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Arte-Doku „Russland von oben“ : Im Flug über das weite Reich des Bären

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1996 wurde die Vulkanregion von Kamtschatka, die größtenteils als Naturpark ausgewiesen ist, von der Unesco zum Weltnaturerbe erklärt. Bild: colourfield/ZDF

Vielleicht hat es gar nichts mit als Co-Finanzier auftretenden Unternehmen Gasprom zu tun: Petra Höfer und Freddie Röckenhaus legen ein unkritisches, aber beeindruckendes Stadt-Land-Fluss-Poem vor.

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          Vielleicht darf man das so machen, heute, in Zeiten des unerbittlichen Zwists: den Blick einmal schweifen lassen und einzig das Überwältigende sehen, das ehrwürdige Antlitz eines Landes, das in der Draufsicht gar keine politische Entität ist, sondern schiere Unendlichkeit, unbeherrschte Natur, der der Mensch nur einige temporäre Konstruktionen hinzugefügt hat. Vielleicht hat es also gar nichts mit dem neben Arte und ZDF als Finanzier auftretenden Unternehmen Gasprom zu tun, dass die sibirische Gasförderung „in einer hypermodernen Fabrik“ in hohen Tönen besungen wird („Zentrum eines Weltmarkts“) und der Film passagenweise so wirkt, als habe der russische Tourismusverband daran mitgewirkt: Präsentiert wird ein flirrendes Zauberland im Einklang mit den Elementen; die ideale Kulisse für eine Reise mit der Transsibirischen Eisenbahn. So fliegen wir von den Zwiebeltürmen in Rostow am Don an die Schwarzmeerküste („kann wie Italien aussehen“), ohne dass der bewaffnete Konflikt auf der nahe gelegenen Krim Erwähnung findet. Auch sonst enthält sich die Dokumentation des Ehepaars Petra Höfer und Freddie Röckenhaus, das uns bereits „Deutschland von oben“ in zeitlos schönen Aufnahmen nahegebracht hat, aller Kommentare zur Politik.

          Beim Blick aus der Vogelperspektive auf eine der Diamantenminen von Jakutien wird beispielsweise deren Ausmaß bewundert („eines der tiefsten Löcher der Erde“), aber nicht die Rolle thematisiert, die der Edelsteinabbau inzwischen für die Regierung Putin spielt – und erst recht nicht die mitunter schweren Unglücke. Ein einziges Mal nur erklingt milde Kritik, nämlich an den erheblichen Umweltverschmutzungen rund um ein abgelegenes Buntmetallwerk, doch auch die ist weich abgefedert: „aber wer heute hier arbeitet, wird besser bezahlt als anderswo“. Fazit: „Norilsk ist ein strenger, vielleicht ein gefährlicher Ort, aber es gibt Museen, Theater, Kino und ein Kulturhaus.“

          Nähe und Überblick: ein Kunststück

          Gleichwohl ist diese Zurückhaltung kein schwerwiegendes Manko, denn erstens herrscht an – höchst berechtigter – Kritik am autoritativen System Wladimir Putins kein Mangel, wie die Vorberichterstattung zur Fußball-Weltmeisterschaft erneut gezeigt hat, und zweitens bringen uns Höfer und Röckenhaus auf leichte, im wahren Sinne schwebende Weise zu Bewusstsein, dass dieses endlose, zum allergrößten Teil unbewohnte Land beständiger ist als jede Regierung.

          Die großen Städte Russlands liegen im europäischen Teil des Landes, und natürlich drehen wir einige Runden über Sankt Petersburg, Moskau, Kasan und Sotschi, sehen Kanäle, Moscheen, die Eremitage, mutige Eisschwimmer und glitzernde Hochhäuser der Hauptstadt. Das gewaltige Hinterland, das sich bis an die Pazifikküste erstreckt und in dem nur fünfzehn Prozent der Bevölkerung leben, mag in gesellschaftspolitischer Hinsicht weniger ins Gewicht fallen, aber in einer auf die Topographie des Landes abstellenden Dokumentation spielt es zu Recht die Hauptrolle.

          Als Bewohner dieses zu großen Teilen unberührten Russlands begegnen uns abseits der wenigen Städte wie Wladiwostok und Nowosibirsk einige Industriearbeiter, einige Nomaden und zahllose Tiere wie lachsfischende Braunbären, majestätische Adler, planschende Eisbären, genügsame Rentiere und rudelfaulenzende Walrösser. Die mit Hilfe von Drohnen und Helikoptern gemachten Landschaftsaufnahmen sind hervorragend geeignet, um einen Eindruck von der Weite und der Vielgestaltigkeit Russlands zwischen subtropischem Palmenklima und ewigem Eis zu vermitteln.

          Mit Google Earth hat das nichts zu tun. Vielmehr handelt es sich um optische Poesie vom Feinsten, um den dramaturgischen Höhepunkt der gesamten „Von oben“-Reihe. Neun Monate lang waren die Filmemacher in der Luft. Freilich wurden die Bilder wieder allzu großzügig mit der von Boris Salchow eigens komponierten emotionalen Filmmusik bestrichen. Diese Dauerberieselung wäre gar nicht nötig. Beeindruckende Flüge führen über die Wehrtürme von Inguschetien und den zugefrorenen Baikalsee, über psychedelische Salzmuster in der Steppe von Kalmückien und imposante Felsschlote an der Lena bei Jakutsk, über gezackte Gipfel im Kaukasus- und im Altaigebirge und die Baumteppiche der Taiga – „verwunschen wie nur noch wenige Orte auf dieser Erde“, sagt der als Sprecher erneut überzeugende Benjamin Völz nachvollziehbar –, über die rotbraungrünblau gefleckte Tundra und die als Eisbärkindergarten bekannte Insel Wrangel im Nordpolarmeer, über die fast menschenleere, deutschlandgroße Halbinsel Kamtschatka mit ihren neunundzwanzig rauchenden Vulkanen ganz im Osten und die von rentierzüchtenden Nenzen bewohnte Polarhalbinsel Jamal, die wegen der Erdgasvorkommen heute vor allem von eisbrechergeführten Tankerkonvois angesteuert wird.

          Man kommt dem Land dabei nahe und behält doch den Überblick, das ist ein Kunststück. Während der Arbeit an diesem Film ist Petra Höfer vor einem Jahr überraschend gestorben. „Russland von oben“ ist damit auch Abschied und Vermächtnis, ein starkes Plädoyer dafür, die Erhabenheit und Kostbarkeit unserer gemeinsamen Erde nicht aus dem Blick zu verlieren. Von dort oben nehmen sich viele unserer täglichen Rangeleien doch sehr mickrig aus.

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