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Doku „Deutschlands Torhüter“ : Du bist der letzte Mann

„Da hilft dir meistens keiner mehr“, sagt Manuel Neuer. Im Spiel gegen Mexiko halfen ihm seine Vorderleute über neunzig Minuten so gut wie gar nicht. Bild: sampics / Stefan Matzke

Zur Weltmeisterschaft zeigt die ARD den Film „Deutschlands große Torhüter“. Fünf von ihnen kommen zu Wort. Sie sprechen von ihrer Rolle in der Mannschaft und von eigenen Heldentaten. Doch etwas fehlt.

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          Manuel Neuer kennt die Schattenseiten seiner Position nur zu gut: „Im Prinzip bist du als Torwart der letzte Mann, da hilft dir meistens keiner mehr.“ Die aktuelle Nummer eins der deutschen Fußball-Nationalmannschaft ist auf dem Platz oft die letzte Hoffnung. Bisweilen gilt das auch abseits des Rasens. Nach der Niederlage gegen Mexiko zum Auftakt der Weltmeisterschaft tauchten Trainer, Funktionäre und Spieler zunächst ab. Schließlich war es an Kapitän Neuer, Fußball-Deutschland ein wenig Hoffnung zu machen, dass dem Weltmeister beim Turnier in Russland vor dem Duell mit Schweden an diesem Samstag doch zu helfen ist. Der Titel-Garant von 2014 hielt, was sich die Verantwortlichen vom Auftritt als Einzelkämpfer versprochen hatten. Neuer parierte die Untergangsprognosen wie einen Elfmeter. Seine Botschaft: Noch ist das Spiel nicht verloren.

          Tobias Rabe

          Verantwortlicher Redakteur für Sport Online.

          Dass diese Pressekonferenz von Watutinki am Rande Moskaus gar nicht der schwierigste Alleingang des 32 Jahre alten Neuer war, zeigt der Film „Die Nummer Eins – Deutschlands große Torhüter“. Im April 2011 saß Neuer in Gelsenkirchen auf dem Podium und hatte Tränen in den Augen. Seine Stimme stockte immer wieder. Neuer kämpfte sichtlich mit den Emotionen. Damals wurde bekannt, dass er Schalke 04, seinen Verein, zu dem er mit vier Jahren kam, den er als Fan intensiv unterstützte, in dem er Profi und Weltklasse-Torwart wurde, verlassen wird.

          Je unfreundlicher ihn die gegnerischen Fans empfingen, desto besser fühlte er sich auf dem Platz: Oliver Kahn.

          Im Film von Gerhard Schick ist Neuer einer von fünf Torhütern, die ausführlich zu Wort kommen. Der Autor hat für sein Werk, das die Dauer eines Fußballspiels von neunzig Minuten nur knapp unterschreitet, prominente Protagonisten gefunden. Sepp Maier, Oliver Kahn, Manuel Neuer, Toni Schumacher und Jens Lehmann sind die Torhüter mit den meisten Einsätzen für die Nationalmannschaft. Andere prägende Figuren der deutschen Fußballgeschichte wie die Weltmeister Toni Turek (1954) und Bodo Illgner (1990) oder auch Andreas Köpke (Europameister 1996), der seit vierzehn Jahren die Torhüter in der Nationalelf erfolgreich trainiert, bleiben allerdings gänzlich unerwähnt.

          Stattdessen dürfen vor allem Maier, Schumacher und Kahn von sich und vergangenen Zeiten schwärmen. Das ist Fußball-Folklore fürs Volk mit schönen Bildern derjenigen, die sich nicht nur durch das andersfarbige Trikot von ihren Mitspielern abhoben. Ausführlich werden alte Geschichten wieder aufgewärmt. Maier berichtet von der wilden Nacht in Malente während der WM 1974.

          Rupft noch einmal ein Hühnchen mit Jürgen Klinsmann: Sepp Maier.

          Schumacher plaudert über den Zusammenstoß mit Patrick Battiston 1982 und sein Buch „Anpfiff“, das fünf Jahre später seine Karriere beim 1. FC Köln und in der Nationalelf beendete. Kahn erzählt von der WM 2002 mit dem entscheidenden Patzer ausgerechnet im Finale und vom Heimturnier, als er sich vier Jahre später trotz der bitteren Verbannung auf die Bank in den Dienst der Mannschaft stellte.

          Wie aber haben Mitspieler, andere Beteiligte oder neutrale Beobachter all das wahrgenommen? War alles wirklich so, wie die Torhüter-Heroen erzählen? Dienen die heldenhaften Geschichten nicht der Verklärung? Diese Fragen bleiben unbeantwortet, weil die Außenperspektive fehlt. Kahn und Co. dürfen sich unwidersprochen präsentieren. „Ich komme in ein Stadion, und alles ist gegen mich. Das hat mich total gepusht“, schwärmt er von extremen Anfeindungen der gegnerischen Fans, die einst haufenweise Bananen in seinen Strafraum warfen und einmal auch einen Golfball, der Kahn am Kopf traf. Lustig fand er das damals nicht.

          Schumacher berichtet nicht ohne Stolz, dass er mit einer gebrochenen Hand im Tor stand. „Ich wollte nicht wegen eines gebrochenen Fingers nicht spielen. Ich habe gesagt: ‚Ich habe ja noch neun andere.‘“ Die Langzeitfolgen zeigt er bereitwillig. Seine Hände sind schwer gezeichnet von etlichen Brüchen und Sehnenverletzungen. Und Maier darf noch einmal gegen Jürgen Klinsmann nachtreten, der seinen Bayern-Schützling Kahn vor der WM 2006 zur Nummer zwei degradierte. „Das war nur persönlich.“ Von Maier, dem Torwarttrainer in der Nationalmannschaft, hatte sich Klinsmann schon vorher getrennt: „Es war grundlos, aber ich war immer ein Dorn im Auge“, klagt Maier.

          Die Außenperspektive wird allein von Teresa Enke eingenommen. Die Witwe des früheren Nationaltorwarts Robert Enke, der 2009, erkrankt an einer schweren Depression, Suizid beging, zeichnet die Karriere und die vielen Probleme eines Profis im Tor nach. Sie spricht vom plötzlichen Erfolg in Mönchengladbach, vom Traum in Lissabon, vom Knick in Barcelona, von den Anfeindungen in Istanbul, von glücklichen Tagen in Hannover und in der Nationalmannschaft. Sie berichtet von den schlimmsten Schattenseiten für den Einzelkämpfer. Den Erwartungen. Dem Konkurrenzkampf. Dem Druck. Robert Enke machte all das krank.

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