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Doku „Die Tränen der Kinder“ : Da war mein Gitterbettchen, Mutter war weg

Ingo, als Kleinkind in der Wochenkrippe, will unerkannt bleiben. Bild: MDR/Martin Bochmann

Der Film „Die Tränen der Kinder“ beleuchtet ein Kapitel der DDR-Geschichte, das bis heute nachwirkt: die Wochenkrippen. Die Unterbringung in der Masse hinterlässt Spuren.

          3 Min.

          Ingo möchte unerkannt bleiben. Er berichtet von der Urerfahrung, die ihn sein Leben lang begleitet. Doch sein Gesicht zeigt er nicht. „Da war mein Gitterbettchen. Ich setzte mich in die Ecke und atmete. Ein stumpfes Gefühl, meine Mutter war weg.“ So erinnert er sich an seine frühe Kindheit. „Ich liege im Bett und starre auf die Decke. Allein sein und an die Decke gucken. Bis es dann Essen gegeben hat.“

          Michael Hanfeld
          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          Ingo war eines von mindestens hunderttausend Kindern – über die genaue Zahl ist sich die Forschung nicht eins –, das in der DDR eine „Wochenkrippe“ besuchte. Montags wurde er abgeliefert, erst am Freitag durfte er wieder nach Hause. „Die Woche ist zu Ende, Mutti holt ihren Liebling ab“, heißt es fröhlich im DDR-Propagandafilm. Was das für die „Lieblinge“ bedeutet, da­von erzählt die Stimme des sozialistischen Aufbaus nicht. Wohl aber der für den MDR produzierte Film „Die Tränen der Kinder“ von Katja Aischmann und Steffen Hengst (Regie: Volker Schmidt-Sondermann), den das erste ARD-Programm heute um Mitternacht zeigt. Die Autoren sprechen mit ehemaligen Wochenkrippenkindern, die heute in ihren Fünfzigern sind, mit einer Mutter, die ihr Kind dorthin gab, einem Ethiker, einer Kinderpsychologin und ei­ner Sozialwissenschaftlerin, um die Folgen der frühkindlichen Massenunterbringung aufzuzeigen. Sie leisten damit nicht nur einen Fernsehbeitrag zur Aufarbeitung der DDR-Geschichte, sondern geben auch ei­nen Fingerzeig für die Gegenwart. Sie zeigen, was aus Kindern wird, deren erste Erfahrung die ist, dass sie von ihren Eltern getrennt werden.

          Vater und Mutter in die Produktion

          In der jungen DDR will es die Staatsdoktrin so. Der Arbeiter-und-Bauern-Staat will aufgebaut sein. Vater und Mutter müssen in die Produktion. Die „Hausfrau“ gilt als Schmarotzerin, dass Männer im Haushalt mit anpacken und sich der Familienalltag gemeinsam bewältigen lässt, ist – noch – undenkbar. Außerdem, hören wir die Di­rektorin des Instituts für Hygiene des Kindes- und Jugendalters in Berlin, Eva Schmidt-Kolmer, sagen, mangele es den El­tern an der fachlichen Qualifikation, die Kindern zu den „neuen Menschen“ zu formen, von denen schon im „Kommunistischen Manifest“ die Rede ist. In Wahrheit wusste es Eva Schmidt-Kolmer besser. Sie untersuchte Mitte der Fünfzigerjahre die Krippenerziehung. 1.800 Kinder nahm sie unter Beobachtung, darunter 440 Wochenkrippenkinder. Das Ergebnis war alarmierend. Die Kinder aus den Wochenkrippen wiesen große Entwicklungsrückstände auf, waren häufig krank. Welchen Schluss zog die Krippenpädagogik daraus? Die Kinder zu konditionieren, im Sinne des Verhaltensforschers Iwan Petrowitsch Pawlow. Der Tagesablauf folgte einem eisernen Schema, Erfahrungen gab es nur in der Gruppe, gemeinsame Schlaf- und Mahlzeiten, gemeinsames Auf-dem-Töpfchen-Sitzen. Nachts wurden die Kinder zum Teil in ihren Betten fixiert, mit Lederriemen. Was das bedeutete, schilderte der tschechische Film „Kinder ohne Liebe“ von 1963. In der DDR wurde er nie gezeigt. Und während sich Tschechen, Polen und Ungarn von den Wochenkrippen verabschiedeten, baute die DDR sie auf 40.000 Plätze aus. Die letzten Wochenkrippen schlossen erst 1992.

          Warum tat ihre Mutter das?

          Warum ihre Mutter ihr das antat, versteht Andrea, die vor die Kamera tritt, aber deren Nachnamen wir nicht erfahren, bis heute nicht. Sie sucht das Gespräch mit der Mutter und den älteren Geschwistern, doch sie wird abgeblockt. Das sei die allgemeine Erfahrung, sagt Heike Liebsch, die zu den Wochenkrippen forscht: Die Betroffenen sollen schweigen. Was sie zu sagen haben, will niemand hören, geht es doch auch unweigerlich um das Gefühl persön­licher Schuld.

          Dabei gelte es, die Umstände zu würdigen. Diese ruft die hochbetagte Christa auf, die ihr Kind in die Wochenkrippe gab und von der Zeit berichtet, in der Frauen gegen Frauen ausgespielt wurden und die Propaganda des SED-Staats fragte: „Wer ist die bessere Mutter?“ Die werktätige Sozialismus-Powerfrau selbstverständlich. Die Kinder waren eine zu be­wältigende Nebensache. „Die kleinsten Bür­ger der Republik, die sich nicht wehren konnten“, seien nicht gehört worden und würden bis heute nicht gehört, sagt Heike Liebsch.

          Verweischarakter hat der Film „Die Tränen der Kinder“ nicht nur mit Blick auf diesen blinden Fleck unserer gesellschaftspolitischen Debatten, die oft von den Be­findlichkeiten tonangebender Minderheiten bestimmt sind. Er zeigt auch, wie wichtig es ist, dass Politik, Gesellschaft und Wirtschaft und die Einzelnen begreifen, wie unmenschlich es ist, Familie und Kinder und Arbeit als Gegensätze zu begreifen, als Sphären, deren eine sich der anderen unterzuordnen hat. Gefördert wurde der ruhige, eindringliche Film von der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur. Man ist schon froh, dass so etwas überhaupt noch im öffentlich-rechtlichen Fernsehen läuft.

          Die Tränen der Kinder, in der Nacht von Montag auf Dienstag um 0.05 Uhr im Ersten. Danach in der Mediathek.

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