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„Stateless“ bei Netflix : Dialektik der Abschottung

  • -Aktualisiert am

Untergetaucht und gefangen: Yvonne Strahovski als Sofie Werner. Bild: BEN KING/NETFLIX

Unwillkommenskultur hat einen Preis: Die australische Serie „Stateless“ zeigt in berückenden Bildern die Verwüstungen, die eine eisenharte Anti-Flüchtlings-Politik hinterlässt.

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          Niemand weiß, wie Utopia aussieht. Das liegt in der Natur eines „Nicht-Orts“. In seiner dunkelsten Variante könnte er durchaus auch so aussehen, wie es uns die Drohnenaufnahmen aus dem südaustralischen Outback zeigen: ein karges, aus Containern und Zäunen zusammengestücktes Gefangenenlager inmitten des leeren, weiten Landes, in dem ungezählte Hoffnungen auf ein besseres Leben in Bitterkeit umschlagen. In der für den Sender ABC produzierten Serie „Stateless“ wurde nahe der Stadt Port Augusta ein „Detention Center“ nachgebaut, wie es in dieser Wüstengegend zwischen 2002 und 2007 wirklich betrieben wurde und wegen mehrerer Vorfälle in die Medien geriet – weshalb danach die oft kritisierten Lager auf entlegenen, nicht zu Australien gehörenden Inseln wie Manus und Nauru entstanden.

          „Stateless“, koproduziert und kokreiert von Cate Blanchett, ist nicht die erste Serie, die sich dem Schicksal von Flüchtlingen widmet, aber sie ist – in der souveränen Regie von Emma Freeman und Jocelyn Moorhouse – sicher eine der stärksten: psychologisch ergreifend, ästhetisch fulminant, narrativ raffiniert und inhaltlich konsequent. Wobei sich Letzteres schon daran festmachen lässt, dass sie bis auf einige Rückblicke und kurze Sequenzen aus dem Privatleben des bärenstarken, aber aus dem Tritt geratenden Wachmanns Cam Sandford (Jai Courtney) komplett in dem erwähnten Internierungslager spielt. Es ist eine Leistung, einen Plot, der im Kern davon handelt, wie Insassen, Aufseher und Betreiber des Lagers allmählich an einem System der Mitleidlosigkeit zerbrechen und ihre Frustrationen gegeneinander richten, spannend wie einen Krimi und berührend wie eine Drama-Serie zu erzählen, ohne in den Sozialkitsch abzurutschen. Auch aktivistisch ist die Produktion nicht. Hilflose Proteste gegen das Lager, angeführt von Sandfords Schwester (Kate Box), spielen nur am Rande eine Rolle. Es geht vielmehr um innere Prozesse: um moralische Dilemmata, um Humanität im Konkreten, um Vertrauen inmitten von Vertrauensbrüchen, um die Reziprozität des Würdeverlusts.

          Starre Perspektiven aufbrechen und umkehren

          Etwas seltsam mag es anmuten, dass von zwei detailreich porträtierten Insassen – die anderen Handlungsstränge drehen sich um Wachmann Sandford und die ebenfalls unter Druck stehende, als Charakter aber etwas schwach ausgeprägte neue Leiterin des Internierungslagers (Asher Keddie) – nur einer eine klassische Fluchtgeschichte vorzuweisen hat: der mit seiner Familie über Pakistan geflohene Afghane Ameer. Fayssal Bazzi spielt diesen modernen Hiob überzeugend desillusioniert, bald zu allem bereit, um seine Familie zu retten, aber auch das wird nicht reichen. Bei der anderen Insassin mit tragender Rolle handelt es sich um den maximal unwahrscheinlichen Fall einer psychisch labilen, traumatisierten Australierin, die aufgrund mangelhafter Polizeiarbeit in der Einrichtung gelandet ist. Die ohne Papiere Aufgegriffene, von Yvonne Strahovski tragisch entrückt und verstörend egozentrisch dargestellt, hält ihre Identität geheim, weil sie sowohl ihrer Familie als auch einer Selbstfindungssekte, in der ihr Schlimmes angetan wurde, zu entkommen versucht.

          Der Einwand, den Filmemachern habe das übliche Schicksal von Flüchtlingen dramaturgisch nicht ausgereicht, lässt sich einigermaßen damit entkräften, dass hier ein wahrer Fall zugrunde liegt. Der Skandal um die zu Unrecht zehn Monate lang festgehaltene Deutsche Cornelia Rau, die eine permanente Aufenthaltsgenehmigung für Australien besaß, erfuhr im Jahr 2005 viel mediale Aufmerksamkeit. Zudem ist die traurige, glaubhafte Geschichte Ameers – leider – etwas vorhersehbar, weshalb die schräge Sofie-Werner-Handlung auch erzählerisch ein Gewinn ist. Drittens bietet dieser Umweg über eine privilegierte, weiß-westliche Identifikationsfigur, die ihre Abschiebung nach Deutschland ersehnt, aber wie die Maus in Kafkas „Fabel“ immer tiefer in ihren Kerker hineinläuft, die Möglichkeit, Perspektiven aufzubrechen und umzukehren.

          Wie sehr Sofie im Zentrum steht, zeigt schon die betörende Auftaktszene, in der wir sie aufgelöst durch die Wüstensteppe rennen und zu Boden gehen sehen, bevor in einer surrealen, ikonischen Einstellung ein roter Luftballon über sie hinweg- schwebt – all das wird im Laufe der Serie vollständig erklärt. Und es zeigt sich auch daran, dass Cate Blanchett persönlich die ungreifbare, irisierende Ehefrau des dämonischen Life-Coach-Gurus Gordon Masters (Dominic West) spielt: rollentechnisch das wenig sympathische Gegenstück zu Holly Hunters Auftritt als spirituelle Anführerin GJ in „Top of the Lake“. Der Figur Sofies, der Freiheitsliebenden, die all den Zudringlichkeiten nur noch durch Rückzug in sich selbst zu entgehen weiß, haftet etwas Symbolisches an: Sie wird zur Trope für die reiche, verängstigte Gesellschaft, die den Geistern, die sie rief, nicht mehr entkommt.

          Wirklich böse nämlich möchte hier niemand sein (mit einer Ausnahme vielleicht). Die Serie ist eine Anklage gegen eine Politik der Abschottung, die dazu führt, dass unschuldige Menschen viele Jahre ihres Lebens wie Sträflinge verbringen müssen, aber sie ist dabei nicht naiv. Nirgends wird für unkontrollierten Zuzug geworben, und auch die Menschenverachtung der Schlepper ist zu sehen. Was „Stateless“ neben den moralisch ambivalenten Figuren und der fast unwirklichen Sonnenkulisse vor allem auszeichnet, ist die besagte kluge Erzählweise, die durch zahlreiche Vor- und Rückblicke auf falsche Fährten lockt und geschickt Vermutungen durchbricht. Das trägt auch über spannungsarme Passagen hinweg. Es versteht sich, dass sich diese Produktion kein Happy End leisten kann – die Grausamkeit ist systemisch –, aber sie entlässt uns auch nicht gänzlich unversöhnt.

          Stateless ist ab heute auf Netflix abrufbar.

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