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Sport und „Black Lives Matter“ : Was auf dem Spiel steht

  • -Aktualisiert am

27. August 2020: Nachdem er ein „Black Lives Matter“-Shirt auf die First Base gelegt hat, verlässt der Baseball-Profi Lewis Brinson von den Miami Marlins den Platz – gemeinsam mit seinen Teamkollegen und der gegnerischen Mannschaft, den New York Mets. Geschlossen boykottieren sie den Spielbetrieb. Bild: AP

Amerikanische Sportmedien halten sich traditionell zurück, was Politik angeht. Die jüngsten antirassistischen Streiks und Spielausfälle in den Profiligen aber könnten das ändern – weil sie populär sind.

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          Sein Kopf sei kurz davor, zu explodieren, sagte Kenny Smith, Moderator beim amerikanischen Sportsender TNT. Dann stöpselte er bei „Inside the NBA“ sein Mikrofon aus. Live. Für ihn, als schwarzen Mann und ehemaligen Sportler, sei es das Richtige, die Athleten zu unterstützen, die gegen Rassismus streiken. Smith stand auf und verließ die laufende Sendung. Das war in der letzten Augustwoche, als die Spieler mehrerer Basketball-Teams sich weigerten, zu spielen, und Statements gegen Rassismus verlasen. Die verbliebenen Kommentatoren von TNT waren nicht die einzigen Sportjournalisten, die nun ganze Abende lang über die Aktionen der Sportler und über Rassismus sprachen.

          Spielerinnen und Spieler der WNBA, also der amerikanischen Basketball-Liga der Frauen, und der NBA hatten bei Verhandlungen im Juni noch zugestimmt, ihre Spiele ohne Publikum auszutragen – wenn die „Black Lives Matter“-Botschaft auf das Spielfeld geschrieben und akzeptiert werden würde, dass Athletinnen und Athleten aus Protest knien würden – eine Geste, die Colin Kaepernick, damals noch Football-Quarterback der San Francisco 49ers, im Jahr 2016 berühmt gemacht hatte.

          Nach den Schüssen auf Jacob Blake in Kenosha vor zwei Wochen reichte das aber nicht mehr. Erst kündigten die Milwaukee Bucks an, keinen Basketball zu spielen, dann folgten andere Teams beiden Profiligen. Selbst Baseball-Teams schlossen sich an, die traditionell die konservativsten, weil weißesten sind, wenn es um politischen Protest geht. Fußball- und Hockeyspieler im ganzen Land folgten, der Tennisstar Naomi Osaka sagte ein Turnier ab.

          Die Football League NFL tut Berichten zufolge unterdessen alles, um zu verhindern, dass ihre Athleten sich zum Beginn der Saison ebenfalls anschließen. Der Chef der Liga, Roger Goodell, der mittlerweile verkündet hat, man hätte auf die antirassistischen Proteste des geschassten 49ers-Spielers Colin Kaepernick vor vier Jahren hören sollen, bot jetzt auch an, „Black Lives Matter“-Botschaften auf dem Spielfeld zu plazieren. Die Spieler der anderen Ligen haben inzwischen ihre Streiks beendet – unter anderem soll es nun Wahllokale in Stadien geben.

          Die spontane Aktion des TNT-Moderators Kenny Smith zeigte den tiefen Eindruck, den die Streiks auch unter Sportjournalisten hinterlassen. Wobei es nicht so ist, dass Rassismus in den populären Fernsehformaten zuvor nie diskutiert worden wäre. Als Kaepernick 2016 aus Protest gegen Polizeigewalt während der Nationalhymne zunächst sitzen blieb und dann kniete, haben allen Sportmedien breit berichtet. Im Jahr darauf hatte der Eigentümer des NFL-Teams der Houston Texans, Robert McNair, viel Kritik auf sich gezogen, als er über Spieler erklärte: „Wir können nicht zulassen, dass die Insassen das Gefängnis leiten.“ Und als dann 2018 mehr und mehr Spieler vor Footballspielen knieten, verteidigten viele Journalisten sie auch gegen die Attacken des amerikanischen Präsidenten Donald Trump.

          Doch wann immer möglich hätten sich große Sender wie ESPN aus den Auseinandersetzungen heraushalten wollen, sagen Experten. Schließlich geht es um die Quote, um viel Geld – der durchschnittliche Sportfan wird von Marketingfachleuten und Journalisten tendenziell eher für einen weißen Republikaner gehalten.

          Sportfan „Weißer Mann, Fleischesser, Republikaner“

          Den typischen Football-Fan beispielsweise beschrieb der konservative Kolumnist Wayne Allyn Root als „weißen Mann aus der Mittelklasse, mittleren Alters, einen Fleischesser, testosterongetriebenen Wähler der Republikaner“, der die Fahne schwinge und die Polizei und das Militär liebe. Dementsprechend seien Proteste und Demonstrationen – wie die von Colin Kaepernick – in erster Linie ein Angriff auf das Geschäftsmodell der verschiedenen Vereine und Ligen. Und letztlich auch der Sportmedien.

          Manche meinen jetzt aber dennoch, einen Wandel unter den Sportreportern zu erkennen. Einen Wandel, der nicht mehr rückgängig zu machen sei. Schließlich zeigen Umfragen, dass die antirassistischen Proteste der vergangenen Monate populär sind – deswegen müsse es den Sportmedien nicht schaden, wenn sie sich, zumal in Zeiten von Corona, nicht nur auf die Spiele in leeren Stadien konzentrierten. Der ESPN-Kommentator Howard Bryant ist da aber skeptischer. „Wir sind für Nachrichten zuständig. Deswegen gab es schlicht keine Möglichkeit mehr, die Streiks zu ignorieren. Aber wir haben das Thema Rassismus stets ignoriert, wo wir konnten“, sagt er im Gespräch.

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