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Die Blogger-Elite in Berlin : So wird das nichts

  • -Aktualisiert am

Das Berliner Blogger-Treffen „re:publica“ hätte ein Befreiungsschlag werden, es hätte den Blick auf das politische, unterhaltende und informierende Potential von Weblogs lenken können. Stattdessen: Selbstbezüglichkeit und Monomeinung.

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          Wer glaubt, die besten Tage von Motto- und Motiv-Shirts seien vorbei, hätte letzte Woche in Berlins Johannisstraße sein buntes Wunder erlebt. Johnny Haeusler und Markus Beckedahl, deren Weblogs „Spreeblick“ und „netzpolitik.org“ hierzulande zu den meistgelesenen zählen, hatten zur ersten „re:publica“ nach Berlin geladen, und mehrere hundert Online-Enthusiasten hatten sich mit Sack und MacBook auf den Weg gemacht.

          Diskussionsbedarf gibt es in der Blogosphäre immer und dazu drei aktuelle Aufreger: die Forderung nach Richtlinien für ethisch einwandfreies Bloggen, die von erschreckender Unkenntnis der Szene kündende Schleichwerbung für Parfüm in Blog-Kommentaren (siehe auch: Tech-Talk: Calvin Klein bloggt) und „Adical“, eine kürzlich gestartete Plattform, die Blogs als Werbeträger vermarktet, was mit dem Selbstverständnis mancher Blogger unvereinbar ist. Die Gesprächsrunde zur Frage, ob und wie mit Blogs Geld zu verdienen sei, füllte den größten Saal. Neben den „Adical“-Gründern Johnny Haeusler und Sascha Lobo saß „Supatyp“-Blogger Thomas Lau am Tisch. Mit seiner Einschätzung, die Blogosphäre sei für Werbetreibende uninteressant, weil sie keinen gemeinsamen Gegner habe und es ihr deshalb an innerer Solidarität mangele, ging er gleich doppelt fehl.

          Ein Blogger filmt einen Blogger, der einen Blogger filmt

          Was die deutschsprachige Blogosphäre nicht nur für Werbetreibende uninteressant macht, ist ihr beklagenswerter und in erster Linie selbstverschuldeter Zustand: Neben der Menge weitgehend unbekannter, nicht selten lesenswerter Blogs gibt es eine zweistellige Zahl prominenter A-Blogs. Diese drehen sich derart raumgreifend um sich selbst, dass für die anderen kein Vorbeikommen ist. Die re:publica hätte ein Befreiungsschlag werden, sie hätte den Blick auf das politische, unterhaltende und informierende Potential von Weblogs lenken können. Stattdessen traten die üblichen Verdächtigen an: die Gastgeber und die digitale Boheme, die Journalisten Thomas Knüwer, Stefan Niggemeier und Mario Sixtus, der schockwellenreitende Jörg Kantel, der dauerpräsente Don Dahlmann und ein paar mehr.

          Geredet haben sie über sich und ihre Blogs und über die anderen und deren Blogs. Man sollte sich unterhalten fühlen, wenn ein bärtiger untersetzter Promi-Blogger auf einer Bloggerkonferenz einen großen schlanken Promi-Blogger mit zu kurzem Sakko filmt und dabei wiederum von einem Blogger gefilmt wird, der außerhalb der Szene genauso unbekannt ist wie seine beiden Filmpartner. Mit solch typischen Inhalten wird man nie eine größere Leserschaft von sich überzeugen können, so man das denn will.

          Und warum geht eine Blogkonferenz weitgehend ohne Hinweise auf Fachblogs und Corporate Blogs zu Ende? Externe Expertise aus der Wissenschaft, den Medien, der Wirtschaft hätte womöglich die dominierende Meinungseinfalt gestört. Sie hätte vielleicht auch dafür gesorgt, dass den Diskutanten zum Thema „Politik 2.0“ mehr eingefallen wäre, als sich über die Blogkompetenz von Politikern und die Internetauftritte von Parteien auszulassen. Das obere Bloggerhundert will anscheinend alles selbst machen, alles wissen, alles können, aber mit niemandem außerhalb des Gemeinwesens etwas zu tun haben. So wird aus der Sache der Blogs in Deutschland nie, was in Amerika oder Frankreich aufscheint - eine res publica.

          Die zweite Fehleinschätzung findet sich im Untertitel der Konferenz wieder: „Leben im Netz“. Die A-Blogosphäre zeichnet sich nicht gerade durch ein Übermaß an Solidarität aus - warum sollte sie auch? -, einen gemeinsamen Gegner hat sie aber sehr wohl: die Printmedien, im Bloggerjargon „Holzmedien“ genannt. Kein Wunder also, dass sich das Podium zur „Medien(r)evolution“ durchgehend einig war: Die Zukunft alles Medialen ist online. Das muss, wenn überhaupt, nur noch in Andeutungen begründet werden. Dafür wurden Erfahrungsschnipsel aus dem Berufsalltag der Online-Chefs von „Tagesspiegel“ und „Focus“, Mercedes Bunz und Jochen Wegner, abgefragt. Es war Sache der Zuhörer, die Unterhaltung durch Zwischenrufe und Fragen auf Trab zu bringen. Die zeitgleich auf einer neben dem Podest stehenden Leinwand eingehenden SMS-Nachrichten aus dem Publikum waren zwar häufig sachfremd, aber trotzdem kurzweiliger.

          Ohne Selbstbezüge und ohne die Bezugsgröße Print würden die meisten meinungsführenden Blogs - und zwar nur diese - in sich zusammenfallen wie ein Heißluftballon ohne Flamme. Bis es so weit ist, bleibt der Blog-Olymp für Neulinge nahezu unzugänglich; dort kennt man sich, man zitiert und kommentiert sich, spricht denselben Jargon, schreibt über sich und die Medien und bleibt so konsequent unterhalb der Aufmerksamkeitsschwelle all jener Leser, die ihr Leben nicht im Netz verbringen.

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