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Kunst-Doku bei Arte : Raus ins Freie

Allein im Fjord: „Havmannen“ von Antony Gormley am Skulpturenweg im Norden Norwegens Bild: © Schnittstelle

Ob man sie liebt, hasst oder ignoriert: An Skulpturen im öffentlichen Raum kommt keiner vorbei. Eine Doku-Reihe auf Arte unternimmt Ausflüge zu Kunstwerken unter freiem Himmel.

          2 Min.

          Ein „Verkehrshindernis“ sei das Ding, eine „Verschandelung“ oder mindestens „grober Unfug“ heißt es 1969 in Essen, als der Aktionskünstler Wolf Vostell seinen Opel in eine Parklücke stellt und mit Stahlbeton umgießt. „Ruhender Verkehr“ nennt er die Plastik, und das Unverständnis darüber, dass so etwas in der Stadt Platz wegnehmen darf, ist groß. Zehn Jahre später empört man sich in Bochum über den „Haufen Schrott“, den der Bildhauer Richard Serra gegenüber dem Hauptbahnhof abgeladen hat. Gemeint ist seine monumentale Stahlskulptur „Terminal“, ein Kartenhaus aus Metallplatten, das zum Innehalten und Perspektivwechsel einlädt, aber als Pinkelbude missbraucht wird. Und 2017 brüllen Pegida-Anhänger gegen die wie Säulen vertikal aufgerichteten Busse an, die der syrischstämmige Künstler Manaf Halbouni vor der Frauenkirche plaziert hat, um so auf Barrikanden in der Bürgerkriegsstadt Aleppo zu verweisen.

          Ursula Scheer
          Redakteurin im Feuilleton.

          Skulpturen im öffentlichen Raum haben es nicht leicht, das zeigen die Dokumentarfilmer Martina Müller, Eric Brinkmann, Claudia Kuhland, Cordula Echterhoff und Jörg Jung in ihrer kurzweiligen Reihe „Kunst muss raus“. Hat die Skulptur die Abgeschiedenheit des Museums verlassen, kommt keiner mehr an ihr vorbei; dann steht sie mitten unter uns, wird als Geschenk oder Zumutung empfunden, provoziert oder verzaubert, stört oder verwandelt Blicke – das liegt im Auge des Betrachters.

          Eichen von Beuys für Kassel

          In fünf halbstündigen Episoden reisen wir mit Archivbildern in die Vergangenheit, wo Joseph Beuys siebentausend Eichen in Kassel pflanzt und – ein Visionär auch in dieser Hinsicht – am liebsten die ganze Welt mit Bäumen besetzt hätte. Wir besuchen Ateliers zeitgenössischer Künstler und Schauplätzen ihrer Kunst unter freiem Himmel. Was braucht ein Werk, um bestehen zu können, den Elementen und der Öffentlichkeit schutzlos ausgeliefert?

          Darf nicht fehlen: Christo, hier 2018 vor seiner „Mastaba“ im Londoner Hyde Park
          Darf nicht fehlen: Christo, hier 2018 vor seiner „Mastaba“ im Londoner Hyde Park : Bild: © Schnittstelle Film und Video

          Für Florentijn Hofman, dessen bekannteste Arbeit eine gigantische Gummiente ist, müssen mehrere Zutaten zusammenkommen: ein Budget, die richtigen Materialien, eine Geschichte und die richtige Nachbarschaft. Kunst im öffentlichen Raum, findet der Niederländer, gehöre jedem und müsse deshalb leichter zugänglich sein, etwas heiterer, auch hübscher, damit sie positive Reaktionen hervorrufe – statt verdrehte Augen und der Gedanke „wieder diese Kunst, die ich nicht verstehe“.

          Wie es gelingt, Millionen Menschen für Kunst im öffentlichen Raum zu begeistern, weiß keiner besser als Christo, der mit seiner Frau Jeanne-Claude zum Popstar unter der Spezialisten für die temporäre Verwandlung von Orten wurde. Natürlich finden der verpackte Reichstag, „The Gates“ im Central Park und die „Floating Piers“ auf dem Iseosee Erwähnung, und natürlich gibt es von einem so bekannten und gut ausgeleuchteten Künstler nichts Neues zu erfahren.

          Ihre Fußgänger-Achterbahn „Tiger and Turtle“ (2010) in Duisburg ist auch ein Denkmal für den industriellen Wandel: das Künstlerduo Heike Mutter und Ulrich Genth
          Ihre Fußgänger-Achterbahn „Tiger and Turtle“ (2010) in Duisburg ist auch ein Denkmal für den industriellen Wandel: das Künstlerduo Heike Mutter und Ulrich Genth : Bild: © Schnittstelle Film und Video

          Da lohnt sich schon eher der Blick auf andere Arbeiten wie die erleuchtete Geisterbahn, die der Konzeptkünstler Mischa Kuball durch Kattowitz schickte, oder die Fußgänger-Achterbahn „Tiger and Turtle“ von Heike Mutter und Ulrich Gerth, die sich über einer ehemaligen Halde in Duisburg erhebt. So setzt sich Stück für Stück ein – ausschnitthaftes – Bild zusammen. Im besten Fall stiftet Skulptur im öffentlichen Raum Identifikation, ohne sich aufzuspielen, bereichert und fordert heraus, ohne beiseite zu drängen, ruft zur demokratischen Diskussion auf, die verschiedene Standpunkte zulässt. Sie kann auch ein Aufschrei sein gegen Unrecht oder die Gleichgültigkeit.

          Und im besten Fall für den Zuschauer einer solchen Doku-Reihe, die mit ihren vormittäglichen Sendezeiten zum Daheimbleiben aufruft, schwelgt sie in Aufnahmen der Fjorde, an denen sich in Norwegen die Skulpturenlandschaft Nordland erstreckt. Tony Cragg, Antony Gormley und Anawana Haloba gehören zu den Künstlern, die geladen waren, hier das Zusammentreffen von Zivilisation und Natur zu erkunden. Gormley, der so etwas wie einen zeitgenössischen Vetter von Caspar David Friedrichs „Mönch am Meer“ in Form einer riesigen Granitskulptur in den Fjord gestellt hat, die den Blick auf den Horizont richtet, sagt: „Durch die Skulptur wird die reale Welt zum Bild.“ Dieses Bild zu betrachten, lädt „Kunst muss raus“ auf unprätentiöse Weise ein.

          „Kunst muss raus“ startet am Sonntag,  4. August, um 11.25 Uhr auf Arte.

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