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TV-Film „Tödliche Geheimnisse“ : Die schmutzigen Hände

  • -Aktualisiert am

Ein Anschluss unter dieser Nummer? Die Reporterin Rommy Kirchhoff (Nina Kunzendorf, links) und die Chefredakteurin Karin Berger (Anke Engelke) sind gespannt. Bild: ARD Degeto/Marco Krüger

Klare Kante in der ARD: Der Thriller „Tödliche Geheimnisse“ setzt sich mit dem Freihandelsabkommen TTIP auseinander und warnt vor einer Diktatur der Konzerne. Das ist recht missionarisch.

          3 Min.

          Schreibt die Wirklichkeit die besseren Drehbücher? Das jüngste Geschacher um das Ceta-Freihandelsabkommen mit Kanada beispielsweise besäße alle Ingredienzen für einen Spielfilm. Wie man auf offener Bühne daran scheiterte, zu erklären, warum der Abbau einiger Zölle nur zu haben ist im Verbund mit Mechanismen, die Konzernrisiken auf Steuerzahler abwälzen; wie die EU-Kommission das Abkommen trotzdem durchdrückte und sich dafür feierte: Das hätte Komik und Tragik zugleich.

          Vor einigen Monaten war Ceta aber noch kaum ein Thema, ganz anders als das geplante, nach der geballten Kritik inzwischen in weite Ferne gerückte TTIP-Abkommen mit den Vereinigten Staaten. Eben diese aufgeregte Debatte um TTIP haben Florian Oeller (Buch) und Sherry Hormann (Regie) zum Thema eines prominent besetzten Thrillers gemacht. Der Clou besteht darin, das zerrüttete Verhältnis zwischen Konzernen, Politik und Gesellschaft als komplexes Beziehungsdrama abzubilden und beinahe alle Schlüsselrollen mit Frauen zu besetzen. Auch wenn man es an zwei, drei Stellen dramaturgisch übertrieben hat, steht die durchweg wirtschafts- und machtkritische Haltung der Spannung nicht im Wege.

          Geleakte Dokumente im Lesecontainer

          Der Film holt den Zuschauer quasi auf dem Sofa ab. Mit Aufnahmen vor dem markanten Gebäude der Europäischen Kommission beginnt es; bald tritt ein authentischer „Watch TTIP“-Aktivist auf („Was werden Sie denn sagen, wenn in fünf bis zehn Jahren nur noch drei Apfelsorten vor Ihnen liegen?“); den Greenpeace-Lesecontainer mit den geleakten TTIP-Dokumenten hat Hormann ebenso integriert wie Mitschnitte echter Demonstrationen. Das Gezeigte ist so nah dran am Nachrichtengeschehen, dass es kaum verwunderte, wenn sich plötzlich Rolf-Dieter Krause ins Bild schöbe, um den TTIP-Kritikern die Leviten zu lesen.

          Derweil aber beginnt der Aufbau des parabelartigen Dramas mit klar verteilten Rollen: Wir haben die Guten, das sind - wie oft in solchen Stücken - Investigativjournalisten alten Schlags, auch wenn die Zeitungskrise die Redaktion des Magazins „Der Puls“ voll im Griff hat. Hier agiert die Chefredakteurin Karin Berger (eine großartig lädiert aufspielende Anke Engelke), die gegen die Vorstellungen der Eigentümer des Blattes an Qualitätsjournalismus festhalten will und alle Hoffnung auf eine plötzlich sich eröffnende Story setzt. So schickt sie ihre beste Mitarbeiterin und - überflüssigerweise - ehemalige Partnerin Rommy Kirchhoff (Nina Kunzendorf) nach Brüssel, um den TTIP-Lobbyisten Paul Holthaus (Oliver Masucci), der zu Aussagen über Hinterzimmer-Deals bereit scheint, zu interviewen.

          Männer in dunklen Limousinen

          Auf der anderen Seite haben wir die Bösen, das sind skrupellose, über Leichen gehende Wirtschaftsführer. Für sie stehen die Vertreter des Agrarkonzerns Norgreen Life, der erkennbar nach dem Vorbild von Monsanto modelliert wurde. Auch hier führt eine Frau das Zepter, die Vorstandsvorsitzende Lilian Norgren, Tochter des Firmengründers und schön doppelgesichtig gespielt von Katja Riemann. Sie wirkt immer wieder nahbar („Ich bin reich, aber ich bin kein böser Mensch“), doch ihr arbeiten nicht grundlos allwissende Anzugmänner zu, die sinister aus dunklen Limousinen blicken. Es wäre gar nicht mehr nötig gewesen, dass die Firmenchefin ihrer - überflüssigerweise ebenfalls in Rommy Kirchhoff verschossenen - Tochter (Paula Beer) beim Fechten erklärt, dass es auf die Tarnung ankommt: Niemand darf sehen, wer die Politik lenkt.

          Weiß sich durchzusetzen: Konzernchefin Lilian Norgren (Katja Riemann).
          Weiß sich durchzusetzen: Konzernchefin Lilian Norgren (Katja Riemann). : Bild: ARD Degeto/Stephan Rabold

          Die eigentliche Thrillerhandlung setzt ein, als das brisante Interview stattfinden soll. Die Journalistin wird aus dem Raum gelockt, und sowohl der Aktivist wie auch der Whistleblower, der gerade einen kompromittierenden USB-Stick in die Kamera gehalten hat („Das hier ist der Beweis dafür, dass mit diesem Handelsabkommen eine Diktatur der Konzerne beginnt“), sind plötzlich verschwunden. Dass sie noch leben, scheint eher unwahrscheinlich. Nun beginnt die Jagd auf die vermutlich irgendwo hinterlegten Daten des Lobbyisten, wobei beide Seiten einander auszutricksen versuchen und Holthaus’ Sohn Max (Leonard Scheicher) eine wichtige Rolle zukommt. Dass aber just an dem Tag von Holthaus’ Verschwinden seine Frau an Krebs stirbt, ist dann doch dramaturgisch arg überspitzt, zumal dieser Tod später auch noch mit Glyphosat (das hier anders heißt) in Verbindung gebracht wird. Vielleicht brauchte man diesen Umstieg auf ein doch sehr anderes Thema, als den Filmemachern klarwurde, dass die umstrittenen Schiedsgerichte, an deren Ausgestaltung Holthaus auf Norgreens Rechnung mitgearbeitet haben soll, in der Urversion kaum Teil von TTIP werden dürften, wenn denn das Abkommen überhaupt noch eine Zukunft hat.

          Was dann aber wieder gelingt, ist die Schlussgerade mit Überraschungen und harscher Medienkritik. Wie ein solcher, die noch qualmende Handelspolitik kommentierender Film enden würde, war schließlich die Hauptfrage. Sich dabei auf ein Minimum an aufgesagten Erklärpassagen zu beschränken (ganz ohne ging es wohl nicht) spricht ebenso für diese Produktion wie der Mut zur Überlänge (105 Minuten) und die überzeugende Leistung der Schauspieler, die der recht eindeutigen Handlung zumindest mimisch ambivalente Charaktere entgegensetzen. Dass alles recht engagiert wirkt und ein Spielfilm hier als Medium dient, um vor einer drohenden Wirtschaftsdiktatur zu warnen, mag durchaus einmal angehen. Es steht ja tatsächlich viel auf dem Spiel: die Gesellschaft der Bürger, wie wir sie kennen.

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