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Presse und die CDU-Kandidaten : Merz spaltet, Kramp-Karrenbauer integriert, Spahn macht gar nix?

Kandidaten für den CDU-Vorsitz: Friedrich Merz (l.), Annegret Kramp-Karrenbauer und Jens Spahn (r.) Bild: EPA

Was ist den Kandidaten für die CDU-Spitze in der Presse nicht alles zugeschrieben worden. Friedrich Merz hat es am härtesten erwischt, Annegret Kramp-Karrenbauer kam glimpflich davon. Ob sich das bei der Wahl auswirkt? Eine Analyse.

          „Der Anti-Merkel“ lautete der Titel des „Spiegels“ vor vier Wochen. Zu sehen war Friedrich Merz im Halbdunkel in Schwarzweiß, mit lauerndem Blick. Was er mit Deutschland vorhabe, lautete die Leitfrage, die mit der Zuschreibung „Anti-Merkel“, auf welche die „Süddeutsche Zeitung“ schon zuvor gekommen war, im Grunde beantwortet wurde: Der Mann dreht die Zeit zurück und begleicht eine Rechnung, die er mit der Bundeskanzlerin und noch amtierenden Parteivorsitzenden der CDU offen hat, seit ihm Angela Merkel im Jahr 2002 den Vorsitz der Unionsfraktion im Bundestag abnahm.

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          Sie sei damals die Integrierende, er sei der „Spalter der Fraktion“ gewesen, entnimmt die „Zeit“ einer, wie es heißt, „bislang unbekannten wissenschaftlichen Arbeit“ aus dem Jahr 2005, für welche der Autor zahlreiche Spitzenpolitiker der CDU befragt habe.

          Versteht man das als Verweis auf die drei Kandidaten, die sich heute den 1001 Delegierten des Bundesparteitags zur Vorsitzendenwahl stellen, ist die Rollenverteilung klar: Merz polarisiert, Annegret Kramp-Karrenbauer integriert, Jens Spahn ist der Dritte, der als Chancenloser nichts zu lachen hat.

          Mit diesen Etiketten ging es vor vier Wochen los, und sie haben sich in der Medienbegleitung nicht verändert, sondern verfestigt. Das hat mit den Kandidaten und ihrer jeweiligen Vorgeschichte zu tun, aber auch mit einer vorgefassten Auffassungsgabe der Journalisten. Meldete sich Merz zu Wort, kam gleich eine gewisse Schärfe ins Spiel und wurden „Fakten gecheckt“, äußerte sich Kramp-Karrenbauer, fiel die Gewichtung nachgiebiger aus, auch wenn sie sich in Widersprüche verstrickte. Was Jens Spahn vortrug, wurde freundlich zur Kenntnis genommen.

          Die Zeit nach Merkel ist gekommen

          Nicht wenige Beobachter tun sich schwer mit dem Gedanken, dass es in der Bundesregierung und in der CDU eine Zeit nach und ohne Angela Merkel geben wird. Im Titel der Sendung von Sandra Maischberger von Mittwochabend drückte sich das in der Frage aus: „Wer übernimmt Merkels Thron?“ Auch wenn wir der Redaktion die Überspitzung um der Griffigkeit willen zugutehalten: Einen Parteivorsitz mit einer Thronfolge zu verwechseln ist schon seltsam.

          So seltsam freilich war bereits das Erstaunen der Journalisten darüber, dass im Sommer nicht der von Angela Merkel favorisierte Kandidat an die Spitze der Unionsfraktion gewählt wurde, sondern ein Außenseiter. Es ist, als hätten die Beobachter sich Angela Merkels früher kritisierten Politikstil der asymmetrischen Demobilisierung als Haltung angeeignet.

          Doch plötzlich ist Kontroverse angesagt, ist Wahlkampf, personalisiert wie in den Vereinigten Staaten. Der „Spiegel“ hält Angela Merkel für eine „stille Revolutionärin“, die „Bild“-Zeitung macht Friedrich Merz stark, Forsa und die Forschungsgruppe Wahlen sagen, Annegret Kramp-Karrenbauer sei bei Unionsanhängern viel beliebter als ihre Konkurrenten.

          So ging es seit Wochen, bis Wolfgang Schäuble sich in dieser Zeitung offen für Merz aussprach und sich ihm Peter Altmaier mit der Empfehlung, Annegret Kramp-Karrenbauer zu wählen, offen entgegenstellte. Darin kann man mit Blick auf die Kungeleien, die in der CDU seit Kohls Zeiten und in den Merkel-Jahren zur Parteilinie geworden sind, durchaus einen Fortschritt erkennen. Wie leicht der an den Abgrund führt, sieht man freilich am Beispiel der SPD. Dort wurde der von den Medien gehypte „Schulz-Zug“ so schnell gestoppt, dass man sich bis heute fragt, welche Drogen bei dem Wir-holen-fünfunddreißig-Prozent-Rausch eigentlich im Spiel waren.

          Das dürften die Delegierten auf dem CDU-Parteitag, die auch aus den Medien so viele vermeintlich gute Tipps erhielten, im Hinterkopf haben und kalkulieren, wer Wahlerfolge verspricht und wer die beiden Lager der Partei zusammenhält, damit diese sich endlich mit den politischen Gegnern beschäftigt. Für diese Aufgabe hat sich der nordrhein-westfälische Ministerpräsident Armin Laschet schon einmal empfohlen. Er muss dafür ja nicht Parteivorsitzender sein. Auf diesen „Move“ haben wir, „ehrlich gesagt“, um mit Annegret Kramp-Karrenbauer zu sprechen, von Beginn an gewettet.

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