https://www.faz.net/-gqz-ag8i9

Frankreich und die Wahl : „Merkel ist eine Pop-Ikone“

Französisch-deutscher Gipfel: Im vergangenen Jahr besuchte Angela Merkel noch Emmanuel Macron in seiner Sommerresidenz. Bild: dpa

Frankreichs Presse schaut auf die Bundestagswahl und kann sich von Angela Merkel nur schwer trennen.

          2 Min.

          „Wir sind gerettet“, twittert Ludovic Subran, „alle U-Boot-Spezialisten und Virologen, die fließend Dari sprechen und die Bilanz eines chinesischen Immobilienkonzerns durchschauen, erklären uns fortan, was bei den Bundestagswahlen auf dem Spiel steht.“

          Michaela Wiegel
          Politische Korrespondentin mit Sitz in Paris.

          Der Franzose, Chefökonom bei Allianz, hat mit seinem Spott nicht ganz unrecht. Die französischen Nachrichten- und Radiosender haben voll auf „Allemagne“ umgeschaltet, und nicht immer sind es Deutschlandkenner, die ihre Wahlprognosen und Analysen zum besten geben. Aber es scheint vielen auch gar nicht um Deutschlands Zukunft zu gehen, sondern um ein imaginäres Land jenseits des Rheins.

          Dem Chefredakteur von „Libération“, Dov Alfon, fällt zu Deutschland „Autobahn“ und „Wetterstein“ und eben „Merkel“ ein, wie er offenherzig in seinem Kommentar bekennt. Vielleicht ließ er die Sonderausgabe zur Wahl auch deshalb „Mutti, es ist vorbei!“ betiteln. Zum Glück leistet sich „Libération“ einen Deutschlandkorrespondenten, der fachkundig Bilanz zieht. Die Printpresse mit „Le Monde“, „Le Figaro“, „Les Echos“ und anderen Titeln hat wie Radio France und RFI ständig Journalisten auf Posten in Berlin. Bei den meisten TV-Nachrichtensendern ist das nicht der Fall, und auch der größte Privatfernsehsender TF1 fliegt nur gelegentlich einen Reporter nach Berlin ein. In seinem Buch „Ausländische Wunde“ („Lésion étrangère“) beschreibt der TF1-Reporter Alain Chaillou, wie groß die Vorurteile gegen das Nachbarland in seiner Redaktion seien. Deutschland gelte als „chiant“, also „beschissen“.

          Das parlamentarische System der Bundesrepublik bleibt vielen Franzosen fremd. Dass Merkel als Bundeskanzlerin nicht so wie ein französischer Präsident durchregieren kann, fällt bei den Rückblicken in der Presse meistens in den Hintergrund. Reaktion statt Aktion, so wird sie beschrieben. Nur selten wird darauf hingewiesen, dass sich Merkel in ihren sechzehn Regierungsjahren zwölf Jahre lang die Macht mit der SPD teilte.

          Olaf Scholz hat es geschafft, sich als Oppositionsführer und Mann der Erneuerung einzuführen. Anne Hidalgo, die sozialistische Präsidentschaftskandidatin und Bürgermeisterin von Paris, hat sich eigens in den Thalys gesetzt, um bei der letzten Kundgebung von Scholz in Köln dabei zu sein. Sie hofft, dass sein möglicher Sieg auf sie abfärben könnte. Zugleich wäre sie gern die Merkel Frankreichs, was zu den Wahlplakaten von Scholz passt. Aber auch die rechtsbürgerliche Kandidatin Valérie Pécresse verspricht, „zwei Drittel Merkel und ein Drittel Thatcher“ zu sein.

          Scholz oder Laschet?

          Die Merkel-Nostalgie hat in den Medien einen Höhepunkt erreicht, da sie sich mit der in Frankreich stark gepflegten Binsenweisheit trifft, dass früher irgendwie alles besser war. Die Kanzlerin ist der Fixpunkt, um den alle Medienberichte kreisen. Zur Meisterschaft gebracht hat diese Deutschland-Erzählung die Journalistin Marion Van Renterghem, deren Buch „C’était Merkel“ („Das war Merkel“) prägend geworden ist. Unter der Überschrift (auf deutsch) „Auf Wiedersehen“ schrieb die Autorin für das Nachrichtenmagazin L’Express ein Abschiedsporträt der Bundeskanzlerin. Die Überschrift ist dabei doppeldeutig: Van Renterghem wurde trotz unzähliger Versuche nie ein Interviewtermin gewährt, ein Wiedersehen kann es also schwerlich geben.

          „Merkel ist eine Pop-Ikone“, lautet Van Renterghems These. Merkmale wie Bescheidenheit, Uneitelkeit und Redlichkeit sind Kult in einer Nation, deren Präsidenten mit der Machtfülle und in Palästen republikanischer Monarchen herrschen. In ihrem unterhaltsamen „PodKast“ mit dem Titel „Die Politik nach Merkel“ hat die Deutschlandkorrespondentin Hélène Kohl die Zukunft skizziert. Sie stellte Olaf Scholz, Armin Laschet und Annalena Baerbock vor, die größte Zuhörerschaft wurde jedoch der Aufzeichnung zu Angela Merkel zuteil. Der Endspurt im Wahlkampf wird vor allem durch die französische Brille verfolgt: Wer wäre der beste Kanzler für die Franzosen? Der Journalist Jean-Dominique Merchet von L’Opinion hat es auf die kurze Formel gebracht: Scholz wäre gut für die Finanzen und schlecht für die Verteidigung, Laschet gut für die Verteidigung und schlecht für die Finanzen.

          Weitere Themen

          Olaf, der Eroberer

          FAZ Plus Artikel: Künftiger Kanzler? : Olaf, der Eroberer

          In Washington feiert Scholz die globale Mindeststeuer. Weil viele Wähler vor allem ihn wollten, steht er auch in Deutschland stark da. Doch Personalentscheidungen und die jungen SPD-Linken könnten noch herausfordernd werden.

          Topmeldungen

          Ein Radfahrer fährt am Terminal des Flughafens Frankfurt-Hahn vorbei.

          Ziel vieler Billigflieger : Flughafen Frankfurt-Hahn ist insolvent

          Die Flughafen Frankfurt-Hahn GmbH im Bundesland Rheinland-Pfalz hat Insolvenz angemeldet. Der Flughafen musste zuletzt immer wieder Rückgänge beim Passagieraufkommen hinnehmen – auch schon vor der Corona-Pandemie.
          Blut-Spritzen-Verletzungs-Phobie: Was für die meisten Patienten nur ein unangenehmer Pieks ist, führt bei manchen zu schlimmen Panikattacken.

          Spritzen-Phobie : „Manche denken, sie müssten sterben“

          Seit März 2021 therapiert die Psychiaterin Angelika Erhardt Menschen, die unter krankhafter Angst vor Blut und Spritzen leiden. Ein Interview über das „Angst­gedächtnis“, Therapiemöglichkeiten und den Wunsch nach einer Corona-Impfung.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.