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Protest einer Minderheit : 139 Stimmen für Wikipedias „Blackout“

Das Logo der Wikipedia. Bild: Wikimedia / CC BY-SA 3.0

Am Donnerstag war das Online-Lexikon Wikipedia nur per App zu erreichen. Die Seite im Netz war abgeschaltet – als Protest gegen die Urheberrechtsrichtlinie der EU. Wie viele Wikipedianer wollten das eigentlich?

          Wie stand es am Donnerstag auf der Startseite der deutschen Wikipedia, in weißen Lettern auf schwarzem Grund? „Die Autorinnen und Autoren haben sich entschieden, Wikipedia heute aus Protest gegen Teile der geplanten EU-Urheberrechtsnovelle abzuschalten.“ Also wurde abgeschaltet, damit alle, die in dem Online-Lexikon an diesem Tag etwas nachschlagen wollten, die Botschaft mitbekommen und am Ende auf den angezeigten Link zum Europäischen Parlament klicken und sich mit Abgeordneten in Verbindung setzen. Entschieden hat darüber die Wikimedia Foundation, die in solchen Fällen, wie es auf Nachfrage heißt, sich an die Entscheidungen der 295 Sprachcommunities hält.

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          Doch wer sind „die“ Autorinnen und Autoren der deutschen Wikipedia, die uns auf diese Weise auf eine politische Kampagne stoßen? Sind es alle? Große Einmütigkeit? Schaut man bei der Wikipedia in der Abteilung „Meinungsbilder“ nach, die dokumentiert, wie sich die in Deutschland abstimmungsberechtigten Mitglieder zu Vorschlägen, was die Wikipedia tun und lassen soll, verhalten, stellt man fest: Es sind recht wenige, es ist eine verschwindende Minderheit, die sich für die plakative Aktion ausgesprochen hat.

          So nahmen von 4931 (Stand März 2019) stimmberechtigten Benutzern der deutschen Wikipedia im dafür anberaumten Zeitraum vom 1. März bis 8. März genau 233 an der Abstimmung über die Abschaltung teil. 139 sprachen sich laut der Dokumentation der Wikipedia für die Abschaltung aus, für die Form eines Protestbanners votierten 28 Stimmberechtigte. Akzeptiert wurde das „Meinungsbild“ mit 143 Stimmen.

          Rechnen wir das nach Prozenten durch, haben – nach den Zahlen der Wikipedia –, 4,72 Prozent der stimmberechtigten Wikipedianer in Deutschland ihr Votum abgegeben, ganze 2,81 Prozent von ihnen haben sich für den „Blackout“ ausgesprochen. Aus diesen 2,81 Prozent, die für die Mehrheit innerhalb einer nicht repräsentativen Minderheit stehen, wurden auf der schwarzen Protestseite der Wikipedia „die“ Autorinnen und Autoren des Online-Lexikons.

          Was diese denken und wie lebhaft zerstritten sie im Urteil über die Urheberrechtsrichtlinie der EU sind, kann man indes auf der dazugehörigen Diskussionsseite nachlesen, auf der Befürworter und Gegner der Urheberrechtsnovelle gegeneinander antreten und sich zum Teil sachlich, zum Teil polemisch und rüde persönlich beleidigend beharken. Von Einmütigkeit zum Thema Urheberrecht und zu der Frage, ob und wie man gegen die EU-Gesetzgebung protestieren soll, ist da keine Spur.

          Alle „wichtigen wie kontroversen Entscheidungen der deutschsprachigen Wikipedia-Community“ würden über „Meinungsbilder“ getroffen, sagte John Weitzmann, der bei der Wikimedia Deutschland für Politik und Recht zuständig ist, auf Anfrage: Das Meinungsbild zur „Teilabschaltung (die Wikipedia-App war auch auf Deutsch den ganzen Tag nutzbar) liegt im Vergleich eher im oberen Bereich, was die Beteiligung angeht“. Da es sich „um die zentrale und etablierte Abstimmungsmethode handelt, die einer Urabstimmung ohne Quorum entspricht, und auch keine zeitlichen oder sonstigen Unregelmäßigkeiten zu erkennen“ seien, „ist es korrekt, davon zu sprechen, dass sich die Autorinnen und Autoren hier entschieden haben“. Die Mehrheiten für die Annahme und die Form des Protests seien „sehr deutlich“ gewesen.

          Gut zu wissen.

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