https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/medien/die-dokumentation-brasilien-und-der-fall-lula-da-silva-bei-arte-18359636.html

Wahl in Brasilien : Das Duell der Alphamänner

  • -Aktualisiert am

Luiz Inácio Lula da Silva im Wahlkampf Bild: © Nofoco Filmes

Brasilien steht vor einer schicksalshaften Stichwahl. Was auf dem Spiel steht, zeigt die Dokumentarfilmerin Maria Ramos bei Arte. Es geht um nicht weniger als den Fortbestand der Demokratie.

          3 Min.

          Jede Wahl ist eine Schicksalswahl, sollte es zumindest sein, wenn es gut demokratisch zugeht. Und doch wirkt die Situation selten so zugespitzt wie bei der Präsidentenwahl in Brasilien, die nun in eine Stichwahl mündet. Die Bilanz des rechtsradikalen Amtsinhabers Jair Bolsonaro ist verheerend: Der Hunger ist zurück in dem rohstoffreichen Land; knapp 700.000 Menschenleben hat die verleugnende Haltung gegenüber der Corona-Pandemie nach offizieller Zählung gekostet; der Staatschef torpediert das Vertrauen in die wichtigsten Institutionen des Landes gezielt, und im Amazonas verliert die Menschheit so viel wertvollen Dschungel wie nie zuvor.

          Dass Bolsonaro überhaupt Chancen hat

          Dass ein solcher Präsident überhaupt Chancen auf eine Wiederwahl hat, zeigt schon, dass etwas im Argen liegt. Ein Pro­blem hat das ideologisch gespaltene Land aber auch mit dem Machismo. Beide Kandidaten, der Demokratiefeind Bolsonaro und sein Herausforderer, der aus einfachen Verhältnissen stammende und von 2003 bis 2010 das Land recht erfolgreich regiert habende Luiz Inácio Lula da Silva, sind Männer um die siebzig, die mit ihrer Männlichkeit prahlen. Lula versichert, „die Libido eines Zwanzigjährigen“ zu besitzen; Bolsonaro ließ „Imbrochável“-Sprechchöre („dauererigiert“) anstimmen.

          Zahlreiche Dokumentationen, so auch der erste, spannende Beitrag des Arte-Themenabends zur Brasilienwahl („Lula oder Bolsonaro, das Duell“), verlegen sich auf den Zweikampf zwischen den Alphamännern. Man sieht dann stets die entschlossenen Anhänger der Kontrahenten: die in breiter Zahl demonstrierenden Lula-Linken und die martialisch auftretenden Bolsonaro-Fans, darunter Militärs, geifernde Evangelikale und bewaffnete Rechtsradikale, aber auch ganz normale Bürger und Prominente wie Neymar. Selten fehlt die berechtigte Warnung, es könnte zu gewalttätigen Auseinandersetzungen kommen, sollte Lula, wie prognostiziert, die Wahl gewinnen. Ein wenig geht dabei unter, dass die wichtigste Phase des Duells in der Vergangenheit liegt. Um zu verstehen, warum die Gräben unüberbrückbar erscheinen, lohnt die detaillierte Beschäftigung mit dem skandalösen Vorgehen gegen die verbreitete Korruption in Brasilien („Lava Jato“, 2014 bis 2021), das Lula für 580 Tage ins Gefängnis brachte. Entscheidende Tage: Er durfte so, obwohl Favorit, nicht zur Präsidentenwahl 2018 antreten.

          Die brasilianische Regisseurin Maria Augusta Ramos rekonstruiert minutiös die Aufdeckung einer vom Bolsonaro-Lager gesteuerten Kampagne gegen Lula: ein auf Leaks und Chatprotokollen beruhender Medienscoop, der beinahe Watergate-Dimensionen hat. Die Berichterstattung führte dazu, dass im März 2021 Brasiliens Oberster Gerichtshof den ehemaligen Richter Sérgio Moro, der Lula 2017 verurteilt hatte und zwischenzeitlich Bolsonaros Justizminister war, für befangen erklärte. Es gilt als erwiesen, dass Moro mit der Staatsanwaltschaft, insbesondere mit dem Leiter des Sonderermittlungsstabs beim Bundesgericht in Curitiba, Deltan Dallagnol, Absprachen zur Verurteilung Lulas traf. Alle Urteile gegen Lula da Silva wurden aufgehoben, seinem Comeback steht seither nichts mehr im Weg. Der Hass der Bolsonaro-Fraktion auf die Justiz, insbesondere auf das Oberste Bundesgericht (Supremo Tribunal Federal, STF), wurde durch das Urteil stark befeuert.

          Ramos hat sich zum Verzicht auf eine Erzählstimme entschieden, nur einige eingeblendete Schrifttafeln gibt es. Alle Vorgänge werden durch drei an der Aufdeckung beteiligte Journalisten, ihre Interviewpartner und Archivaufnahmen erklärt. Es erfordert einige Konzentration, dem in allen Wendungen zu folgen. Die Protagonisten sind Leandro Demori, Chefredakteur der Nachrichtenplattform „The Intercept – Brasilien“ und hier gelinde aktivistisch auftretend, sowie Carla Jimenez und Regiane Oliveira von „El País Brasilien“. Viele der Szenen, in denen die Journalisten sich in ihren Büros über die Ereignisse unterhalten und Artikel schreiben, deren Entstehung man live auf dem Bildschirm verfolgen kann, wirken allerdings nachgestellt. Diese fragwürdige Form der Inszenierung hätte der Film nicht nötig gehabt.

          Trotz des Verzichts auf eine Erzählstimme wird schnell deutlich, dass die Dokumentation nicht unparteiisch ist. Alle Interviewten vertreten die Linie, dass Korruption in Brasilien endemisch sei („Strukturen der Veruntreuung“ gebe es nicht nur beim Mineralölkonzern Petrobras, sagt der Strafverteidiger Fernando Fernandes), aber damit nicht in besonderem Maße die Schuld der Arbeiterpartei PT und schon gar nicht zu verantworten durch Lula da Silva. Interessanter als die Schuldfrage ist freilich, dass man hier Zeuge eines viel größeren Duells wird: dessen zwischen den unter Bolsonaro unterminierten Staatsinstitutionen und der vierten Gewalt, den unabhängigen Medien, die es trotz aller Angriffe eben doch noch gibt wie auch eine unabhängige Justiz auf höchster Ebene.

          Von „flüssigem Autoritarismus“ spricht der Jura-Professor Pedro Serrano, einer „Aushöhlung“ der bestehenden Strukturen, und er zieht eine Parallele zum Aufziehen des Nationalsozialismus in Deutschland. Auch in der Weimarer Republik existierten noch eine Weile lang kritische Medien und eine wackere Justiz. Ramos gelingt es in ihrer brasilianisch-deutsch-niederländischen Koproduktion, die Komplexität der Rechtsbeugung im heutigen Brasilien aufzuzeigen und zugleich doch das Vertrauen in die brasilianische Öffentlichkeit zu bestärken.

          Brasilien und der Fall Lula da Silva. Anatomie eines Politskandals läuft um 22.35 Uhr auf Arte. Um 21.45 Uhr zeigt Arte Lula oder Bolsonaro – das Duell.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Der Zweite Senat beim Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe.

          Coronafonds der EU : Karlsruhe muss die Demokratie schützen

          Der Europäische Gerichtshof feiert Jubiläum, aber das Bundesverfassungsgericht wird weiterhin dringend gebraucht. Denn Europa soll kein Staat werden.
          Karl Lauterbach (zweiter von links) präsentiert die Arbeitsergebnisse der Regierungskommission für Krankenhäuser.

          Pläne für Krankenhausreform : Karl Lauterbachs Klinikrevolte

          Eine Regierungskommission schlägt vor, Fallpauschalen zurückzufahren und lieber Vorhaltekosten zu übernehmen. Die Länder und die Selbstverwaltung wurden dazu nicht gefragt.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Sie können bis zu 5 Newsletter gleichzeitig auswählen Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.