https://www.faz.net/-gqz-a0pgm

Das „Deutschland-Duell“ : Vereint im Streben nach Wohlstand

Das Streben nach Wohlstand war in Ost und West gleichermaßen ausgeprägt, ließ sich aber zwangsläufig nicht in gleichem Maße umsetzen. Bild: ZDF und Henry Müller

Das „Deutschland-Duell – BRD gegen DDR“ zeigt die unterschiedlichen Lebensverhältnisse im geteilten Deutschland – aber auch, wie ähnlich sich die Menschen in Ost und West trotz verschiedener Gesellschaftssysteme waren.

          2 Min.

          Wenn in einer Dokumentation über die Lebensverhältnisse in den einst zwei deutschen Staaten schon in der Einleitung der Satz vorkommt, es gebe „überraschende Ergebnisse bei der Ausstattung mit Haushaltsgeräten“, bei denen die Menschen in Ost- und Westdeutschland zumindest der Anzahl nach auf Augenhöhe lebten, weiß man: Es gibt auch 2020, wenn sich die Wiedervereinigung zum 30. Mal jährt, im Westen und beim (seit 30 Jahren von den Menschen in Ost und West bezahlten) öffentlich-rechtlichen Rundfunk noch große Wissenslücken über den ostdeutschen Staat, der sich DDR nannte. Insofern ist die ZDF-Dokumentation „Das Deutschland-Duell“ Aufklärung im besten Sinne, bei der es für in der DDR Aufgewachsene freilich wenig Neues zu erfahren gibt. Sie könnten die anschauliche 45-Minuten-Sendung jedoch als Geschichtsstunde für den Nachwuchs nutzen.

          Stefan Locke

          Korrespondent für Sachsen und Thüringen mit Sitz in Dresden.

          Für seinen Ost-West-Vergleich hält sich das ZDF an Zahlen, die meist aus den statistischen Jahrbüchern stammen, und setzt diese mit Hilfe einer reduzierten, aber umso effektvolleren Grafik sowie Filmausschnitten aus der damaligen Zeit in Szene. Historiker erläutern die in fünf Kategorien – Freizeit, Familie, Arbeit, Gesundheit und Umwelt – gezogenen Vergleiche, die vielfach zeigen, wie ähnlich sich die Menschen in beiden Staaten trotz unterschiedlicher Gesellschaftssysteme dann eben doch waren – sei es in Bildung und Freizeit, beim Sport oder beim Besitz der bereits erwähnten Fernseher, Kühlschränke und Waschmaschinen.

          Wettbewerb zweier Systeme

          Das Streben nach Wohlstand war in beiden Ländern gleichermaßen ausgeprägt, ließ sich aber zwangsläufig nicht in gleichem Maße umsetzen. Dass die Autoren jedoch die Menschen in der DDR als „Reiseweltmeister“ küren, weil drei Viertel von ihnen regelmäßig in den Urlaub fuhren (gegenüber zwei Dritteln im Westen) ist ein Lapsus, den auch der erst sehr spät erläuternde Halbsatz, dass fast alle dieser Reisen im Inland stattfanden, kaum korrigieren kann.

          Den Gesamteindruck aber trübt das nicht, vielmehr zeigt der Film auch, wie interpretierbar Zahlen sind. Statistisch gesehen, war die Gleichberechtigung der Frauen in der DDR weit fortgeschritten, gingen doch mehr als 90 Prozent und damit doppelt so viele wie im Westen einer Erwerbsarbeit nach, während Frauen in der Bundesrepublik noch bis 1977 ihren Ehegatten um Erlaubnis bitten mussten.

          Tatsächlich aber lebten klassische Rollenbilder auch im Osten fort, wo die meisten Frauen dann eben nach der Arbeit für Haushalt und Kinder verantwortlich waren. Kleinbürgerliche Verhältnisse waren das Lebensmodell der Mehrheitsgesellschaften in Ost und West, die sich, darüber sollte man sich nicht täuschen, erst seit den neunziger Jahren in der nun neuen Bundesrepublik stark zu wandeln begannen.

          Ein großes Plus des Films ist es, dass er die Vielfältigkeit des Lebens in der DDR und damit ein deutlich realistischeres Bild der Verhältnisse zeigt, als es die gängigen, aber eben einseitigen Erzählungen vom grauen Stasi-Staat vermögen. Dass die DDR etwa 1971 als eines der ersten Länder der Welt ein Umweltgesetz verabschiedete und 15 Jahre vor der Bundesrepublik ein Umweltministerium einrichtete, deutet immerhin darauf hin, dass ein Problembewusstsein vorhanden war, das aber eben nicht das real existierende Sein bestimmte. Der rücksichtslose Umgang mit der Natur und die verheerende Umweltverschmutzung im Osten waren 1989 ein Grund für das Erstarken der Opposition und das Ende dieses Landes.

          Drei Viertel der in der DDR lebenden fuhr regelmäßig in den Urlaub. Davon fanden jedoch fast alle im Inland statt.

          Denn dass der Westen am Ende auch aus diesem Zahlenduell als klarer Sieger hervorgeht, darf man ohne Not vorab verraten. Der Begriff „Duell“ ist freilich passend gewählt, war die Teilung Deutschlands doch auch ein Wettbewerb zweier Systeme, die nach dem Schrecken des Krieges alternative Gesellschaften aufbauen wollten und sich lange Zeit gegenseitig zu übertrumpfen versuchten.

          So war die Betonung der Konsumgüterproduktion in der DDR unter Erich Honecker genauso eine Reaktion auf das Leben im Westen wie der üppig ausgebaute Sozialstaat in der Bundesrepublik auf das Leben im Osten. In zwei Kategorien freilich waren beide Staaten schon vor der Einheit fest vereint: beim Fleischkonsum und beim Kampf gegen die Fettleibigkeit, der heute längst ein gesamtdeutscher ist.

          Weitere Themen

          Filmkomponist Ennio Morricone verstorben Video-Seite öffnen

          Spiel mir das Lied vom Tod : Filmkomponist Ennio Morricone verstorben

          Die italienische Filmmusik-Legende Ennio Morricone ist tot. Er starb im Alter von 91 Jahren in einer Klinik in Rom. Morricone gilt als einer der größten Komponisten der Filmgeschichte. Berühmt wurde er unter anderem mit Titelmelodien den Kultfilm „Spiel mir das Lied vom Tod“.

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.