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Amerikas Fernsehkultur : Wenn Witzfiguren Nachrichten machen

  • -Aktualisiert am

Bill Murray (rechts) kann alles. Sogar neben Paul Shaffer (am Keyboard) voller Inbrunst über den „Weißen Hai“ singen. Bild: Getty

Amerikas Fernsehen macht einen irre: Die Nachrichten sind eine Farce, ernsthafte Satiriker geben auf. Was bleibt, ist Polit-Klamauk.

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          Am Sonntagabend konnte man noch einmal sehen, wo das anarchische Potential des amerikanischen Fernsehens herkommt. „Saturday Night Live“ feierte vierzigsten Geburtstag, die Show, die fast so lange totgesagt wird, wie es sie gibt, die es allein deshalb wohl immer geben wird und die mehr Talente in den Orbit des Unterhaltungsgewerbes befördert hat, als jede andere.

          Ihre Besetzungsliste ist ein „Who’s who“ sondergleichen. Sie beginnt mit den „Blues Brothers“ John Belushi und Dan Aykroyd und endet vorläufig, was die prominenten Abgänge aus dem Ensemble betrifft, bei Seth Meyers. Wer nicht dabei war, so hat es den Anschein, hat es im Comedy- und Satire-Fach schwer.

          Verliebt in den Weißen Hai

          Vier Jahre lang, von 1976 bis 1980, verdingte sich auch der Schauspieler Bill Murray bei „Saturday Night Live“. Jetzt, zum Jubiläum, lieferte er unter dem Alias-Namen Nick Ocean ein besonders schräges Geburtstagsständchen – ein Liebeslied für den Weißen Hai, herzzerreißend geschrien. Während im Hintergrund der Weiße Hai aus einem Boot Kleinholz macht und seine Zahnreihen zeigt, singt Murray davon, wie er mit dem Meeresgetier eins wird.

          Wie gut, dass es noch immer „Saturday Night Live“ gibt, von dem aus der Weg in alle Richtungen führt – ins Schauspiel, in die Comedy, aber auch in die gehobene Satire, die politische Wirkung entfaltet. Um die aber ist es im amerikanischen Fernsehen zurzeit denkbar schlecht bestellt.

          Was schauen wir denn nun?

          Um es mit Stephen Colbert zu formulieren (der bei „Saturday Night Live“ einmal Autor war): Was nun, Nation? Was nun, da Colbert seinen „Colbert Report“ drangegeben hat und auch Jon Stewart mit der „Daily Show“ aufhört? Was soll man sich jetzt noch ansehen, um halbwegs auf dem Laufenden zu bleiben?

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          Mit dem Abgang der Satiriker Colbert und Stewart steht man als an Politik interessierter Zuschauer nun nämlich allein da mit den sogenannten Fernsehnachrichten. Und die sind nichts als Satire – allerdings eine, die es ernst meint. Colbert und Stewart erwiesen sich in ihrer Überspitzung derweil als Stimmen der Vernunft. Sie haben Ereignisse eingeordnet, gewichtet, relativiert – oder sogar einfach die Fakten richtiggestellt. Sie fungierten als politisches Gewissen der Nation, als scharfsinnige Analytiker des Showzirkus, zu dem die amerikanischen TV-News verkommen sind.

          Wie wichtig die Wahrheitsfindung der vermeintlichen Hofnarren ist, zeigte sich in der vergangenen Woche abermals, als Amerikas Top-Nachrichtenmoderator Brian Williams von seinem Sender NBC in die Wüste geschickt wurde. Er hatte eine zwölf Jahre zurückliegende Geschichte aus dem Irak-Krieg zurücknehmen müssen. Williams hatte berichtet, dass der Hubschrauber, in dem er saß, beschossen wurde. Das entsprach offensichtlich nicht den Tatsachen.

          Schauspieler gelten als glaubwürdig

          Wem soll man noch trauen? Anfang 2013 tauchte auf einer Liste der glaubwürdigsten Amerikaner, die „Reader’s Digest“ erhoben hatte, als ranghöchste Medienvertreterin die ABC-Talkerin Robin Roberts auf Platz zwölf auf. Die obersten vier Plätze dieser Liste belegten Schauspieler wie Tom Hanks und Sandra Bullock, der amerikanische Präsident war an 65.Stelle zu finden.

          Es ist zehn Jahre her, dass der CBS-Nachrichtendoyen Dan Rather mit einer ominösen Geschichte über die Militärzeit von George W. Bush das Vertrauen seiner Zuschauer verspielte. Die entsprechenden Dokumente konnten nicht verifiziert werden, Rather musste seinen Hut nehmen. Der Anchorman, Sinnbild des klugen Welterklärers, der die Amerikaner ein halbes Jahrhundert lang durch Kriege, soziale Umbrüche und Katastrophen geführt hatte, ging ab.

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