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ARD-Film „18+“ : Sie sind Deutschland

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Geburtstagsfeier: Yannick (Dritter von links) aus Freiburg mit Freunden Bild: SR/Lukas Ratius

Was bewegt junge Menschen vor der Bundestagswahl? Der Film „18+ Deutschland“ stellt uns fünf Jungwähler vor, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten. Genau das macht unser Land doch aus.

          3 Min.

          Was bewegt junge Deutsche, die in diesem Jahr zum ersten Mal wählen dürfen? Wählen sie überhaupt? Welche Erwartungen, Pläne und Ziele haben sie für ihr Leben und was hat Politik damit zu tun? Der neunzigminütige Dokumentarfilm „18+ Deutschland“ von Lukas Ratius und Philipp Majer versucht, sich diesen Fragen und den Antworten beobachtend zu nähern. Fünf Protagonisten, drei junge Männer und zwei junge Frauen, folgt er vom Frühjahr 2020 bis zum Sommer 2021, zeigt ihren Alltag, Familien, Freunde und Lebensbedingungen und streut immer wieder Szenen ein, in denen sie über Träume und Ängste, über die Zukunft reden. Und über ihr Verhältnis zu Deutschland, dem Staat, und Deutschland, der Heimat.

          Die selbstbewusste Doha aus Berlin irritiert, wenn man das Klischee der patriarchalisch unterdrückten Muslimin eins zu eins nimmt. „18+“ begleitet sie bei ihren Hochzeitsvorbereitungen, beim Grillen mit ihrer Großfamilie und bei der Einrichtung der ersten eigenen Wohnung des jungen Ehepaars. Und in den feministischen Frauenboxclub, in dem sie, verhüllter als ihre Schülerinnen, als Trainerin arbeitet. Für Doha ist das Boxen eine Lebensform, wichtig wie Traditionen, mit deren moderner Aneignung sie sich eloquent vor der Kamera auseinander setzt.

          Fäuste hoch gegen Klischees: Doha aus Berlin.
          Fäuste hoch gegen Klischees: Doha aus Berlin. : Bild: SR/Lukas Ratius

          Genau wie Doha weiß auch Erik aus Essen, was er will. In die Uckermark ziehen, arbeiten, Haus, Frau, Kinder, wobei man das mit der Frau halt nicht forcieren könne. Über seine Erfahrungen während der Schulzeit, speziell mit Mitschülern aus migrierten Großfamilien, hat er wenig Gutes zu erzählen. Erik beschäftigt sich mit Altersarmut und Rentenlücke. Die Bikerszene habe ihn Werte gelehrt, vielleicht will er sich bei der Bundeswehr verpflichten, auch für Auslandseinsätze. Yannick aus der Nähe von Freiburg rappt über sein Leben, seine Stadt, über Rassismus und Diskriminierungserfahrungen. Er träumt von einer Musikerkarriere, dreht Videos, will mit seiner Freundin in Togo, der Heimat seiner Mutter, ein Haus bauen, dauerhaft aber in Deutschland bleiben.

          Ihren Traumberuf hat sie schon: Laura aus Rott am Inn.
          Ihren Traumberuf hat sie schon: Laura aus Rott am Inn. : Bild: SR/Lukas Ratius

          Laura lebt in Rott am Inn und ist ein echtes Landkind, wie sie sagt. Eine junge Frau, die Bäume fällt und Kühe auf die Alm treibt. Für sie ist die Ehe ihrer Eltern Vorbild, den Traumberuf Landwirtin hat sie schon, ein geplantes Jahr Kanada-Aufenthalt fiel wegen Corona aus, nicht so schlimm. Jakob, in Zwickau aufgewachsen, macht zu Beginn des Films gerade Abitur, zieht in eine WG nach Halle, um Politik und Soziologie zu studieren. Schon als Jugendlicher hat er sich gegen Rechts engagiert, später für die Grüne Jugend, für Fridays for Future und zuletzt für Black Lives Matter. Für ihn ist politisches Engagement die wichtigste Lebensaufgabe, jedenfalls im Moment. Die fünf, wissen schon ziemlich genau, wo ihre Reise hingehen soll. Alle verstehen, dass ihre Vorstellung von Selbstverwirklichung aber auch von den Rahmenbedingungen abhängt, die ihnen dieser Staat mitgeben wird.

          „18+“ erinnert besonders in der dokumentarischen Montage und den filmischen Stilmitteln an die vielfach ausgezeichnete 3sat-Reihe „Ab 18+“. Während in den kürzeren Porträts bei 3sat gelegentlich auch die Protagonisten selbst die Kamera führen und der Zugriff oft künstlerischer ist, verdichten Ratius und Majer in ihrer Dokumentation die Lebensdarstellungen durch nüchterne, allmähliche Beobachtung, durch Parallelführung der Geschichten und ihre geschickte Kontrastierung auch zu einer Art Deutschland-Bilderbogen.

          Ihre Stärke ist die Ausgeglichenheit zwischen dem Erzählen in Bildern und längeren Einstellungen (Landschaftsaufnahmen, Alltagsumgebung, Aktivitäten) und den kürzeren Interviewpassagen, bei denen man ausschließlich Doha, Erik, Yannick, Jakob und Laura selbst sprechen hört. Ihre Ausführungen beginnen als Voice-Over zu Szenen, die Lebenswirklichkeit zeigen, bevor die Kamera sie Auge in Auge vor neutralem Hintergrund zeigt, wie um die Zuschauer zum Diskurs einzuladen (Kamera und Schnitt Philipp Majer).

          Es gibt keinen Sprecherkommentar und keine statistische oder nachrichtliche Einordnung. Das Informationsangebot von „18+“ ist trotzdem vielfältig und gründlich. „Große“ (gesellschafts)politische Themen wie Rassismus, Gerechtigkeit, Feminismus, Integration werden aus der persönlicher Nähe entwickelt. In der Konkretion des Films wirkt das lebenswichtiger als das Darum-Herum-Reden in Fernsehdiskussionsrunden. Die Auswahl der Hauptfiguren wirkt dabei repräsentativ, fast staatstragend ideal. Parteipolitischen Zuordnungen enthält sich der Film, und eins verbindet: Deutschland als Heimatland können diese fünf eine Menge abgewinnen.

          18+ Deutschland, um 22.50 Uhr im Ersten

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