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Frankreichs Krisen-Berichte : Die Ärzte regieren

Verdient laut „Le Monde“ mehr im Fernsehen als in der Klinik: Infektionsexpertin Karine Lacombe Bild: AFP

Frankreichs Politik ist in der Krise hilflos: Der Streit um das richtige Vorgehen in Sachen Pandemie gerät zum Religionskrieg zwischen Elite und Populisten, Paris und der Provinz.

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          Es war eine eher brüske Machtübergabe. Am Samstagabend um halb acht kam Premierminister Edouard Philippe ins Fernsehen. Bei herrlichem Frühlingswetter und in düsterer Vorahnung waren die Franzosen im Begriff, ein letztes Wochenende in Freiheit zu genießen. Jäh wurde es unterbrochen. Noch vor den Nachrichten erfuhren die schockierten Franzosen vom Lockdown der Gesellschaft und der Schließung der Grenzen. Um Mitternacht mussten die Bars und Restaurants ihre Gäste aussperren. Das war Mitte März. Seither herrscht in Frankreich permanente Polizeistunde.

          Jürg Altwegg
          Freier Autor im Feuilleton.

          Am Sonntag, 16. März, begaben sich zwanzig Millionen Bürger in die Wahllokale, um die Bürgermeister zu bestimmen. Macrons Wissenschaftsrat hatte die Durchführung abgesegnet. Die siegessicheren „Republikaner“ lehnten die Verschiebung als „Putschversuch“ ab. Doch den beklemmenden Eindruck eines Regimewechsels konnten die gespenstischen Wahlsendungen nicht vermeiden. Ein Beobachter erinnerte sich an den Ausbruch des Golfkriegs, als mit CNN das Zeitalter der Nachrichtensender und des „eingebetteten“ Journalismus begann. Damals übernahmen die Generäle die Deutungshoheit auf dem Bildschirm. Nun sind die Ärzte an ihre Stelle getreten, deren Rolle im Fernsehen bislang auf Serien und „Sprechstunden“-Sendungen beschränkt war.

          Dabei geht es nur noch um die neuesten Covid-19-Statistiken und Hochrechnungen. Marine Le Pen kritisierte anfangs, dass die Kommunalwahl stattgefunden hatte. Als „verantwortungslos“ wurden sie und andere Politiker von dem Schriftsteller, Arzt und Moderator Dr. Michel Cymes abgekanzelt. Dabei hatte Cymes selbst Corona zuvor noch als „kleine Grippe“ verharmlost. Am Tag eins nach dem Wochenende, an dem in Frankreich eine neue Epoche begann, übernahm Emmanuel Macron: „Wir sind im Krieg.“

          Ideologische Auseinandersetzungen um die Chloroquin-Therapie

          Wie in früheren Zeiten die Politiker streiten nun die Ärzte. Sie stiften Verwirrung und schüren Ängste. Besonders peinlich waren die ideologischen Auseinandersetzungen um die Chloroquin-Therapie des weltweit anerkannten Epidemiologie-Spezialisten Didier Raoult aus Marseille, der Ende Februar das „Ende“ der Seuche verkündet hatte. Der Streit wurde als Religionskrieg zwischen Elite und Populisten, Paris und der Provinz geführt – begleitet von einem Shitstorm und vielen Verschwörungstheorien.

          Michel Cymes, Autor des auch in deutscher Übersetzung erschienenen Buchs „Hippokrates in der Hölle. Die Verbrechen der KZ-Ärzte“, war bis dato der einzige Medizinstar der französischen Medien und der bekannteste Arzt des Landes. Unter dem Druck der Öffentlichkeit zog er sich in sein Krankenhaus zurück und ward nicht mehr gesehen. Angefeindet wird auch die Infektions-Spezialistin Karine Lacombe. Die Klatschpresse breitet ihr Privatleben aus: drei Kinder von drei verschiedenen Vätern, vom letzten lebt sie getrennt. „Le Monde“ berichtete, dass ihr Europas größter Privatsender Tf1 für Exklusivauftritte dreimal mehr Geld geboten habe, als sie in der Klinik verdient. Sie hat ihr Twitter-Konto gelöscht.

          „Jede Tagesschau ist eine Sondersendung“, stöhnt der Philosoph André Comte-Sponville: „Als wäre der Krieg in Syrien zu Ende und der Hunger aus der Welt verschwunden. Zehn Ärzte werden befragt, und im besten Fall kommt dann noch ein Ökonom zu Wort, der die Kosten beziffern soll. Es ist gefährlich, wenn uns die Ärzte vorschreiben wollen, was wir zu tun hätten. Entscheiden muss die Politik.“

          Den Kampf um das Vertrauen der Bürger hat die französische Politik verloren. Das Fernsehen erlangt derweil eine Bedeutung wie in den Urzeiten des Massenmediums: In der Ausgangssperre wird der heimische Bildschirm im gallischen Dorf zum Lagerfeuer, um das sich die Familie versammelt. Macrons Ansprachen erreichen mit 37 Millionen Zuschauern einen Marktanteil von 95 Prozent. Neben der monothematischen Information ist das Angebot vielseitig und hochstehend. Theater, Oper, Film. Aus dem Jugendsender „France 4“ wurde ein flimmerndes Klassenzimmer. Eine Zeitlang war das Bezahl-Fernsehen gratis.

          Doch die Zukunft des Fernsehens ist düster. Die Werbeeinnahmen brechen ein. Es droht Programmnotstand: Die Dreharbeiten sind blockiert, die Fußball-Meisterschaft ist zu Ende, Shows mit Publikum gibt es nicht. Auch ein Datum für die zweite Runde der Kommunalwahlen steht nicht fest. Der Ausnahmezustand ist bis zum 24. Juli verlängert. „France 2“ will zum Ende des Lockdowns das Comeback von Michel Cymes inszenieren: Mit dem Gesundheitsminister als Gast will der „Hippokrates des Fernsehens“ eine Sondersendung moderieren.

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