fragen interessiert, die in der Dokumentation allenfalls gestreift werden, etwa zum Ausmaß des Wissensvorsprungs der Deutschen beim Thema Strahlflugzeuge, Kammlers letztem Tätigkeitsfeld.

          Schließlich müsste den Amerikanern bald aufgefallen sein, dass sie mit Kammler einen Baumanager, aber keinen zweiten Wernher von Braun im Netz hatten. Warum sie dennoch den Aufwand trieben, ihn unter Verschluss zu halten, anstatt ihn nach Nürnberg zu schicken, bleibt mysteriös. Zeithistorisch informierte Spekulationen darüber wären vielleicht interessanter gewesen als wilde Andeutungen über Gesichtsoperationen und Identitätswechsel, von denen nicht im Ansatz klar wird, was und ob überhaupt sie zur Plausibilität von Karlschs Kernthese beitragen sollen.

          Hitlers Geheimwaffenchef – Die zwei Leben Hans Kammlers läuft am Sonntag um 23.45 Uhr im ZDF.

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