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„Die Blechtrommel“ : Danzig sehen und sterben

Ohrenbetäubend: Oskar Matzerath (David Bennent) bringt sogar Glas zum Zerspringen. Bild: obs

1979 hat Volker Schlöndorff „Die Blechtrommel“ verfilmt. Vor fünf Jahren kam der Director’s Cut heraus. Die ARD zeigt ihn heute Abend. Auch viele andere Sender ändern ihr Programm.

          4 Min.

          Seit es die DVD gibt, ist es mit der Endgültigkeit der Filmgeschichte vorbei. Alles, was in den letzten Jahrzehnten gedreht wurde und nicht gänzlich vergessen ist, bekommt jetzt seine zweite historische Chance – den Director’s Cut. Ein Stroheim müsste heute nicht mehr klagen, die Filmindustrie schände die Leiche seines toten Kindes. Das Kinokind, erschaffen vom Regisseur, abgetrieben von Produzenten und Verleihern, darf in den Tiefen der schillernden Scheibe wiederauferstehen, rein und vollständig wie am ersten Tag.

          Andreas Kilb
          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Der Zuschauer aber hat immer öfter die Wahl zwischen zwei Ausgeburten eines Films. Die eine ist die Version, in der er einst das Licht der Leinwand erblickt hat. Die andere zeigt, wie der Film eigentlich hätte aussehen sollen, wenn nicht . . . Dieses Wenn ist entscheidend: Es setzt den Director’s Cut von Anfang an in den Konjunktiv. Was wir sehen, ist nicht der Film, der Geschichte gemacht hat, sondern sein nachgereichter Klon, sein Gespenst.

          Negative lagen im Keller

          Volker Schlöndorffs „Blechtrommel“ nach dem Roman von Günter Grass kam Anfang Mai 1979 in einer Schnittfassung von hundertvierzig Minuten in die deutschen Kinos. Zwei Wochen später gewann der Film in dieser Version in Cannes die Goldene Palme, im Jahr darauf bekam er in Hollywood den Oscar als bester ausländischer Spielfilm. Eine andere Version als die, in der das Publikum von 1979 die „Blechtrommel“ sah, hat es nie gegeben. Es gab nur ungeschnittenes Negativmaterial des Films, das in den Kellern eines Berliner Kopierwerks lagerte.

          Als Schlöndorff die Rollen vor zwei Jahren wiedersah, entschloss er sich, jene Szenen, die bereits im Rohschnitt entfallen waren, wieder in die Geschichte einzufügen. Der verlorene Ton wurde, zum Teil von den ursprünglichen, jetzt dreißig Jahre älteren Schauspielern, neu eingespielt; nur David Bennents Stimme musste digital auf die Tonhöhe seines damals kindlichen Organs abgesenkt werden, und Katharina Thalbach ließ sich von ihrer Tochter Anna vertreten. Etwa zwanzig Minuten, wenn man den schnelleren Bildlauf der DVD einkalkuliert, hat „Die Blechtrommel“ so hinzugewonnen.

          Aber hat der Film sie wirklich gewonnen? Oder hängen ihm die reanimierten Bilder wie ein Klotz am Bein? Gleich die erste neue Sequenz ist ein Argument gegen Schlöndorffs Rekonstruktion. Im Wohnzimmer von Gretchen Scheffler tagträumt der kleine Oskar von den Orgien Rasputins. Dazu hält David Bennent mit starrem Blick in die Kamera einen Monolog, in dem er von Oskars Bildungsweg zwischen Goethes „Wahlverwandtschaften“ und den Abenteuern des russischen Mönchs erzählt. Im Gegenschnitt sieht man den Drehbuchautor Jean-Claude Carrière mit Bart und Kutte zwischen nackten Komparsinnen herumtanzen. Die Szene ist visuell misslungen und dramaturgisch überflüssig. Deshalb hat Schlöndorff sie vor dreißig Jahren entfernt. Dass er sie jetzt vor dem endgültigen Vergessen retten wollte, ist verständlich, aber falsch.

          Nonnen fahren zum Himmel

          Dasselbe gilt für ein Bild in der zweiten Hälfte des Films, in dem man eine Gruppe Nonnen, die von deutschen Bunkerbesatzungen am Strand der Normandie erschossen wurden, zum Himmel fahren sieht. Der Regisseur hatte bei der Einstellung, deren Entstehung im Bonus-Feature auf der DVD ausführlich beschrieben wird, offenbar an Buñuel gedacht. Am Schneidetisch kam die Ernüchterung. „Schlussendlich war die Szene nicht im Film“, heißt es in Schlöndorffs 2008 erschienenen Erinnerungen „Licht, Schatten und Bewegung“, „weil die Nonnen an ihren Schirmen nichts Magisches hatten, nur an ,Mary Poppins’ erinnerten . . .“ Das kann man nicht treffender sagen.

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