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TV-Serie „The Night Manager“ : Sieht aus wie James Bond, ist es aber nicht

  • -Aktualisiert am

Die Damen und Herren Agenten lassen bitten: Hugh Laurie, Tom Hiddleston, Elizabeth Debicki, Olivia Colman und Tom Hollander (von links) stehen parat. Bild: obs

Vor mehr als zwanzig Jahren kam der Roman „Der Nachtmanager“ von John le Carré heraus. Jetzt ist daraus eine Serie geworden. Sie handelt von einem Agenten, der nicht einfach so durchs Feuer springt.

          In einer Szene von „The Night Manager“, der sechsteiligen Verfilmung des gleichnamigen, vor zwanzig Jahren erschienenen Spionage-Romans von John Le Carré, steht Tom Hiddleston im Smoking in einem Casino und bestellt einen Wodka Martini. Die Botschaft ist so klar wie der Lieblingsdrink des berühmtesten Spions der Welt: Hiddleston würde als neuer James Bond eine hervorragende Figur machen - sofern Daniel Craig tatsächlich den Smoking an den Nagel hängt, wie er im vergangenen Jahr ankündigte.

          Generell besticht „The Night Manager“ durch opulente Schauplätze, Luftaufnahmen, Panoramen, dramatische Musik und einen ausgeprägten Sinn für Eleganz. Die Parallelen zu den Bond-Filmen drängen sich auf. Dem Branchenblatt „The Hollywood Reporter“ erscheint die Kurzserie als ein sechsstündiges Bond-Vorsprechen. Was durchaus als Empfehlung gemeint ist, wenn auch John le Carré dies wohl kaum als Kompliment auffassen würde. Sein Schriftsteller-Kollege Ian Fleming habe mit der Figur des James Bond das Image des Spions abgewertet, sagte Le Carré einmal in einem Interview. Er habe es umgemünzt in die „Vorstellung eines Managertyps, der alle Frauen verführen und jeden töten durfte, ohne Konsequenzen zu fürchten. Ich habe versucht, den Spionageroman auf den moralischen Schauplatz zurückzubringen.“

          Es geht auch ohne „Lizenz zum Töten“

          Die Figuren von Le Carré sind tatsächlich vielschichtiger und weniger glamourös als Ian Flemings Mann mit der Lizenz zum Töten. So verdingt sich der von Tom Hiddleston in „The Night Manager“ gespielte, ehemalige Soldat Jonathan Pine als Nachtportier in einem Kairoer Luxushotel. Dort spielt ihm eine mysteriöse Schönheit namens Sophie Alekan (Aure Atika) brisante Dokumente über einen Waffendeal zu. Die Strippen zieht Richard Roper (Hugh Laurie), der als internationaler Philanthrop posiert und laut Sophie „der übelste Mann der Welt“ ist. Pine verfällt der hinreißenden Sophie und dann dem Impuls, Roper das Handwerk zu legen. Er tut sich mit einer frustrierten Offizierin vom MI6 zusammen, um Ropers engsten Kreis zu infiltrieren und ihn hochgehen zu lassen. Im Folgenden entspinnt sich ein vielschichtiger Thriller um schöne Frauen, gefährliche Männer und ebenso gefährliche Eifersüchteleien zwischen internationalen Geheimdiensten.

          „Ich habe versucht, den Spionageroman auf den moralischen Schauplatz zurückzubringen“: John le Carré schrieb sein Buch „Der Nachtmanager“ 1993.

          Die sechsteilige Serie mit einem Budget von dreißig Millionen Dollar gilt als das bisher kostspieligste Projekt in der Geschichte der BBC. Die britische Fernsehanstalt produzierte „The Night Manager“ gemeinsam mit dem amerikanischen Kabelsender AMC und der Ink Factory, der Firma von Le Carrés Söhnen Simon und Stephen Cromwell; ein Drittel der Produktionskosten übernahm die BBC selbst.

          Aber ungeachtet des sichtbaren Aufwands lebt diese Serie von den schauspielerischen Darbietungen. Hiddleston, den man zuletzt als finstere nordische Sagengestalt Loki in Marvels Superhelden-Filmen sah, unterlegt seinen jungenhaften Charme mit einer nervösen Anspannung, welche die Sparring-Szenen zwischen Pine und Roper zu einem großen Vergnügen macht. Hugh Laurie, der sich schon in den neunziger Jahre für den Stoff interessierte, damals aber mit der Rolle des Jonathan Pine liebäugelte, nimmt den saloppen Zynismus, der ihn als „Dr. House“ auszeichnete, nur wenig zurück. „Du trinkst meinen Wein und stiehlst meine Frau“, sagt Roper in einer Szene zu seinem zehnjährigen Sohn, der nach einem Schluck Sekt auf der festungsgleichen Finca seines Vaters ein Tänzchen mit dessen Freundin Jed (Elizabeth Debicki) aufführt: „Ich bin stolz auf dich.“ Laurie ist als Roper aber auch bedrohlich. Er hat am Spiel selbst ebenso viel Freude wie am gewohnten Sieg. Mit den klassischen Bond-Bösewichtern, die mit finsterem Blick die Welt zu unterwerfen trachten, hat diese Figur nichts gemein.

          Sie hat die Fäden in der Hand: Die Regisseurin Susanne Bier bei der Vorstellung von „The Night Manager“ auf der jüngsten Berlinale.

          Inszeniert hat „The Night Manager“ die dänische Regisseurin Susanne Bier, die mit „In einer besseren Welt“ 2011 den Auslands-Oscar gewann. Gemeinsam mit dem Drehbuchautor David Farr modernisierte sie Le Carrés Roman von 1993. Der Großkriminelle Roper macht seine Deals hier nicht mit südamerikanischen Drogenbaronen, sondern mit Terroristen aus dem Nahen Osten. Und an die Stelle von Pines MI6-Kontakt Jonathan Burr, der bei Le Carré Roper zu seinem Erzfeind erklärt, tritt in der Serie die schwangere Agentin Angela Burr (Olivia Colman), die den Männerclub in ihrer Behörde satt hat.

          Letzteres war eine Entscheidung, mit der sich Le Carré zunächst schwertat, weil dem Schriftsteller die Figur Burr als Motor der Geschichte gilt und weil es seiner Erfahrung nach - Le Carré arbeitet selbst für MI5 und MI6 - in den sechziger Jahren so gut wie keine Frauen in führenden Positionen bei den Geheimdiensten gab. Aber schließlich stimmte er zu. „Will man das im Jahr 2015 wirklich machen?“, zitierte ihn der „Telegraph“: „Ein weißer Mann mittleren Alters gegen einen weiteren weißen Mann mittleren Alters, der einen jüngeren weißen Mann als Waffe seiner Wahl einsetzt?“

          Gleichwohl ist „The Night Manager“ ein klassischer Spionage-Thriller, bei dem die Regisseurin Susanne Bier so penibel darauf achtet, dass es nicht um Vordergründiges geht. Hiddleston darf allerdings mehrfach hemdfrei durchs Bild laufen, und eine Liebesszene, in der sein nackter Po zu sehen ist, zog den Hysterie-Hashtag „Hiddlesbum“ nach sich. Wesentlich aufregender an diesem Agenten Pine ist seine Auseinandersetzung mit Richard Roper, genährt von dem stetigen Zweifel, ob er den „übelsten Mann der Welt“ tatsächlich ausmanövrieren kann.

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