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RAF-Doku im ZDF : Suche nach einem Phantom

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Der Anschlag auf Alfred Herrhausen geschah am Morgen des 30. November 1989 um 8.34 Uhr. Herrhausen starb, sein Fahrer Jakob Nix wurde schwer verletzt. Bild: ZDF und dpa/Kai-Uwe Wärner

Das ZDF befasst sich mit dem ungelösten Mord an Alfred Herrhausen im November 1989 und der These, es habe die „dritte Generation“ der RAF nicht gegeben. Die ist aber längst widerlegt.

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          Zeitzeugen waren an diesem 30.November 1989 entsetzt und empört. Wenige Wochen nach dem Fall der Berliner Mauer erschien wieder ein Gespenst auf der Bühne. Die Terrorgruppe RAF hatte mit Alfred Herrhausen den Vorstandssprecher der Deutschen Bank ermordet. Zwar war der Linksterrorismus nach der Zerschlagung der „zweiten RAF-Generation“ immer noch aktiv. Aber seit der Entführung und späteren Ermordung des Arbeitgeberpräsidenten Hanns Martin Schleyer hatten sie sich nicht mehr an einen führenden Protagonisten der Gesellschaft herangewagt. Ihre Opfer waren Manager und Diplomaten, die nicht in gleicher Weise im Blickpunkt der Öffentlichkeit standen. Diese hatten keinen Personenschutz und galten im perfiden Kalkül der Terroristen deshalb als erreichbare Anschlagsziele. Herrhausen war der prominenteste Manager und Unternehmer seiner Zeit.

          In der Dokumentation „Phantom RAF – Der ungelöste Fall Herrhausen“ kommt das ungläubige Erstaunen in der Frage zum Ausdruck: „Woher hatte die RAF das Fachwissen für einen solchen Hightech-Anschlag?“ Den Autoren Bernd Reufels und Julia Zipfel zufolge hätten die Täter ihr Wissen in der DDR oder schon im Jemen erworben, so zitieren sie den früheren stellvertretenden Generalbundesanwalt Rainer Griesbaum. Als Beleg werden frühere Anschläge auf die Nato-Generäle Alexander Haig und Frederick James Kroesen angeführt. Das erklärt trotzdem nicht, warum die RAF überhaupt noch Herrhausen in ihr Visier nahm. Er war einer der am besten geschützten Persönlichkeiten seiner Zeit. Vorbereitung und Durchführung des Anschlags waren mit der Gefahr der Entdeckung verbunden.

          So rekonstruiert der Film akribisch dieses Attentat. Die Autoren erzählen es aus der Perspektive von in Herrhausens Wohnort Bad Homburg eingesetzten Polizeibeamten. Zugleich schildern sie Herrhausens Aufstieg und die Geschichte der RAF. Es kommt alles vor, nichts wird ausgelassen. Ob die schwierige Situation des Vorstandssprechers in seiner Bank oder die Verwicklung der ostdeutschen Stasi in den RAF-Komplex, Reufels und Zipfel erklären vieles, nur fehlt für die überzeugende Begründung die Zeit.

          In Wirklichkeit geht es ihnen aber um etwas anderes: Das damalige Erstaunen hatte nämlich durchaus politische Folgen. Der Titel „Phantom RAF“ ist als Referenz an das Buch „Das RAF-Phantom“ aus dem Jahr 1992 anzusehen. Drei WDR-Autoren hatten aus den kläglichen Fahndungserfolgen bei der „dritten RAF-Generation“ und den Umständen des Herrhausen-Attentats eine Schlussfolgerung gezogen: Diese Generation gäbe es gar nicht, weshalb die ungeklärten Morde nicht auf deren Konto gehen könnten. Diese These ist längst widerlegt. Nur, wenn man schon einen Beitrag zur Entmystifizierung leisten will, sollte man sich wenigstens mit dem Mythos beschäftigen. Dann braucht man als Beleg für eine RAF-Täterschaft auch nicht die Selbstbezichtigungen früherer RAF-Mitglieder.

          Deren Arroganz in der Diktion korrespondierte schon immer mit ihrer intellektuellen und moralischen Erbärmlichkeit. Trotzdem konnten die Verbrechen dieser dritten Generation bis heute nicht aufgeklärt werden. Der Anschlag auf Herrhausen ist lediglich das prominenteste Beispiel. Zu den Irrungen und Wirrungen gehörten immer falsche Spuren. So erwiesen sich zwei dringend Tatverdächtige später als unschuldig. Eine von ihnen wurde Jahre später wegen eines Anschlags in Budapest im Jahr 1991 verurteilt, so heißt es im Film. Er galt jüdischen Auswanderern und wurde im Auftrag von Palästinensern durchgeführt. Dieser Hinweis kommt nicht vor.

          Der deutsche Linksterrorismus war seit seiner Entstehung auch immer ein Büttel seiner internationalen und antisemitischen Verbündeten. Die Beteiligung deutscher Terroristen an den Anschlägen auf die Opec in Wien 1975 oder die Entführung einer israelischen Passagiermaschine nach Entebbe ein Jahr später sind nur die bekanntesten Beispiele. Gerade diese dritte RAF-Generation agierte in diesem internationalen Umfeld. Das kommt im Film leider nicht zur Sprache. So versuchen die beiden Autoren, etwas Licht ins Dunkel zu bringen. Das Ergebnis ist aber nur von begrenzter Überzeugungskraft. Das Erstaunen des Zeitzeugen über diesen 30. November 1989 bleibt.

          Phantom RAF – Der ungelöste Fall Herrhausen, heute um 20.15 Uhr auf ZDFinfo

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