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Doku-Reihe „Ab 18!“ bei 3sat : Mutmachfernsehen über das Erwachsenwerden

  • -Aktualisiert am

Ben und Katharina waren schon einmal ein Paar. Nach einer Trennungszeit wollen sie es noch einmal miteinander versuchen. Bild: ZDF und Wendtländische Filmkooperative

Gewichte heben, Gabelstapler fahren, die Welt retten: In der Dokumentarfilmreihe „Ab 18!“ zeigt 3sat sechs sehenswerte Filme junger Autoren über Jugendliche von heute.

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          Ben ist nach Stendal in eine Plattenbausiedlung gezogen, wegen Katarina, seiner Freundin. Oder seiner Ex? Die Beziehung ist schwierig, vor allem die Kommunikation. Er bedrängt sie mit unablässigen Textnachrichten, sagt sie, will pausenlose Rückversicherung ihrer Gefühle, wird beleidigend, wenn sie ihn auflaufen lässt. Ihre Strategie heißt Schweigen, sagt er. Sie sei kalt, interesselos, auf dem Sprung. Er sei anstrengend, es funktioniere einfach nicht. Durch Reden allein werde nichts besser, im Gegenteil. Er antwortet mit Vorwürfen. Rechtfertige dich. Jetzt. Sofort. Leerstelle.

          In ihrem Dokumentarfilm „Ich habe dich geliebt“ zeigt Rosa Hannah Ziegler Ben und Katarina in sprechenden Alltagsszenen mal ohne, mal miteinander. Ben, den eine schwierige Kindheit noch immer seelisch bedrängt, schreibt intime Texte und tätowiert sich selbst, was in Zieglers beobachtenden Bildern beinahe wie Selbstverstümmelung aussieht. Katarina lebt in ihren Tiktok-Videos mädchenhaft-ausgelassene Selbstinszenierungen. Ihre Paar-Gespräche sind quälend und fruchtlos. Ganz am Rande, in ganz wenigen Worten, die man in Bens Anklagestrom überhören könnte, geht es um ein Kind, das sie „nie besuche“, er schon, trotz des Schmerzes, der nie aufhöre. Sie verschließt sich, redet von ihrer Zukunft, Abitur, ein Leben – ohne ihn. Ziegler bohrt nicht nach, kommentiert nicht, zeigt stattdessen die Aussichten der Platte, den kleinen Raucherbalkon, den Blick ins Offene, nur wenige Quadratmeter groß. Vielleicht geht es beiden ohneeinander besser.

          Konzentrierte Kraft: Sarah Fischer beim Training an der Langhantel
          Konzentrierte Kraft: Sarah Fischer beim Training an der Langhantel : Bild: ZDF und Moritz Mössinger

          Wer Seda in „Seda baut Autos“ reden hört und sieht, fühlt sich an Parodien von Carolin Kebekus und Martina Hill erinnert, „dies das, ich schwöre“. Seda interessiert sich für Autos und arbeitet bei einem Audi-Zulieferer in Ingolstadt, als Leiharbeiterin. Wird die Produktion zurückgefahren, verliert Seda, ohne Ausbildung, als Erste ihren Job. Aber Seda, superenergetisch, will es schaffen, mit Leistung, auch wenn der Vertreter der IG Metall ihr wenig Hoffnung macht. Sie setzt eine Gabelstaplerfahrer-Fortbildung durch. Beim Zulieferer fahren längst computergesteuerte Audi-Roboterfahrzeuge durch die Lagerbestände. Schöne neue Arbeitswelt – auch für wenig Qualifizierte? Trotzdem hat Seda Glück. Sie erhält einen unbefristeten Arbeitsvertrag und kauft sich als Erstes einen BMW. Autos sind einfach ihr Ding, das zeigt Filmemacher Jonas Heldt in seinem Mutmachstück mit kritischen Untertönen.

          Große Halle, kleiner Mensch: Seda am Ende der Lagerregale
          Große Halle, kleiner Mensch: Seda am Ende der Lagerregale : Bild: ZDF und Jonas Heldt

          Nah, persönlich, welthaltig und krass subjektiv

          Die Gewichtheberin Sarah Fischer, „Die Gewichtheberin“, ist U20-Europameisterin und „Österreichs stärkste Frau“. Constantin Hatz und Annelie Boros begleiten ihren Alltag. Das Training mit dem Vater, Essen mit der Familie, Chillen beim Computerspiel, Schminken. Sarah trägt feuerrote Gelnägel und Haare bis zur Hüfte. Ein unweiblicher Sport? Hallo, Stereotyp? „Being Sascha“ zeigt den Alltag einer jungen Schweizerin. Eines Schweizers? Nichts von beiden. Sascha ist Sascha – selbstbeschreibend nonbinäre Transperson, ein Mensch mit viel Kreativität, Herz, Hirn und dem Wunsch, dass anderen jungen, nicht eindeutig zugeordneten Personen Gewalterfahrung erspart bleibt. Definition ist kränkend – wie manche der Fragen, die Regisseur Manuel Gübeli stellt. Durch das Filmen und Erzählen als Kongruent-machen schrumpft der Freiraum der Person.

          Sascha lebt in Basel und arbeitet zurzeit in einer Bar.
          Sascha lebt in Basel und arbeitet zurzeit in einer Bar. : Bild: ZDF und Peter Zwierko

          So sehen es auch die beiden zwar jungen, aber renommierten Kriegsreporter Dennis und Patrick Weinert in ihrem Doppelselbstporträt „Hinter unserem Horizont“. Besonders die Begegnung mit Rohingya-Flüchtlingen hat beide vor einiger Zeit tief erschüttert und lässt sie ihre Motivation als Berichterstatter von der Front hinterfragen. Filmische Gegenmittel gegen das Grauen finden sie in den Bergen Vietnams – menschenleere Natur, der intensive Kamerablick auf die Fauna. Eine Flucht?

          In den Flüchtlingscamps von Bangladesch sahen und dokumentierten Dennis und Patrick Weinert das Leiden der Rohingya.
          In den Flüchtlingscamps von Bangladesch sahen und dokumentierten Dennis und Patrick Weinert das Leiden der Rohingya. : Bild: ZDF und Dennis & Patrick Weinert

          Das Engagement der „deutschen Greta“ und Geographiestudentin Luisa Neubauer zeigt der Film „Luisa“ von Romy Steyer. Augenhöhe ist das Prinzip von „Ab 18!“. Die Filmemacher sind meist nicht wesentlich älter als ihre Protagonisten. Sechs Neuausstrahlungen mit sehr unterschiedlicher Autorenhandschrift zeigt 3Sat nun an zwei Abenden. Jede davon ist aus ganz unterschiedlichen Gründen sehenswert. Seit 2013 schon pflegt der Sender gemeinsam mit dem ZDF die Reihe, in deren Filmen es um Erwachsenwerden geht – nah, persönlich, welthaltig und krass subjektiv. Oft mit experimentellen ästhetischen Mitteln, die den Erfahrungshorizont der jungen Protagonistinnen, Protagonisten und allem dazwischen sicht- und erfahrbar machen. Auch die neuen Filme zeugen von der umsichtigen Arbeit der Redaktion, die jungen Dokumentarfilmern, unvergleichbar im deutschsprachigen Fernsehen, Spielwiesen und Unterstützung bietet.

          Die neue Dokumentarfilm-Staffel „Ab 18!“ startet an diesem Montag um 22.30 Uhr, auf 3sat, mit „Seda baut Autos“, „Ich habe dich geliebt“ und „Hinter unserem Horizont“. „Luisa“, „Being Sascha“ und „Die Gewichtheberin“ folgen am Montag, 2. November, ab 22.25 Uhr.

          Innerhalb von fünf Monaten zum Medienstar: Luisa Neubauer
          Innerhalb von fünf Monaten zum Medienstar: Luisa Neubauer : Bild: ZDF und Romy Steyer

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