https://www.faz.net/-gqz-92hfa

TV-Film „Vadder, Kutter, Sohn“ : Witzfiguren im Watt

  • -Aktualisiert am

Vater packt das schon: Knud (Axel Prahl) transportiert seinen Sohn Lenny (Jonas Nay) ab. Bild: ARD Degeto/Georges Pauly

Hoch im Norden wird nicht viel geredet. Vor allem nicht in den Komödien, welche die ARD von dort zeigt. Etwas mehr Text mit Hintersinn hätten wir Axel Prahl und Jonas Nay in „Vadder, Kutter, Sohn“ aber schon gewünscht.

          2 Min.

          Alles ist gesagt. Zu allem und jedem. Kommunikation im Küstennebel ist kurz und ohne Umschweife. „Ah, Mensch!“ „Jo, nee.“, „Und nu?“ „Ach so, nee, sonst gerne.“ „Muss dann auch ma wieder.“ So geht das hier oben. Es sei denn, es passiert ein Unglück. In diesem Fall trägt es den Namen „Tante von der Kreisverwaltung“. Die nämlich will der Ehre der Dithmarscher Seebären an die Muschel. Weil sie das Shanty-Gekrächze des Altherrenchors unter Leitung des schlitzohrigen Krabbenfischers Knud Lühr (Axel Prahl) als „drittklassig“ eingestuft hat, ist der Bundespräsidenten-Orden zum (erfundenen) hundertjährigen Chorjubiläum in Gefahr. Da gärt es unter den Zauseln.

          Just zu diesem Zeitpunkt taucht Knuds Sohn wieder auf, der vor Jahren zum Unmut des obertüddeligen Senioren-Krabbenfischers Addi (Peter Franke) – „Du hast vergessen, wo du herkommst, das tut weh“ – in die mondferne Haarmodestadt Hamburg ausgebüxte Lenny (Jonas Nay). Eine Verlorener-Sohn-Geschichte also. Dass mit dem Salon des Hamburger „Starfrisörs“ etwas im Argen liegt, riecht man gegen den steifen Wind, zumal Lenny zunächst einen Lutscher und dann Hochprozentiges überheimlich einsteckt.

          In seiner alten Heimat, in der die Achtziger nie geendet haben, trifft der Rückkehrer auf die Neue seines Alten, die herzige Nadja (Judith Rosmair), sowie eine Reihe ehemaliger Bekannter, darunter die zugeneigte Merle (Anna von Haebler). Mit viel Heimatblues und etwas Gezänk werden im Schatten der Windräder alle alten und neuen Krisen gemeistert, sogar die delikate Haarscheren-Panik des Helden. Natürlich steht am Ende ein umjubelter Auftritt der knuffigen Seichtmatrosen, die mit ihren abgedroschenen Traditionen – „keen Fruenslüt“ – ebenso reinen Tisch gemacht haben wie Knud mit seinem auf Lug und Trug gebauten Leben.

          Lars Jessen, der gefühlvolle Ulkregisseur aus Kiel, hat neben einigen „Tatort“-Schmunzelfolgen, der Staubsaugervertreter-Miniserie „Der letzte Cowboy“ (2016), dem Verlierer-Epos „Jürgen – Heute wird gelebt“ (2017) und mancher „Mord mit Aussicht“-Episode schon einige nordirrlichternde Heimatkomödien vorgelegt, die vor allem etwas für Liebhaber des Trockenwitzes sind: „Am Tag als Bobby Ewing starb“ (2005), „Dorfpunks“ (2009), „Fischer fischt Frau“ (2011) oder „Fraktus“ (2012). Einiges davon entstand in Zusammenarbeit mit den sagenhaft talentierten Doppelkornochsen Rocko Schamoni und Heinz Strunk. Diesmal ist „Element of Crime“-Gitarrist Jakob Ilja mit von der Partie, keine schlechte Wahl.

          Und doch ist Jessens neuer Küsten-Streifen nach einem Buch von Volker Krappen besonders bräsig geraten, handlungstechnisch noch unbeholfener als der müde übern Deich hoppelnde Film „Die Schimmelreiter“ (2008), in dem ebenfalls Axel Prahl als Kauz im Kreis Dithmarschen zu sehen war. Natürlich spielt die Handlung, die fast schon Nicht-Handlung ist, hier gar keine Rolle. Alles dreht sich vielmehr ums Setting, um das würzig Regionale, weshalb viel im Dialekt genuschelt und geträllert wird. Lennys Kinderzimmer wurde so liebevoll authentisch hergerichtet wie der Tante-Emma-Laden mit der Dorfnymphomanin hinterm Tresen. Uke Bosse, ein Computerspielexperte, der auch genauso aussieht (und deshalb nebenbei als Comedian arbeitet), gibt eine Art Hein Blöd mit Brille.

          Aber gerade weil es ein reiner Stimmungsfilm ist, hätte mehr Zurückhaltung bei den Klischees gutgetan: Sturköppe in der Provinz, die letztlich doch die glücklicheren Menschen sind, das hatten wir schon allzu oft. Prahl und Nay immerhin sind als Vater-Sohn-Gespann trotz dröger Bucheinfälle (etwa rund um ein Banjo) ziemlich charmant und glaubhaft, weil beide eher unterspielen als auftrumpfen. Kein großer Film, aber ein Fischbrötchen für zwischendurch.

          Weitere Themen

          Mein Avatar und ich

          Sci-Fi im Ersten: „Exit“ : Mein Avatar und ich

          Das kleine deutsche Startup „Infinytalk“ verspricht ewiges digitales Leben in der Cloud. Das ruft einen chinesischen Investor auf den Plan. Und es beginnt Science-Fiction, wie sie die ARD selten hat: „Exit“, ein Thriller.

          Wie gut kennen Sie die deutschen Kandidaten? Video-Seite öffnen

          Quiz zur Kulturhauptstadt 2025 : Wie gut kennen Sie die deutschen Kandidaten?

          Heute entscheidet sich, welche deutsche Stadt europäische Kulturhauptstadt 2025 wird. Zur Wahl stehen Chemnitz, Hannover, Hildesheim, Magdeburg und Nürnberg. Sagt Ihnen nichts? Oder haben Sie die alle schon bereist? Hier können Sie Ihr Wissen testen!

          Ganz ausweglos zu Hause

          Tschaikowsky in Wien : Ganz ausweglos zu Hause

          Wie viel Ingmar Bergman steckt in Peter Tschaikowsky? Dmitri Tschernjakows Inszenierung von „Jewgeni Onegin“ ist eine Meisterleistung.

          Topmeldungen

          Bundeskanzlerin Merkel mit Berlins Bürgermeister Müller (links) und Bayerns Ministerpräsident Söder (rechts) vor der Pressekonferenz

          Neue Corona-Regeln ab Montag : Merkel verkündet „nationale Kraftanstrengung“

          Merkel und die Ministerpräsidenten haben sich verständigt: Im November wird das Land in eine Art „Lockdown light“ versetzt. Restaurants werden geschlossen, Veranstaltungen und private Hotelübernachtungen verboten, Kontakte beschränkt. Alle stünden hinter dieser Entscheidung, sagt die Kanzlerin.
          Der F.A.Z. Wissen Podcast mit Joachim Müller-Jung und Sibylle Anderl 25:57

          F.A.Z. Wissen – der Podcast : Wo geschehen die Corona-Ansteckungen?

          Während die Infektionszahlen in die Höhe schnellen, stellt sich dringlicher denn je die Frage nach den Ansteckungswegen. Was weiß man mittlerweile darüber, wie und wo Sars-CoV-2 weitergegeben wird?
          Im Krisenmodus: Aktienhändler im Handelssaal der Frankfurter Wertpapierbörse

          Dax bricht ein : Die Angst der Anleger vor dem Worst Case

          Steigende Infektionen und das wiederholte Herunterfahren der Wirtschaft lassen die Aktienkurse einbrechen. Noch ist es weniger schlimm als im Crash-Monat März.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.