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TV-Film „Auf kurze Distanz“ : Sie setzen alles auf eine Karte

In der nächsten Runde kommt der Knockout: Luca (Edin Hasanovic, links) und Klaus (Tom Schilling) plazieren eine Wette. Bild: WDR/UFA FICTION GmbH/Jakub Bejna

Ein Polizist verfällt dem Betrug mit Sportwetten, den er aufdecken soll. Alles in seinem Leben ist eine Lüge, bis auf die Freundschaft zum Neffen des Mafiapaten. Die ARD zeigt einen packenden Thriller.

          Das nimmt kein gutes Ende. Drei Männer schleppen einen vierten in den Wald und lassen ihn zwischen den Bäumen liegen. Der eine zieht eine Waffe und legt sie dem nächsten in die Hand. „Für die Familie“, sagt er und erwartet, dass der andere abdrückt. Dem Dritten im Bunde steht die Verzweiflung ins Gesicht geschrieben. „Tu es nicht“, fleht er.

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          Das ist die erste und die vorletzte Szene des Thrillers „Auf kurze Distanz“, der von der Freundschaft zweier junger Männer erzählt, die sich gegen Verrat und Verbrechen bewähren muss. Klaus Roth (Tom Schilling) hat sich als verdeckter Ermittler in die Familie des serbischen Wettpaten Aco Goric eingeschlichen und mit dessen Neffen Luka Moravac (Edin Hasanovic) eine Blutsbrüderschaft geschlossen, die mit seinem Auftrag nicht mehr das Geringste zu tun hat.

          Im Auftrag seines Chefs Frank Dudek (Jens Albinus) soll Roth dafür sorgen, dass der ganz große Deal, durch den sich Gorics Clan mit der italienischen Mafia verbünden und die türkische Gang, die sich in ihr Geschäft gedrängt hat, ausschalten will, alle Beteiligten in den Knast bringt. Dass sein Undercover-Agent dabei in höchster Gefahr schwebt, nimmt Dudek in Kauf. Dem unberechenbaren Roth, dem der normale Polizeidienst eine Qual war, soll gelingen, was er selbst in seinen acht Jahren als Undercoverermittler nicht schaffte. Welchen Preis der junge Polizist dafür zahlt, das spielt keine Rolle.

          Spielt die Verlobte, die keine ist: Britta Hammelstein als verdeckte Ermittlerin Eva Ritter.

          Er muss sich an seine Lügen erinnern

          „Wer sich irgendwann nicht mehr an seine eigenen Lügen erinnern kann, ist ein toter Mann“, sagt Dudek, als er Roth dessen Legende einbimst: Roth ist jetzt Milan Neumann und hat serbische Wurzeln. Die hat Roth tatsächlich, aber ansonsten hat er nichts – keine Familie, keine Freunde, keine Hobbys. Genau deshalb hat sein Chef ihn ausgesucht. Nun bekommt Roth ein Leben und eine Verlobte, in deren Rolle die Kollegin Eva Rittner (Britta Hammelstein) schlüpft. Sein erlogenes Leben aber führt den Ermittler an den Rand des Zusammenbruchs. Das einzig Wahre ist seine Freundschaft zu Luka, den er ans Messer liefern soll.

          Die Qualität eines Thrillers kann man daran ermessen, dass alles immer schlimmer wird und man die Hoffnung trotzdem nicht aufgibt: Vielleicht wendet sich für die Helden der Geschichte doch zumindest nicht alles zum Allerschlechtesten? Trotz all der Tiefschläge. Für die sorgen die Freunde Klaus und Luka zunächst einmal selbst. Sie zocken, sie wetten, sie manipulieren Fußballspiele, Boxkämpfe und Tennismatches. „Meine kleine Schwester spielt Volleyball, ist das für euch auch interessant?“, fragt eine Tennisspielerin, die der Goric-Clan auf der Payroll hat. „Klar“, sagt Luka. Illegale Wetten lassen sich schließlich auf alles schließen. Auf jede Sportart, auf jedes Ergebnis. Auf einen Elfmeter, eine rote Karte, einen Knockout. Man muss nur den Spieler oder den Schiedsrichter in der Tasche haben. „Wir können die Spiele hier schieben und die Wetten in Asien plazieren. Das ist einfach für Sie und einfach für mich“, sagt in einer Szene der eine Mafiaboss zum anderen. Mord gehört allerdings auch zum Geschäft. Ganz einfach.

          „Die Leute gehen ins Stadion, weil sie nicht wissen, wie es ausgeht“, hat der legendäre Weltmeistertrainer Sepp Herberger einmal gesagt. Das Zitat führt der Journalist Benjamin Best an, dessen Dokumentation „Wettbetrug im Fußball – Ein Milliardengeschäft für die Mafia“ im Anschluss an den Spielfilm läuft und zeigt, wie nahe das Drehbuch von Holger Karsten Schmidt und Oliver Kienle an der Realität ist. Der weltweite Markt der Sportwetten wird auf fünfhundert Milliarden Euro Umsatz pro Jahr geschätzt. „Kein Wunder also, sagt der Rechercheur Best, „dass Wettbetrug längst zu einem florierenden Geschäftszweig der organisierten Kriminalität geworden ist.“

          Das ist der Hintergrund des meisterhaften Thrillers von Philipp Kadelbach, dessen Titel „Auf kurze Distanz“ auch für die Machart des Films steht. Wir sehen die Dinge aus der Perspektive des verdeckten Ermittlers. Die Kamera von Jakub Bejnarowicz erzeugt durch die Nähe zu den Figuren – wir folgen gewissermaßen ihrem Atem –, und lange Einstellungen eine außerordentliche Intensität.

          Er will nur eins - die Wettmafia erledigen: Jens Albinus spielt den Chefermittler Frank Dudek.

          Für die sorgen auch die Schauspieler. Tom Schillings Spiel eines Verlorenen erinnert an Robert de Niro in „Taxi Driver“, Edin Hasanovic holt ebenso viel dramatisches Potential aus seiner Figur des Neffen heraus, der seine Außenseiterrolle im Clan nur ablegen kann, wenn er seine Menschlichkeit abtötet. Britta Hammelstein hat einmal eine expressivere Rolle als die der schlauen Computer-Ermittlerin im Büro, die sie im Ensemble des „Tatorts“ mit Til Schweiger spielt. Jens Albinus beeindruckt als undurchsichtiger Chefermittler, der seinen Undercoverkollegen nur scheinbar persönlich anspricht, aber einzig ein Ziel kennt – die Wettmafia zu zerschlagen.

          Die Schauspieler gehen in jeder Einstellung mit Verve zur Sache und sind sogar Stuntmen in eigener Sache. Bei einer Verfolgungsjagd samt Autocrash sitzt tatsächlich Tom Schilling am Steuer. Drehtage wie jene, an denen das ins Szene gesetzt wurde, seien ihm die liebsten, sagt der Schauspieler. Seine Rolle habe in ihm die „Ur-Leidenschaft“ für seinen Beruf geweckt, sagt Edin Hasanovic. Diese Hingabe prägt den ganzen Film. Mit der Hoffnung auf ein gutes Ende ist man bei Philipp Kadelbach allerdings an der falschen Adresse. Bei „Auf kurze Distanz“ wird nichts manipuliert. Das ist ein echter Thriller.

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