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Die ARD und das iPhone : Ruf mich an!

Im nächsten Frühjahr will die ARD eine Software für das iPhone anbieten Bild: dpa

Die ARD setzt ihre Ausbreitung im Internet unvermindert fort und will eine Software für das iPhone anbieten - kostenlos, wie sie sagt. Doch kostenlos ist es nicht, was die öffentlich-rechtlichen Sender unternehmen. Es wird von allen zwangsbezahlt.

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          Wenn man für das Internet Gebühren verlangt, dann muss man natürlich auch etwas dafür bieten, ob die Nutzer es wollen oder nicht. Nach diesem Prinzip der nachgeschobenen Begründung handelt die ARD. Im Laufe des nächsten Frühjahrs will sie eine Software für das iPhone anbieten: ein App, eine Applikation. Kostenlos, wie sie sagt, doch kostenlos ist es nicht, was die öffentlich-rechtlichen Sender unternehmen. Es wird von allen zwangsbezahlt, die ihre Rundfunkgebühren entrichten. Und mit 7,6 Milliarden Euro pro Jahr plus Werbeeinnahmen lässt sich schon einiges auf die Beine stellen. Peu à peu schichten die Sender ihre Etats um, der Gesamtaufwand fürs Internet wird nie eigens beziffert, er dürfte sich mittlerweile jedoch auf einen dreistelligen Millionenbetrag belaufen.

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          Kai Gniffke, der Erste Chefredakteur von ARD-aktuell, der Nachrichtenzentrale in Hamburg, hat es angekündigt: Der Senderverbund leistet sich nicht nur ein neues Studio für „Tagesschau“ und „Tagesthemen“, das 2012 den Betrieb aufnehmen soll, er setzt seine Ausbreitung im Internet unvermindert fort. „Mehrere hunderttausend iPhone-Nutzer dürfen von uns erwarten, dass wir sie auch unterwegs mit seriösen Nachrichten versorgen“, sagt Gniffke in der ihm eigenen nonchalanten Art, andeutend, dass es nur von, im und mit dem Ersten seriöse Nachrichten gibt. Man liefere das „Hartholz“, sagt Gniffke, zwischen den Zeilen gegen die privaten Verlage keilend, ergänzt er doch, dass die anderen großen Anbieter über ein anderes inhaltliches Portfolio verfügten. Gleichwohl verstehe er „die Sorgen der Printkollegen und der Verlage, die auf der Suche nach tragfähigen Geschäftsmodellen im Netz sind“, er sei sich „der Verantwortung unserer besonderen Rolle bewusst“.

          Kampfansage an die Presse und das Privatfernsehen

          Doch das ist kein Trost, sondern eine Kampfansage, welche die Verbände der Verleger und des Privatfernsehens und insbesondere der Springer-Verlag sogleich verstanden haben; Springer hat gerade erst damit begonnen, Inhalte im Netz kostenpflichtig anzubieten. „Kaum haben Verlage erste Bezahlmodelle entwickelt, um in einer für sie außerordentlich schwierigen Lage die journalistische Qualität weiter finanzieren zu können, drängt das öffentliche-rechtliche Fernsehen auf dasselbe Feld; allerdings mit einem Gratisangebot, das den Markt auf hochproblematische Weise verzerrt“, heißt es in einem Brief, den Wolfgang Fürstner, der Geschäftsführer des Zeitschriftenverlegerverbandes, dem Kulturstaatsminister Bernd Neumann und den Ministerpräsidenten geschrieben hat. Es handele sich um eine „nicht tolerierbare Marktverzerrung“, sagte die Springer-Verlagssprecherin Edda Fels, es zähle „ganz sicher nicht zum Grundversorgungsauftrag“, kostenlose Anwendungen für das iPhone zur Verfügung zu stellen.

          Der Begriff „Grundversorgung“ aber taugt seit langem für alles, vor allem dafür, die Geschäftsmodelle der Verlage zu torpedieren. Mit „tagesschau.de“ ist die ARD seit 1996 unterwegs, seit 1999 gibt es Angebote fürs Mobiltelefon. Und so beeilt sich die ARD, die iPhone-Applikation als Kleinigkeit auszuweisen. Der geplanten Kooperation, heißt es auf Anfrage, liege „kein neues oder geändertes Telemedienangebot im Sinne des Rundfunkstaatsvertrags zugrunde“. Es gehe „nicht um exklusive Inhalte“. Vielmehr sollten „seit Jahren mobil verfügbare Inhalte, die schon seit langem über tagesschau.de/mobil oder wap.tagesschau.de abgerufen werden können, für eine Verbreitung über Smartphones wie das iPhone dargestellt und optimiert werden“. Es fielen so gut wie keine „ zusätzlichen Kosten an“.

          Freifahrtschein für ARD und ZDF

          Die zusätzlichen Kosten aber entstehen denen, die einen vom Staat unabhängigen Journalismus betreiben. Die Verlage suchen nach einem Geschäftsmodell für den unabhängigen Qualitätsjournalismus im Internet, ARD und ZDF haben eines, das keines ist: Sie ziehen Gebühren ein und schieben die Inhalte nach. So wie Zuschauer, die nur Privatsender einschalten, für Fernsehen und Radio zahlen, werden Internetnutzer für den Computer und Smart- und iPhone-Besitzer für ihre Geräte zur Kasse gebeten. Das sind die Folgen der letzten Novellierungen des Rundfunkstaatsvertrags, der den öffentlich-rechtlichen Sendern das Internet fast ohne jede Beschränkung als natürliches Habitat zuweist. Doch dafür muss bezahlt werden, nach dem derzeit bei den Bundesländern in Rede stehenden neuen Gebührenmodell, das einer Steuer gleichkommt, von 2013 an vielleicht sogar auch von jenen, die kein einziges Gerät besitzen.

          Entsprechend still verhält sich die Rundfunkpolitik, die Ministerpräsidenten wissen, was sie bei der Verabschiedung des letzten Rundfunkstaatsvertrags getan haben – sie haben ARD und ZDF fürs Internet und die digitale Welt einen Freifahrtschein gegeben, und daher stellt in ihren Augen auch ein iPhone-App kein Problem dar. Die dürfen das, heißt es hinter vorgehaltener Hand. Dass ARD und ZDF nicht nur Bewegtbilder versenden, sondern noch mehr Texte produzieren, also Zeitung machen, ist inklusive. Ob es den ARD-Chefredakteur Gniffke nicht auch schon nach einer gedruckten Zeitung gelüstet, da er von „Hartholz“ spricht? Das ZDF hat noch kein iPhone-App, will es aber nicht ausschließen. Es wird kommen, so sicher wie die nächste Gebührenerhöhung.

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