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2. Staffel von „Black Monday“ : Die Bösen von der Börse

Stilvoll abgetaucht: Maurice „Mo“ Monroe (Don Cheadle) macht in Miami auf Schönwetter. Bild: Showtime

Ungetrübter Blick durch die Achtzigerbrille auf die heutige Powerhouse-Zeit: Die Wall-Street-Comedy-Serie „Black Monday“ zeigt, wenn du drin bist, bist du drin – und kommst nie wieder raus.

          3 Min.

          Es scheint ein etwa mindestens dreißig Jahre altes Gesetz in Film und Fernsehen zu geben, dass wenn die Zeiten finster sind, man sich gern der noch viel größeren Dunkelheit vergangener Zeiten erinnert und sich retrospektiv sozusagen an ihrer Kälte wärmt. Und wenn es nicht das Mittelalter oder die finstere erste Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts sind, dann sind es die achtziger Jahre (in ihrer zugekoksten Filmversion). Zuletzt sehr prominent und mitsamt üppiger Erkennt-euch-als-Konsumenten-Produktplazierung (dafür ohne Koks) in der Serie „Stranger Things“.

          Axel Weidemann
          Redakteur im Feuilleton.

          Auch die dick auf- und vorgetragene Comedyserie „Black Monday“ (produziert von Seth Rogen, Jordan Cahan und David Caspe) widmete sich in der ersten Staffel hingebungsvoll den Achtzigern, genauer dem titelgebenden Schwarzen Montag; dem 19. Oktober 1987, als die amerikanische Börse zum ersten Mal seit dem Zweiten Weltkrieg wieder mit Schwung vor die Wand fuhr (ohne allerdings langfristig viel Schaden anzurichten) und der Dow Jones binnen eines Tages um mehr als 22 Prozent fiel. Verantwortlich macht die Serie den abgebrüht-ehrgeizigen Makler Maurice „Mo“ Monroe (Don Cheadle), seine Kollegin und einzige Frau im Unternehmen, Dawn Darcy (Regina Hall), den Rookie Blair Pfaff (Andrew Rannells) und den insgeheim schwulen Keith Shankar (Paul Scheer). Das Ganze geht vor allem für Mo ziemlich schief, weil ihn am Ende – gute alte Wallstreet-Schule – alle übers Ohr hauen.

          Gottlob spielte in der Auftaktstaffel endlich mal wieder ein sehr unanständiges Auto eine zentrale Rolle, das kein SUV war: Der „Limbo 1“, ein Hybrid aus rotem Lamborghini Countach und Stretch-Limousine. Als Mo in einer der ersten Folgen gefragt wird, warum er sich durch diese Protz-Mischung auf die halbe Leistung und den halben Comfort eingelassen habe, antwortet er: „Weil es das Doppelte kostet!“ Damit ist die Prämisse der Serie gesetzt, denn es lässt sich bei allen Geschmacksfragen sagen, dass bei halbiertem Understatement und halbierter Political Correctness hier am Ende etwa doppelt so viel Spaß herauskommt.

          „Black Monday“ ist sich auch für Klamauk nicht zu schade

          Das sahen Kritikerkollegen im englischsprachigen Raum mitunter anders, doch vielleicht schafft gerade die Sprachbarriere einen guten Puffer, wenn die Wortspiele und Zitate angeschossen kommen wie aus dem Schnellfeuergewehr. Wo andere Serien bewusst auf Ausgebufftheit und Eleganz setzen, nimmt „Black Monday“ sich Freiheiten und ist sich auch für Klamauk und Krawall nicht zu schade. Gut so. Denn nicht nur macht die Serie bildgestaltungstechnisch dennoch eine schlanke Figur, es steigert auch den Kontrastreichtum, die Fallhöhe sowie die humoristische Bandbreite.

          In der zweiten Staffel gibt es von Maurice zunächst keine Spur. Dawn hat nach geglücktem Coup die Firma übernommen, überwiegend Frauen eingestellt – benimmt sich aber, wie sie es von all den anderen Silberrücken auf dem Parkett gelernt hat: schreien, Dinge vom Tisch fegen, Kündigung oder Gewalt androhen. Sie steht unter Stress: Der Laden läuft nicht und das „Wall Street Journal“ hat ein unvorteilhaftes Porträt über sie geschrieben. Alles würde besser, würde sie den untergetauchten, weil staatlich gesuchten Mo aus der Firma drängen können. Der versucht sich zusammen mit Keith in Miami über Wasser zu halten – als Bass-Spieler, mit Schokoladen-Shakes und dem prominent inszenierten Nintendo-Spiel „Legend of Zelda“ (1986). Nachdem Keith sich über Kokain-Geschäfte mit einem Kartell überworfen hat, wird die Situation explosiv und Mo, der stets beteuert, genug von allem zu haben und sich in die Südsee absetzen zu wollen, kehrt nun doch zurück nach Manhattan.

          Wer die erste Staffel nicht kennt, findet trotz Rückblenden und allerlei Erklärungsversuchen nicht so leicht ins Geschehen der zweiten – ist aber, wenn er Pech hat, schnell am Haken. Schon der Fernseheinspieler des Reality-Formats „Unsolved Crimes“, in dem der Rapper Snoop Dogg als Mo posiert und eine Nase Kokain vom Lauf einer Pistole zieht, ist ein fast schon rührend solider Einfall. Ein Großteil des Pointenpotentials reizt die Serie naturgemäß dadurch aus, dass sie durch die Achtzigerbrille auf die heutige Powerhouse-Zeit blickt, in der, was den Kapitalismus betrifft, vermutlich alles noch genauso schlimm (oder anders schlimm) ist, es jedoch einfach grüner und wellness-mäßiger verkleidet wird.

          Authentische Spielfreude hingegen vermitteln die Schauspieler, allen voran Regina Hall, die sich hier mit ernst zu nehmender Beton-Frisur in der zweiten Staffel freispielen kann. „Black Monday“ wirkt im Angesicht der derzeitigen Verhältnisse im Land natürlich etwas aus der Zeit gefallen. Doch im Gegensatz zu anderen Formaten wirkt die Serie dadurch fast wie ein Befreiungsschlag – auch auf die Nase all der weißen Old Boys, die sich kaum noch parodieren lassen.

          Black Monday, Staffel 2, läuft bei Sky-Atlantic.

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