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„Das Gewinnerlos“ im Ersten : Mit 66 Jahren, da fängt das Drehbuch an

Fahrt ins Glück, wohin auch sonst: Angela Winkler, Peter Franke, Dietrich Mattausch und Matthias Habich (von links) gehen als Seniorenquartett auf Tour. Bild: ARD Degeto/Conny Klein

Die ARD übertreibt es langsam mit den Wohlfühlfilmen über lebenslustige Senioren: „Das Gewinnerlos“ hat ein Herz für Großeltern, nicht aber für deren Nachwuchs. Wo bleibt die Generationengerechtigkeit?

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          Senioren sind die Zukunft unserer alternden Gesellschaft, das hat man bei ARD und ZDF längst begriffen. Schwergefallen dürfte die Erkenntnis niemandem in den Sendern sein, versammeln sich doch - Bemühungen um die jüngere, Richtung Internet und Streamingdienste abwandernde Zielgruppe zum Trotz - ohnehin mehrheitlich Menschen weit jenseits der Lebensmitte vor den Fernsehgeräten. Dort erwartet sie in jüngster Zeit ein neues Format: Ermutigungs-Filme für die Generation siebzig plus.

          Grau ist das neue Blond

          Ursula Scheer
          Redakteurin im Feuilleton.

          Es ist auch höchste Zeit, die Belange der Älteren ernst zu nehmen. Mit der lieben Oma und dem granteligen Opa am Rande eines Fernsehfilms ist es nicht mehr getan, wenn in New York das 93 Jahre alte Model Iris Apfel Furore macht, Grau das Blond der Saison ist und das Rentnerleben sich längst von der Ofenbank verabschiedet hat. Der Lebensabend wird zur beinahe jugendlichen Aufbruchzone - oder zumindest medial dazu verklärt. Was gehörig schiefgehen kann.

          Wie klug, lebensnah und unterhaltsam Sehnsüchte von Senioren inszeniert werden können, zeigte Ende des vergangenen Jahres Jan Georg Schütte mit seinem Film „Altersglühen“ im Ersten. Da gab es kein Drehbuch, das Platituden mit billigen Wohlfühleffekten zu einer Art medialem Seniorenteller anrichten wollte. Sondern ein bestens besetztes Ensemble, das die Dialoge Betagter beim „Speed Dating“ frei vor der Kamera improvisierte. Auch Matthias Habich war dabei, als pensionierter Lehrer, der sich ein Leben ohne seine demente Frau wünschte.

          Ende gut, alles gut? Die Generationen beim Picknick.
          Ende gut, alles gut? Die Generationen beim Picknick. : Bild: ARD Degeto/Conny Klein

          Wiedersehen konnte man Habich wenige Monate später im Zweiten in der Rolle eines Demenzkranken. Es war ein echter Absturz. Was die Regisseurin Isabel Kleefeld in „Sein gutes Recht“ ausbreitete, war böser Alte-Leute-Kitsch mit mahnend erhobenem Zeigefinger: Rührender Mann, dessen Gedächtnis zerfällt, erobert das Herz einer Frau - dargestellt von Thekla Carola Wied -, die ihn und sich gegen die Internierungsgelüste derer, die ihn heimtückisch ins Heim abschieben wollen, verteidigt. Bis beide ins Abendrot tanzen.

          Wir Alten gegen den Rest der Welt, so lautet auch das Motto von Matthias Habichs nächstem Auftritt als romantischer Held. Allein der Enkelgeneration können ältere Herrschaften in „Das Gewinnerlos“ noch trauen, Erwachsenen nur jenseits der Pensionsgrenze. Das erinnert an Filme für Kinder, in denen es ja auch immer darum gehen muss, Eltern und Lehrer auszutricksen, weil anders kein Entrinnen vor deren unwillkommener Bevormundung ist. Es gibt tatsächlich viele Parallelen zwischen Jugend und Alter, aber vielleicht wird dieser Ansatz Zuschauern mit Lebenserfahrung dann doch nicht gerecht.

          Ein Sechser im Lotto

          Das Seniorenstift in „Das Gewinnerlos“ ist dennoch eher eine Art Internat für extrem Junggebliebene. Und was Edda Leesch in ihrem Drehbuch konstruiert und Patrick Winczewski in Szene gesetzt hat, kann bestenfalls als seichtes Feelgood-Movie durchgehen. Habich gibt den renitenten Witwer, den die Tochter entmündigen und ins Altenheim sperren will. Doch - wundersames Glück - Georg und sein Freund Heinrich (Peter Franke) landen einen Sechser im Lotto. Von Entmündigung ist keine Rede mehr, jetzt, da Opa reich ist. Nur: Wo ist die Lotto-Quittung? Verschwunden. Keine Quittung, kein Geld. Also gilt es, allen unter siebzig etwas vorzumachen.

          Aus dem Heim, in dem Heinrich nur der Geselligkeit wegen lebt, zieht Sylva (Angela Winkler) zu Georg, als dessen vermeintliche neue Lebensgefährtin. Spätere Liebe nach der Balkonszene nicht ausgeschlossen. Georg scheint derweil seinen Romeo im Heim gefunden zu haben und sagt vielleicht bald offen: Ich bin schwul. Oder doch nicht?

          „Das Gewinnerlos“ entwickelt passagenweise durchaus Witz und Charme, bleibt aber im Heile-Welt-Modus hängen. Wenn sich die vier Hauptfiguren nur in ihr Cabrio setzen und losbrausen könnten, raus aus dieser Welt ohne Gebrechen, irgendwohin, wo sich Altsein lohnt.

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