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ARD-Serie „Die Füchsin“ : Wer weiß, was man ihr zutrauen kann?

Anne Marie Fuchs (Lina Wendel.rechts) begibt sich bei ihren Nachforschungen auf dünnes Eis. Bild: WDR/Martin Rottenkolber

Die ARD stellt eine Ermittlerin vor, die eine Stasi-Vergangenheit hat und von Hartz IV lebt: Lina Wendel soll jetzt als „Die Füchsin“ in Serie gehen. Ob das eine gute Idee ist?

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          Füchse sind schlaue, mit einem ausgezeichneten Orientierungssinn ausgestattete Tiere. Ihre Bewegungen sind geschmeidig, Gefahr wittern sie sofort. Sie in eine Falle zu locken ist äußerst schwierig. Dass Anne Marie Fuchs (Lina Wendel) „Die Füchsin“ genannt wird, hat nicht in erster Linie etwas mit ihrem Nachnamen zu tun, sondern mit der Souveränität und Klugheit, mit der sie sich durch die Welt bewegt. Sie ist eine intelligente Außenseiterin Mitte fünfzig, die einst im Dienst der Stasi spitzelte, jetzt in einer Düsseldorfer Hochhaussiedlung lebt und Hartz IV bezieht. Die Einsamkeit hat aus ihr keine Zynikerin gemacht, nur eine Skeptikerin.

          Melanie Mühl
          Redakteurin im Feuilleton.

          Anne Marie Fuchs ist eine weitere Ermittlerin im Ersten, das - wie das deutsche Fernsehen generell - schon reichlich detektivisches Personal beschäftigt. Die schiere Zahl allerdings scheint dem Krimiverlangen des Publikums zu entsprechen. „Die Füchsin“ (Drehbuch von Ralf Kinder nach einer Idee von Tim Krause, Regie Samira Radsi) stellt man sich am besten als das krasse Gegenteil der in jeder Szene phantastisch aussehenden „Tatort“-Kommissarin Charlotte Lindholm (Maria Furtwängler) vor. Wir haben es hier mit einer spröden, erstaunlich verwandlungsfähigen Frau zu tun. Während man den Charakter von Charlotte Lindholm wie ein offenes Buch lesen kann, tritt uns Anne Marie Fuchs als rätselhafte Person mit düsterer Vergangenheit entgegen. Kontakte pflegt sie kaum, eine Ausnahme bildet die Inhaberin ihres Lieblingscafés „Mittsommer“, Simone Papst (Jasmin Schwiers). Mit ihr wechselt sie manchmal ein paar Worte und lässt anschreiben.

          Eine Kaffeemaschine als Honorar

          Eines Tages wird Anne Marie Fuchs Zeugin eines hitzigen Gesprächs zwischen Simone und ihrem Mann Youssef El Kilali (Karim Cherif): Der beste Freund von Simones Bruder Sebastian ist am Rheinufer tot aufgefunden worden. Von Sebastian, der in einem besetzten Haus lebt, fehlt jede Spur. Die „Füchsin“ bietet ihre Hilfe an: „Ich habe Erfahrung in Polizeiarbeit“, sagt sie trocken. Ihr Honorar als Privatdetektivin? Lediglich eine neue Kaffeemaschine, da ihr zwanzig Jahre altes Gerät gerade den Geist aufgegeben hat. Zu ihrem Assistenten oder, besser gesagt, Chauffeur ernennt sie kurzerhand den verdutzten Youssef, dem sie klare Anweisungen gibt und den sie gerne als Versuchsperson in Sachen Klischees benutzt. Als die beiden in einer Szene vor dem Auto des Opfers stehen, sagt sie: „Können Sie den öffnen?“ woraufhin Youssef entgegnet: „Bloß weil ich Araber bin, kann ich jetzt Autos knacken, oder wie?“

          Youssef eignet sich als Konterpart deshalb so gut, weil er die beherrscht agierende Anne Marie Fuchs herausfordert und ihre rauhe Schale zumindest manchmal knackt. Weshalb sie sich hinter dieser Schale verschanzt, deuten kurze Rückblenden an. Erinnerungen, die Anne Marie Fuchs heimsuchen und sie aus der Gegenwart reißen: ihre Abkehr von der Stasi und der Verlust ihrer Tochter, die ihr weggenommen wurde.

          Wird hier etwa mit Teppichen gehandelt? Youssef El Kilali (Karim Cherif) und Anne Marie Fuchs (Lina Wendel) werden sich nicht sofort einig.
          Wird hier etwa mit Teppichen gehandelt? Youssef El Kilali (Karim Cherif) und Anne Marie Fuchs (Lina Wendel) werden sich nicht sofort einig. : Bild: WDR/Martin Rottenkolber

          Was dem Fall selbst an Spannung und Stringenz fehlt, machen die hervorragende Besetzung sowie die Fragen wett, die die erste Folge aufwirft: Was ist aus der Tochter der „Füchsin“ geworden? Welche Rechnung hat sie mit ihrem ehemaligen Stasi-Kollegen Olaf Ruhleben (Torsten Michaelis) zu begleichen, der im Gegensatz zu ihr finanziell Fuß gefasst hat und eine Sicherheitsfirma betreibt, die einem gigantischen Überwachungsapparat ähnelt? Wird sich das Thema der Überwachung als roter Faden durch die Reihe ziehen?

          Es sieht ganz danach aus, als trete Anne Marie Fuchs nicht nur als Aufklärerin von Verbrechen an, sondern auch, um mit ihrer eigenen Vergangenheit ins Reine zu kommen. Dank ihrer Eigenheiten könnte diese Detektivin für die Fernseh-Krimilandschaft tatsächlich eine Bereicherung sein.

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