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Diane Kruger im Interview : „Ich bin zuerst eine Frau“

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„Ich bin zuerst eine Frau, dann Schauspielerin und Model“, sagt Diane Kruger Bild: MediaPunch2/face to face

2004 galt sie als schönste Frau der Welt. Nun spielt sie eine etwas abgehalfterte Polizistin. Diane Kruger spricht über Ängste, Schauspielerei als Therapie und die Sehnsucht nach deutschem Kaffee.

          In Amerika lief diese Woche schon die neunte Folge von „The Bridge - America“, einer Adaption des dänisch-schwedisch-deutschen Mehrteilers „Die Brücke - Transit in den Tod“. Drehbuchautorin Meredith Stiehm (Cold Case“, „Homeland“) verlegte die Handlung an die mexikanische Grenze, an der die 1976 in Algermissen geborene Diane Kruger als Polizistin Sonya Cross ermittelt. Wie ihr mexikanischer Kollege Marcelo Ruiz (Demián Bichir) braucht auch der Zuschauer Zeit, diese dank Asperger-Syndrom leicht durchgeknallte Person liebzugewinnen. Um auch in ihrer Heimat für ihr Seriendebüt zu werben, sitzt sie mir jetzt mit flachen Sandalen (für High Heels ist es zu heiß“) auf einer großen Ledercouch eines Münchner Nobelhotels eher verloren wirkend gegenüber.

          Wie ist das, wenn man sich eher ungeschminkt in dieser Serie sieht?

          Das fühlt sich gut an. Wir haben vier Monate jeden Tag gedreht. Wenn man morgens in der Maske nur zwanzig Minuten braucht, macht das den Tag besser.

          Ist das für Sie eine positive Entwicklung gewesen von der schönsten Frau der Welt 2004 in „Troja“ zur etwas angeranzten Polizistin in „The Bridge“?

          Das ist eine komplizierte Frage. Ich bin zuerst eine Frau, dann Schauspielerin und Model. Und wie alle Frauen möchte ich mich hübsch anziehen. Auf der anderen Seite bin ich seit zwölf Jahren Schauspielerin. Da spielt das Aussehen keine so große Rolle. Ich möchte jedenfalls nicht auf mein Aussehen reduziert werden für eine Rolle.

          Trotzdem stehen Sie ganz oben auf der Liste aller Hollywood-Produzenten, wenn man eine besonders schöne Frau besetzen will . . .

          Das ist aber nicht mein Problem, sondern das der Medien. Ich hab’ immer noch den gleichen Kopf, mit dem ich geboren bin. Ich weiß nicht, welches Bild man da draußen von mir hat. Ich weiß, wie ich ungeschminkt aussehe. Klar gehen manche Türen nur auf, wenn man bestimmten Idealen entspricht. Aber um im Geschäft zu bleiben, lernt man schnell, dass es darum geht, was man als Schauspielerin rüberbringen kann oder nicht.

          Warum sind Sie eigentlich Schauspielerin geworden?

          Ich komm’ ja vom Ballett. Ich war als Kind sehr tumultös. Ich musste sehr viele Dinge, mit denen ich nicht klargekommen bin, verarbeiten. Auf der Bühne zu stehen und durch Musik und Bewegung Emotionen ausdrücken zu können und dafür auch noch belohnt zu werden war wunderbar. Dass man zudem verwundbar und euphorisch sein darf und sich durch Musik und seinen Körper ausdrücken kann - das hat mir Selbstbewusstsein gegeben. In meinen fünf Jahren als Model fehlte das, da war eine Leere, einfach sehr langweilig.

          Aber wie kamen Sie zum Schauspiel?

          Ich wusste eigentlich gar nicht, wie man Schauspieler werden konnte. Dann habe ich einen Schauspieler in Frankreich kennengelernt, und er hat gesagt: Geh doch mal zur Schauspielschule. Du wirst sehen, ob du es magst oder nicht. Und als ich da auf der Bühne stand, war das für mich wie ein Wasserfallmoment. Alles kam zusammen, was in mir vorgeht und die persönliche Befriedigung, dass man nach Extremen suchen darf, die man im wirklichen Leben nur bedingt und nur über einen kurzen Zeitraum leben kann. Und das ist wie eine Droge.

          Wo ist Ihre Heimat? Sie pendeln ja zwischen drei Ländern: Deutschland, den USA und Frankreich. Oder ist bei Ihnen Heimat gar kein Ort?

          Deutschland bleibt meine Heimat. Gerade im Ausland werde ich als sehr deutsch wahrgenommen. Eine gewisse Disziplin, eine taktische Einstellung zum Leben . . . Man sagt mir oft: Du bist schon sehr deutsch. Aber natürlich fühle mich in den USA auch wohl. Seit meinem 16. Geburtstag bin ich gewohnt, hin und her zu reisen. Im Grunde ist aber mein Zuhause, wo ich mit meinem Partner wohne. Das sind abwechselnd Paris und Los Angeles.

          Haben Sie eigentlich gleich zugesagt, als man Ihnen die Rolle in „The Bridge“ angeboten hat?

          Nein, nicht gleich. Ich hab’ zunächst das Buch gelesen. Weil aber im Gegensatz zum dänischen Vorbild in dieser Serie nicht gesagt wird, dass Sonya Cross an Asperger leidet, fragte ich mich, ob man ihr Verhalten verstehen wird. Erst nachdem ich die Originalserie gesehen hatte, stand für mich ganz schnell fest, dass ich mitmache. Das war nicht ohne Risiko, weil die Leute mich nach der ersten Folge nicht verstehen. Aber die Rolle ist ja aus Gold, weil ich dann über 13 Folgen so viele Facetten zeigen kann.

          Über Menschen mit Asperger-Syndrom sagt man, dass sie eine Fähigkeit haben, die sie über andere hinaushebt. Was macht Sie besonders?

          Ich glaube, das ist die Leidenschaft für Dinge, vor denen ich Angst habe und von denen ich nichts weiß. Ich bin hungrig nach Dingen, die ich nicht kenne. Wenn jemand sagt: Das kannst du nicht, dann will ich es erst recht. Das ist ein Beruf, für den man brennen muss. Man muss auch damit leben können, dass man in 85 Prozent der Fälle ein Nein hört, bevor ein Ja kommt.

          Was für Ängste wohnen da in Ihnen, die Sie immer wieder besiegen müssen?

          Viele Dinge, die ich nicht unbedingt in der Presse diskutieren möchte. Aber alle Menschen haben Ängste vor bestimmten Emotionen und Überlegungen, die niemandem unbekannt sind. Dinge wie: Ich bin nicht schlau oder intelligent genug. Manchmal steckt man in einer Szene, in die man sich kaum hineinversetzen kann, wenn es zum Beispiel um den Tod eines Kindes oder Krankheit geht, etwas, was man selber nicht kennt. Wenn man sich dann aber reinversetzt, ist das ein Gefühl, das sich schwer beschreiben lässt: der Blick in das schwarze Loch, auf das die meisten Menschen ein Leben lang einen Deckel drauftun. Wir als Schauspieler müssen versuchen, den Deckel aufzureißen und reinzugleiten. Das ist manchmal angsterfüllend und doch wie eine Droge. Man macht das auch jedes Mal wieder. Je länger man arbeitet, desto schlimmer wird es. Weil sich anfangs kein Mensch für einen interessiert. Je mehr man arbeitet und je älter man wird, desto mehr Enttäuschungen und Ängste bringt man in die Rolle ein - und die sieht man auch auf der Leinwand. Dann das Erschrecken: Man denkt, das muss doch jetzt jeder hier sehen, worüber ich in dieser Szene nachgedacht habe. Dann habe ich das Gefühl, nackt zu sein und verwundbar. Man lernt dann aber auch, eine Trennlinie zwischen wahrem Leben und Schauspielerei zu ziehen. Selbst wenn ich mein wahres Leben für meinen Beruf nutzen kann, brauchen sich die Sachen nicht mehr zu überlappen. Das Wichtigste an einer Therapie ist, keine Angst mehr vor seiner Angst zu haben.

          Was schätzen Sie eigentlich als Mitbringsel aus Deutschland?

          Vor allem den Kaffee. Mein Bruder war gerade drei Wochen bei mir in L.A. und hat den Tchibo-Kaffee mitgebracht. Ich esse und koche gern, Schnitzel sind großartig. Meine Großeltern haben mir gerade zum Geburtstag ein Buch geschickt mit allen Rezepten aus der Kindheit. Das war ein Supergeschenk.

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