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„Unsere Mütter, unsere Väter“ : Fünf Stunden Selbstmitleid?

  • -Aktualisiert am

Aus britischer Sicht eine Provokation: das Kriegsepos „Unsere Mütter, unsere Väter“ Bild: David Slama

Die britische Kritik lässt kaum ein gutes Haar an dem deutschen Weltkriegsepos „Unsere Mütter, unsere Väter“. Die subtilen Grautöne des Mehrteilers sind ihre Sache nicht.

          3 Min.

          Wie schwer sich die Briten mit dem Fernsehfilm „Unsere Mütter, unsere Väter“ tun, hat eine Diskussionsrunde der BBC im Anschluss an die letzte Folge der Geschichte über das Schicksal von fünf deutschen Freunden zwischen dem Beginn des Russlandfeldzuges und dem Ende des Zweiten Weltkrieges bestätigt. In der knapp vierzig Minuten langen Sendung mit dem Titel „Tatsache und Fiktion“ musste der Produzent Benjamin Benedict die Serie, die in Großbritannien wie in den Vereinigten Staaten „Generation War“ heißt, gegen die Einwände der britischen Historiker Richard Evans und des auf jüdische Geschichte spezialisierten David Cesarani sowie der polnisch-amerikanischen Publizistin Eva Hoffman verteidigen.

          Gina Thomas
          Feuilletonkorrespondentin mit Sitz in London.

          Zwischendurch wurden mehrere Interviews eingeblendet, darunter eines mit dem polnischen Botschafter Witold Sobków, der entschieden Stellung zu der umstrittenen Darstellung der polnischen Heimatarmee in dieser „fantastischen deutschen Seifenoper“ nahm, wo, wie der Diplomat klagte, gutaussehende, immer saubere Deutsche neben dreckigen, antisemitischen Partisanen in Polen gezeigt würden. Sobków bemängelte, dass der Film eine gefährliche moralische Äquivalenz herstelle zwischen Opfern und Tätern. Als Beispiele nannte er den an einer dicken Zigarre ziehenden amerikanischen Besatzungsoffizier, der über die üble Vergangenheit des SS-Sturmbannführers Dorn und die Brutalität der Russen hinwegsieht. Die Vorstellung, dass die polnischen Partisanen nach dem Überfall auf einen Frachtzug die jüdischen Häftlinge dort hätten verrecken lassen, sei grotesk. Den Botschafter beunruhigt der Gedanke, dass „Unsere Mütter, unsere Väter“ jungen Zuschauern etwa in Lateinamerika und Asien ein falsches Geschichtsbild vermittle.

          Schindluder mit der Vergangenheit

          Ob der „viel gefeierte, heftig umstrittene“ Fernsehfilm eine deutsche Variante der amerikanischen Serie „Band of Brothers“ sei, die durch die menschliche Perspektive eine neue Debatte über die Einstellung des Landes zu seiner Vergangenheit öffne, oder ob er in den Wortes eines Kritikers „fünf Stunden des Selbstmitleides“ sei, in denen die deutschen Figuren wohlwollend porträtiert seien, während andere verteufelt würden, fragte eingehend die BBC-Moderatorin. Richards Evans, Regius-Professor für Neuere Geschichte in Cambridge und Autor zahlreicher Bücher über die Hitler-Zeit, darunter die dreibändige Studie „Das Dritte Reich“, und David Cesarani waren sich einig, dass schon der Ausgangspunkt der Geschichte höchst unglaubwürdig sei. Diese jungen Deutschen seien unter dem Nationalsozialismus groß geworden, sie wären zu diesem Zeitpunkt schwer indoktriniert gewesen, das mache die Freundschaft mit einem Juden undenkbar, argumentierte Evans. Cesarani bezeichnete sie als absurd. Er stimmte dem polnischen Botschafter zu, dass die Darstellung der polnischen Heimatarmee „ungerecht und einseitig sei“ und wandte ein, dass der Film die Deutschen als Opfer darstelle, indem er zeige, wie die anfängliche Unschuld der fünf Freunde durch die Erfahrung des Krieges korrumpiert werde.

          Eva Hoffman, deren jüdische Eltern den Krieg nur durch die Hilfe polnisch-ukrainischen Nachbarn überlebten, fand die Abschnitte mit den polnischen Partisanen viel zu undifferenziert. Richard Evans kritisierte, die Protagonisten seien aus heutiger Sicht einfach in die Vergangenheit zurück katapultiert worden. Er stellte in Frage, ob eine genaue Darstellung von historischen Figuren überhaupt möglich sei. David Cesarani irritierten die „seltsam positiven Aspekte des Nationalsozialismus“ in den Anfangsszenen des Films. Der Schluss mit den überlebenden Deutschen und dem Juden vermittle eine seltsame, deutsche „Multi-Kulti-Botschaft“. Die Serie treibe Schindluder mit der Vergangenheit, tadelte Cesarani. Fassungslos wehrte sich Benedict gegen den immer wieder erhobenen Vorwurf, die Deutschen würden zu positiv dargestellt. Er könne nicht nachvollziehen, wie etwa die brutalen Verbrechen, die Wilhelm und Friedhelm begehen, Euphemismus aufgefasst werden könnten.

          Der Deutsche als Täter

          Erst gegen Ende gestand Evans ein, dass der Film  ein „spannendes Drama“ sei – wenn er „Mist“ wäre, würde man sich nicht darüber unterhalten. Evans umriss die Etappen der deutschen Vergangenheitsbewältigung - angefangen mit der kollektiven Amnestie der Nachkriegszeit über die Anfänge der Auseinandersetzung mit dem Holocaust in den siebziger Jahren bis hin zum Opfermythos. Er kam zu dem Fazit, das Wichtige an „Unsere Mütter, unsere Väter“ sei, dass die Serie die Diskussion weiter führe, indem sie die Deutschen als Täter darstelle. Das wäre vor zwanzig Jahren nicht möglich gewesen.

          Dem pflichtete die Journalistin Anne McElvoy in einem der eingeblendeten Interviews bei. Sie begrüßte, dass die Sendung durch den „Downtonhaften“ Ansatz persönliche Bezüge zur Vergangenheit herstelle und neue Gespräche ermögliche. Britische Rezensenten haben „Generation War“ mit wenigen Ausnahmen eher negativ bewertet und es vorgezogen, die subtilen Grautöne zu übersehen. Am Tag der letzten Folge schrieb der angesehene Kritiker Clive James, er habe hohe Erwartungen gehabt, doch der Film sei hoffnungslos. Man könne nicht umhin zu fragen, weshalb die fünf Freunde nicht früher als 1941 geahnt hätten, dass etwas nicht stimmte mit dem Hitler-Regime. „Die ahnungslosen Fünf holen auf“ wäre ein angemessener Titel gewesen, schlug James vor. Womit er, der so viel auf seine Bildung, insbesondere seine Kenntnis der deutschen Kultur hält, nur zeigte, dass er selber nichts begriffen hatte.

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