https://www.faz.net/-gqz-8xvkh

TV-Krimi „Goster“ : Da hilft auch kein Waffenschein

  • -Aktualisiert am

Tanken auf: Julia Riedler spielt die Polizistin Hannelore Klost, Bruno Cathomas den Kommissar Goster. Bild: HR/Katrin Denkewitz

Schon wieder ein Krimi? Aber ja doch, und zwar ein derart wunderbar absurder, dass die ARD sich nicht traut, ihn früher zu zeigen: Didi Danquarts Psychothriller „Goster“ ist ein großes Ding.

          2 Min.

          Bei Superlativen ist Vorsicht geboten. Und ob man im Mai schon den ungewöhnlichsten Fernsehfilm des Jahres ausrufen sollte, ist auch nicht gesagt. Über den Kriminalfilm „Goster“, den Didi Danquart nach einer Vorlage von Gerd Zahner gedreht hat, kann man allerdings nur ins Schwärmen geraten. Die comichafte Ästhetik verzaubert, die strenge Atmosphäre berauscht, die Geschichte ist außergewöhnlich und absurd in Perfektion.

          Hinzu kommt, dass die Hauptrollen von Bruno Cathomas und Julia Riedler gespielt werden, einem Duo, bei dem vor einigen Jahren schon am Kölner Schauspiel die Chemie auffallend stimmte. Hier stellen sie zwei erinnerungswürdige Kunstfiguren dar – den schlunzigen, unentwegt Cola schlürfenden Kommissar Goster, einen Ermittler mit weißem Hemd und dunkler Weste, der aus einer Vielzahl von Gründen neben sich und der Welt steht, sowie die kecke Bereitschaftspolizistin Hannelore Klost, die er zu seiner Assistentin ernennt.

          Könnte es sein, dass die Waffe von ganz allein - losgeht?

          Goster hat ein Problem. Der behäbige Mann, der von seiner italienischen Geliebten verlassen wurde, fragt sich, ob „Frauen riechen können, wenn sich Männer von Fertiggerichten ernähren“, und lässt sich bei einer Kneipenschlägerei zu einem unerlaubten Dienstwaffeneinsatz hinreißen. Dann wird er zum Fundort einer nackten Männerleiche gerufen. Er weiß zwar, was er dort sah: Der Tote trug eine Geranienblüte hinter dem Ohr, lag vor einem Frankfurter Altbau bäuchlings auf dem Rasen, und die ersten Zimmer der Wohnung, aus der er gestürzt war, waren ratzekahl.

          Doch an mehr vermag sich Goster nicht mehr zu erinnern. Ein Schuss durchbrach die letzte verschlossene Tür, und während die Kugel einen Kollegen traf, bekam Goster einen Herzinfarkt und verlor das Bewusstsein. Er bekam nicht mehr mit, wie sich die heranstürmende Nachhut Zugang zu dem Zimmer verschaffte und verwundert feststellte, dass sich kein Schütze darin befand. Einzig eine Pistole lag auf dem Boden. Ist es denkbar, dass Waffen von allein losgehen? Dass die Tatwaffe der Täter ist? Der Gedanke drängt sich Goster auf, kaum dass er aus dem Krankenhaus entlassen worden ist. Was in anderen Filmen wie eine Psychose des Kommissars wirken würde, erscheint in „Goster“ schon von der Machart her nicht abwegig. Der Film ist wie ein wirrer Traum voller philosophischer und pseudophilosophischer Ausflüge. Verpflichtet ist er dem Stil nach einer Graphic Novel, die Grenzen zwischen dieser und anderen Wirklichkeiten verschwinden nicht anders als jene zwischen Comic und Film.

          Die digitale F.A.Z. PLUS
          F.A.Z. Edition

          Die digitale Ausgabe der F.A.Z., für alle Endgeräte optimiert und um multimediale Inhalte angereichert

          Mehr erfahren

          In die realen Aufnahmen (Kamera Johann Feindt) hat Danquart immer wieder Zeichnungen montiert, die aus der Feder des Berliner Illustrators Fufu Frauenwahl stammen. So sehen wir schon früh einen Mond, aus dem Blut tropft, die Leiche im Garten, die dunkle Tür mit dem Einschussloch, durch das Licht fällt. Gelegentlich ist auch nur ein „Peng“ oder „Dingdong“ zu lesen. Selbst die Tatort-Fotos, die Hannelore Klost ihrem Chef vorlegt, die Internet-Bilder, die sie ausfindig macht, oder Stadtpläne kommen gezeichnet daher.

          Das Schönste ist neben der Stopftrompeten-Coolness und dem Humor, den die Comic-Sequenzen mitbringen, dass der Regisseur Didi Danquart und der Drehbuchautor Markus Busch den Effekt nicht überstrapazieren. „Goster“ fehlt es schließlich auch sonst nicht an Ideen und ausgefallenen Szenen. Bei einer seiner Figuren, Liz Hand, reicht allein der starke norwegische Akzent der Schauspielerin Lise Risom Olsen, um sie zu einer geheimnisvoll traurigen Figur zu machen. Die Putzfrau Ayse Nasreddin (Siir Eloglu) wird zur Philosophin. Und der theatralische Goster, der seine eigene Waffe bald nur noch im Kühlschrank aufbewahrt, liest zur Entspannung Nietzsches „Jenseits von gut und böse. Vorspiel einer Philosophie der Zukunft“ (was uns daran erinnert, dass Bruno Cathomas neulich, als er zum Frankfurter „Tatort“-Team stieß, Ernst-Jandl-Zitate mitbrachte). Gleich mal ausprobieren. Wann kommt Teil zwei?

          Weitere Themen

          Augenöffner des Gesetzes

          Ulrich K. Preuß wird 80 : Augenöffner des Gesetzes

          Wenn er die politischen und ökonomischen Kontexte von Rechtsfragen untersucht, wird Jurisprudenz zu einem intellektuellen Vergnügen: Der Staatsrechtler Ulrich K. Preuß wird achtzig.

          Leia spielt Schlüsselrolle Video-Seite öffnen

          „Star Wars IX“ : Leia spielt Schlüsselrolle

          Ihre Rolle als Prinzessin Leia in Star Wars hat sie für ihre Fans unsterblich gemacht: Obwohl Schauspielerin Carrie Fisher seit drei Jahren verstorben ist, spielt sie in „Der Aufstieg Skywalkers“ dank moderner CGI-Technik mit.

          Topmeldungen

          „Mächtig stolz“ auf die sozialdemokratische Politik: die kommissarische SPD-Vorsitzende Malu Dreyer nach ihrer Rede auf dem Parteitag in Berlin

          Parteitag in Berlin : „Die SPD ist Volkspartei, und wird es immer bleiben“

          Die SPD könne „mächtig stolz“ sein auf das, was sie erreicht habe, findet die kommissarische Vorsitzende Malu Dreyer. Viele Menschen würden die SPD aber nicht mehr als Wertepartei erleben, sondern als „Taktikpartei“.
          Historischer Altbau oder doch die Hochhauswohnung? Was sich die Deutschen leisten können, hängt nicht nur von der Region ab, sondern kann auch je nach Stadtviertel stark variieren.

          F.A.Z. exklusiv : So teuer ist Wohnen in Deutschland

          Eine Bude in München oder doch lieber das große Traumhaus in Thüringen? Der F.A.Z. liegen exklusiv Zahlen vor, die belegen, wie groß die Preisunterschiede zwischen Städten, Regionen und sogar Stadtteilen tatsächlich sind.

          Bei Auftritt in Iowa : Joe Biden beschimpft Wähler

          Bei einer Wahlkampfveranstaltung in Iowa beschimpft Joe Biden einen 83 Jahre alten Mann als Lügner, weil der ihn wegen der Ukraine-Affäre kritisiert: „Ich wusste, dass Sie mich nicht wählen werden, Mann, Sie sind zu alt.“
          Erinnert ein wenig an einen Fernsehturm: Der Baum auf dem Weihnachtsmarkt in Vilnius.

          Europas Weihnachtsbaum-Contest : O Tannenbaum!

          Der Weihnachtsbaum ist auch nicht mehr, was er einmal war. Verstößt er gegen die ökologische Correctness? Soll eine Attrappe aus Plastik her? Wenigstens wissen wir, wo Europas angeblich schönster Christbaum steht.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.