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„Octopus Teacher“ bei Netflix : „Natürlich vermisse ich sie“

Craig Foster mit seiner Krake. Bild: Netflix

Craig Foster ist Tierfilmer und Taucher. Er hat sich mit einem Kraken-Weibchen angefreundet. Davon handelt sein Film „My Octopus Teacher“. Wer ihn gesehen hat, setzt Tintenfisch nicht mehr so schnell auf die Speisekarte.

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          Da soll noch einer sagen, Fernsehen hätte keine Wirkung außer der, einen abzustumpfen! In der Vitrine liegen sie, die sonst so appetitlich glänzenden Octopus-Arme beim Fischhändler. Schmecken köstlich gegrillt, mit Zitronensaft, Olivenöl und Fenchelsamen.

          Ursula Scheer

          Redakteurin im Feuilleton.

          Aber jetzt rufen sie bloß Echos der bebenden Stimme von Craig Foster hervor, als er sagt: „Natürlich vermisse ich sie“, und danach nicht gleich weitersprechen kann. Foster erzählt von einem Octopus-Weibchen, zu dem der Tierfilmer eine wahrscheinlich in ihrer Art einmalige Beziehung aufgebaut hat.

          Fast ein ganzes Jahr über, was beinahe die gesamte Lebensspanne eines Kraken ausmacht, schnorchelte er täglich im nur knapp zehn Grad warmen Wasser eines Tangwaldes am Kap der Guten Hoffnung. Die Netflix-Dokumentation „My Octopus Teacher“ (Mein Lehrer, der Krake“) von Pippa Ehrlich und James Reed vollzieht nach, wie Foster nach und nach das Vertrauen des wild lebenden Tiers gewinnt, das sich schließlich sogar an seine Hand oder seinen Brustkorb schmiegt, und wie er immer neue Verhaltensweisen beobachtet.

          Sie zeugen von einer bemerkenswerten Intelligenz. Das Tintenfischweibchen spielt mit Fischen, wenn es sich sicher fühlt, offenbar zum puren Vergnügen. Es verlässt sich in Momenten der Gefahr nicht darauf, dass es die Farbe und Textur seiner Umgebung annehmen kann, sondern entwickelt weitere Strategien: Die Komplettarmierung mit an die Saugarme gehefteten Muschelschalen und Steinen ist da nur eine. Es ist ein gewiefter Jäger und unendlich neugierig.

          Der an poetischen Unterwasseraufnahmen und anrührenden Interviewszenen reiche Film zelebriert das Gegenteil distanzierter Naturbeobachtung: Hier lässt sich ein an der Leistungsgesellschaft mürbe gewordener Mensch von einem Weichtier, im Prinzip also einer tentakelbesetzten Riesenschnecke ohne Haus, die Seele heilen. Zu den herzzerreißenden Momenten gehört (Achtung, Spoiler), dass ein Haiangriff den Kopffüßer einen Arm kostet, eines seiner Organe feinfühliger Kontaktaufnahme mit Foster. Deshalb sehen die Tintenfischteile beim Fischhändler plötzlich so anklagend aus.

          Das mag einem mit Bezug auf Rinder nach einer Dokumentation über Schlachthöfe mit Steaks beim Metzger ähnlich gehen. Es vergeht normalerweise rasch wieder. Den nicht vegetarischen Kulinariker kann überdies beruhigen, dass Kraken auch im Meer nicht an der Spitze der Nahrungspyramide stehen. Nicht ausgeschlossen also, dass die Tintenfischarme irgendwann wieder auf dem Grill landen. Aber dann wissen wir: Sie stammen von einem bemerkenswert klugen, wundersamen Wesen. Das leider ziemlich lecker ist.

          My Octopus Teacher läuft bei Netflix.

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