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„Zimmer mit Stall“ im Ersten : Über allen Gipfeln ist Kuh

  • -Aktualisiert am

Abgefackelt: Zu Sophies (Aglaia Szyszkowitz) Mißfallen hat Barthl (Friedrich von Thun) gezündelt. Bild: ARD Degeto/Marc Reimann

Eines muss man dem bajuwarischen Heimatfilm lassen: Er jodelt alle Trübsal fort. Zumindest wenn er gut gemacht ist, so wie „Zimmer mit Stall“.

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          Es hilft ja nichts. Mit wie vielen Feld-, Wald- und Wiesenkalauern die Fernsehkritik auch immer über farbsatte Heimatfilme herfällt, ist das seichte Bergbauernepos, das stets aussieht wie frisch der Bärenmarke-Werbung abgerahmt, vielleicht einfach – und sehr zum Verdruss des ohnehin weitgehend entschlafenen depressiven Autorenkinos – die einzige wahre deutsche Fernsehtradition, der man hierzulande so wenig entkommt wie Indien dem Bollywoodfilm: Wallywood sozusagen, das Bewegtbildpendant zum röhrenden Hirsch über dem Sofa. Gemütlichkeit in Vollholz pur. Die Zutaten sind so übersichtlich wie bei einem Kaiserschmarrn: starke Frauen, gern in gelinden Herzensnöten, zupackende Landburschen, ein alter Grantler und viele liebevoll ausgelegte Kuhfladen, in die – immer wieder lustig – verirrte Städter in weißen Hosen und edlen Ledersohlen fluchend hineintappen.

          Wenn es einen nun, sei es aus vollem Herzen, sei es mit schlechtem Gewissen, nach einer solchen Süßspeise gelüstet (dafür mag es ja Gründe geben), dann sollte es aber doch wenigstens ein perfekt zubereiteter Schmarrn sein. Da bietet sich die ARD-Reihe „Zimmer mit Stall“ an, die alle genannten Zutaten in ein stimmiges Verhältnis bringt und mit der richtigen Menge Puderzucker berieselt. Nach drei quotenstarken Episoden in den vergangenen zwei Jahren wissen wir bereits von dem liebevollen Dauerzwist zwischen der zur patenten Hüttenwirtin gewandelten Ex-Stewardess Sophie (Aglaia Szyszkowitz) und ihrem In-House-Gegenspieler Barthl (Friedrich von Thun), einem alten Grantler mit lebenslangem Wohnrecht. Jetzt stehen zwei weitere Episoden vom Fuchsbichlerhof an, die Grundkonstellation ist unverändert.

          Sophie, de facto längst Single, betreibt mit ihrer lebens- und liebeslustigen Tochter Leonie (Carolin Garnier) die knarzende Bergpension und hat wieder eine Menge unmögliche, in der Natur dann flugs zu sich findende Städter zu Gast, bei denen Barthl die Augen verdreht. Der reiche Stinkstiefel Hajo (Rainer Will), das ist der für den Kuhfladen, ist unempfänglich für die adrette Gasthauskulisse. Sie scheint ihm zu wurmstichig für die Hochzeit des Töchterleins (Anne-Marie Waldeck), das darob schmollt und bald nur noch eine Babyziege im Arm wiegt; das Buch von Su Turhan und Christian Limmer glänzt so wenig mit Originalität wie die Regie von Ralf Huettner. Die Familienstreits aber sind kernig geraten. Weil Hajo es mit der Kritik übertreibt, ruft die in ihrer Hausmannskostehre gekränkte Wirtin seiner Frau (Katja Weitzenböck) nach: „Richten Sie ihrem Mann doch aus, dass es mein Kaiserschmarrn-Rezept bis nach Paris geschafft hat.“ Das ist schon die halbe Fallhöhe.

          Als dann Barthl, der als passionierter Pflanzenflüsterer in seinem umgebauten Stall obskure Versuche unternimmt, beinahe den Hof abfackelt, sieht sich Hajo darin bestätigt, unter dumpfe Provinzler gefallen zu sein. Angeflanscht wurde noch eine klägliche Nebenhandlung, in der Barthl der Versicherung geistige Umnachtung vortäuschen soll, was ihm weit weniger gut gelingt als dem Film insgesamt. Bei Rustikalfilmen mit Aussicht spielt der Plot jedoch bekanntlich keine sonderliche Rolle, und es ist vor allem Aglaia Szyszkowitz zu verdanken, dass das hier kaum weiter auffällt. Mit Verve, aber nie parodistisch überdreht, gibt die in Wohlfühlfilmen erfahrene, eigentlich zu Höherem berufene Österreicherin die Rolle der klugen Mutter und unglücklich Liebenden, und das so zentralgestirnserhaben, dass alle übrigen Darsteller – auch der durchaus prächtig den Altersstarrsinnigen mimende Friedrich von Thun – sich auf sie ausrichten können.

          Eines muss man dem bajuwarischen Heimatfilm lassen: Er jodelt zuverlässig alle Trübsal fort, hier sogar ganz direkt durch niedlich missglücktes Jodeln, das die Frösche wuschig macht. Welches Potential in der Serie steckt, deutet dann aber eher die von Philipp Weinges um einiges gewitzter geschriebene und von Michaela Kezele deutlich rasanter inszenierte Episode an, die eine Woche später ausgestrahlt wird und in der eine Art Berliner Flodder-Familie (Anna Thalbach! Gerdy Zint!) im saftigen Kuhidyll einfällt: „Hier sieht’s ja überall aus wie im Tiergarten – nur ohne Türken.“ Erst fliegen die Fetzen, dann wackelt das Patriarchat – die Dorfbauern sind ebenso entsetzt wie der Berliner „ Zecke“, eine köstliche Lusche –, und zuletzt platzen die Nagelstudioträume doch noch, aber der übrigens latzhosenfreie Film nimmt sympathisch jede Kurve. Stets die Balance zwischen Kitsch und Klamauk haltend, strahlt er echte Lebensfreude aus, gerade weil er auf ein verhaltenes Happy End zuläuft. Man kann das so seicht finden, wie es ist, und trotzdem mögen.

          Zimmer mit Stall – Feuer unterm Dach, 20.15 Uhr, ARD. Die Episode Die Waschbären sind los eine Woche später.

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