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„Die Stadt und die Macht“ : Lebst du noch, oder machst du Wahlkampf?

Susanne Kröhmer (Anna Loos) will Regierende Bürgermeisterin von Berlin werden. Doch dafür muss sie erst einmal einen gnadenlos geführten Wahlkampf bestehen. Bild: ARD/Frédéric Batier

Die ARD schickt Anna Loos als Bürgermeisterkandidatin durch den Moloch Berlin. Mit ihr will uns die Serie „Die Stadt und die Macht“ das Wesen der Politik zeigen: Es geht gut los, bleibt aber nicht so.

          Susanne Kröhmer weiß, was sie will. Sie will die Politik verändern. Sie will Ehrlichkeit und Transparenz. Sie will andere Politiker. Das will sie für Berlin und ihre Partei, die CDP. Ob sie selbst für eine andere Politik sorgen und Regierende Bürgermeisterin werden will, das weiß Susanne Kröhmer nicht - bis zu dem Augenblick, in dem sie dem neuen Bürgermeisterkandidaten ihrer Partei vor versammelter Mannschaft die Befähigung abspricht, für einen neuen Kurs zu sorgen.

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          „Meckern kann jeder, dann mach’s doch selber“, stänkert ein Parteifreund. Macht sie auch, zum Erstaunen ihres Vaters Karl-Heinz, des großen Strippenziehers in der Berliner Politik, den alle nur „KK“ nennen, und zu ihrem eigenen. Die Rechtsanwältin Susanne Kröhmer zieht in den Wahlkampf. Niemand glaubt, sie könnte ihn gewinnen.

          Sie staunt und zweifelt

          Sie glaubt es wohl auch selbst nicht. Anna Loos gibt dieser Verwunderung, diesem Staunen und den Selbstzweifeln mit einem suchenden Blick Ausdruck. Bis zum Ende des Wahlkampfs wird Anna Loos als Susanne Kröhmer diesen Blick nicht ablegen. Das ist zu Beginn eine Stärke, entwickelt sich aber im Verlauf der Serie „Die Stadt und die Macht“, deren sechs Folgen die ARD jetzt an drei Abenden hintereinander im Doppelpack versendet und die der amerikanische Streamingdienst Netflix von Freitag an im Angebot hat, zur Schwäche. Denn diese Susanne Kröhmer wird einer existentiellen Prüfung unterzogen, die kaum auszuhalten ist und die auszudrücken es eines dramatischen Potentials bedürfte, über das die Hauptdarstellerin leider nicht verfügt.

          Der Serie, mit welcher die ARD zur internationalen Konkurrenz aufzuschließen glaubt, nimmt das einiges an Schwung. Dabei sollte sie doch Vollgas geben: Die so was von noch nie dagewesene Politserie über den Moloch Berlin! Mit Stimmenkauf, Postengeschacher und Bauskandal!

          „Neue Wege“ gehe die Serie, sie bringe „eine andere Farbe und Erzählweise“ ins Angebot des Ersten, schreibt Programmdirektor Volker Herres. Für die ARD, deren Serien-Zugpferd die beschauliche Klosterfrau-Melissengeist-Idylle „Um Himmels Willen“ ist, stimmt das sogar. Aber auch darüber hinaus? Die Beschwörungen amerikanischer Serien als Vergleichsgrößen - ein Lieblingstopos der hiesigen Fernsehkritik - strengen an. Immer dieselbe Leier. Mit der wäre aber Schluss, sobald uns jemand eines Besseren belehrte. RTL hat mit „Deutschland 83“ versucht, zur internationalen Konkurrenz aufzuschließen, das ZDF mit „Morgen hör ich auf“, nun ist das Erste dran. Mit „Die Stadt und die Macht“ kommt die ARD recht weit, schmiert jedoch auf halber Strecke ab.

          Familie und Verschwörung

          Das liegt an der Hauptdarstellerin, die in ihrer großartigen Rolle schwächelt, und an der Handlung (Drehbuch Annette Simon, Christoph Fromm, Martin Behnke), die zwischen Politischem und Privatem laviert und der Familienstory, die sich als Verschwörungsplot erweist, zu viel Raum gibt. Alles hängt mit allem zusammen, und alle stecken unter einer Decke: Kröhmer senior (Thomas Thieme), Fraktionschef der CDP, ist ein brutaler Polit-Pate, Bürgermeister Manfred Degenhardt (Burghart Klaußner) von der SPU ist ein volkstümlicher Betrüger. Gegen die beiden hat Bauunternehmer Frank Griebnitz (Jürgen Heinrich) irgendetwas in der Hand. Er weiß, in welchem Keller die Leichen der Clanchefs liegen. Susannes Mutter Brigitte (Renate Krößner) ist schwermütig und schluckt Tabletten. Dann wäre da noch Griebnitz’ Sohn, Susanne Kröhmers Jugendfreund, von dem sie als Jugendliche schwanger wurde. Ihn sehen wir in der ersten Szene vom Balkon springen. Es war kein Selbstmord, sagt der linke Enthüllungsreporter Alex Moravek (Carlo Ljubek), mit dem Susanne seit Kindertagen ebenfalls eng befreundet ist. Der Mann könnte recht behalten.

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