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Deutscher Schlager 2013 : Vom Trockeneis zu Carmen Nebel

Die Schlagersängerin Andrea Berg, Henning Krautmacher von den Höhnern und der Graf von Unheilig Bild: picture alliance / dpa

Heino, der Graf und Silbermond: Zurzeit findet ein munteres Ringelreihen zwischen Schlager, Rock, Pop und Punk statt. Aber wer vereinnahmt hier eigentlich wen?

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          Jetzt hat also auch der Volksmusiker Heino eine Platte mit Versionen von Popsongs anderer Leute gemacht. Und von Rocksongs. Und von Punksongs. Und von Rapsongs. Und keinen regt das auf. Im Gegenteil, alle finden es super, selbst die, die samstagabends sehr gern mit ihrem Silbereisen elvismäßig in den Fernseher schössen, weil dort schon wieder eine Schlagerparade von Untoten läuft. Es ist ja auch herrlich gesungen, das alles: Heino kann zum Beispiel die höhere Spießigkeit eines Elternanschisses wie dem aus „Junge“ von den Ärzten („Und wie du wieder aussiehst – Löcher in der Hose, und ständig dieser Lärm!“) mit seinem rollenden R ganz anders verkörpern. Irgendwie authentischer. Nicht, dass es darum überhaupt ginge.

          Tobias Rüther

          Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Als die Sache mit Heino bekannt wurde, vorletzte Woche, hat die „Bild“-Zeitung noch versucht, daraus einen Skandal zu machen, ein paar der Künstler, deren Stücke Heino nachsingt, zum Beispiel eben die Ärzte, aber auch Rammstein, hätten sich angeblich geärgert, würden rechtliche Schritte erwägen, aber das war dann gar nicht so. Und warum sollte man sich auch aufregen? Heino ist doch einer von uns.

          Meister der Ironie oder Ärgernis? Schlagersänger Heino

          Ein Ironiker also. Einer, der sich selbst nicht so ernst nimmt und das zur Selbstvermarktung einsetzt. Einer, der drübersteht. Einer, der sagen würde: Von „Switch Reloaded“, Matze Knop oder der „heute show“ imitiert zu werden, das ärgert mich doch überhaupt nicht, ganz im Gegenteil, das ist doch eine Auszeichnung! Heino hat sich zwar einmal sehr geärgert über einen Mann namens Norbert Hähnel, der sich „der wahre Heino“ nannte, eine weiße Perücke und eine schwarze Brille trug und „Schwarzbraun ist die Haselnuss“ sang, er hat damals eine einstweilige Verfügung und eine Ordnungsstrafe gegen Hähnel erwirkt, aber das war vor dreißig Jahren, lange vor dem ironic turn, der aus Gunter Gabriel Johnny Cash und aus Jürgen Drews einen Party-Intellektuellen gemacht hat. Insofern ist „Mit freundlichen Grüßen“, so heißt Heinos Coverplatte, eben vor allem ein Missverständnis bei allerbester Laune. Der Distinktionsgewinn geht gegen null.

          Der Schlager wiederum, schlau wie er ist, hat sich vor seiner permanenten Ironisierung (Guildo Horn, Schlagermove, Ballermann) längst in andere Formate gerettet. Totgesagt und nicht gestorben, wie Blumfeld singen würden, geistert er durch neue Formen: durch Rock zum Beispiel, auch in der Gruftvariante; durch Gitarrenpop, durch Elektropop. Er tritt jetzt als Silbermond, Unheilig oder Rosenstolz auf. Er sieht inzwischen auch ganz anders aus, er trägt jetzt auch mal Schwarz, Jeans, Leder, Kajal, aber seine Wahrheiten, nein, seine Leitmotive sind die immer gleichen geblieben: Du bist nicht allein. Dein kleines Leben ist ein großes. Der Zauber unseres Je t’aime. Es ist noch immer gutgegangen. Nur heute Abend, die Nacht, die Stadt, alles ist so anders, bleib noch etwas bei mir, morgen müssen wir zurück in die Produktion.

          Schlager und Punk liegen nah beieinander

          Und dazu schlägt nicht der eine von den Flippers auf sein Elektroschlagzeug, dazu jault jetzt das Feedback und schrammeln die Gitarren und pluckern die Synthesizer, aber das ist überhaupt kein Widerspruch, denn Schlager sind ja nicht Melodien allein, Schlager ist vor allem ein Programm. (Auch wenn der Popkritiker Diedrich Diederichsen vor Jahren mal festgestellt hat, dass die reinweiße, synkopenfreie Dur-Musik des Schlagers gar nicht so viel von der reinweißen, synkopenfreie Dur-Musik des Punk trennt: one, two, three, four, humpta, humpta, humpta tätärä!)

          Der neue Schlager im Popgewand? Die Band Silbermond

          Wer das mit dem Programm nicht glauben will, der schließt jetzt bitte kurz die Augen, was ja auch so ein typischer Schlagermove ist, und fragt sich, wer die folgenden Zeilen wohl singen könnte: „Du, nur du und nichts andres/liegt mir so nah am Herz / und ich kenne keinen anderen Zustand / als für dich da zu sein.“ Das ist natürlich eine Fangfrage. Außerdem kann man diese Zeilen mit geschlossenen Augen ja überhaupt nicht lesen. Es handelt sich hier um Silbermond, eine Band mit Rockbesetzung aus Bautzen, und nicht etwa um Nicole oder Andrea Berg. Was man aber unter anderem auch daran sofort erkennen kann, dass Industrieprofis wie Ralph Siegel oder Dieter Bohlen, die Nicole und Andrea Berg produzieren, ein bleiernes Wort wie „Zustand“ kaum in eines ihrer Stücke hineingelassen hätten.

          Wer vereinnahmt hier eigentlich wen?

          „Die Zeit fliegt viel zu schnell an uns vorbei / Ich halte dich, ich will nie mehr alleine sein“, das ist schon wieder nicht Nicole oder Roland Kaiser, sondern Unheilig. So heißt die Band des Sängers, der sich „der Graf“ nennt, der seit einiger Zeit schon Millionen von Platten verkauft, der gestern in Berlin die Goldene Kamera bekommen hat und bei dessen Karriere man sich fragen muss, wer hier eigentlich wen vereinnahmt hat: der Schlager die Subkultur oder andersherum?

          Denn der Graf hat vor dreizehn Jahren begonnen als ein durchschnittlich erfolgreicher Künstler der deutschen Gothic-Szene, einer reinschwarzen Düsterwelt, wo Männer mit einer Stimme wie Zarah Leander von der Nacht singen und die Leute erst richtig gute Laune haben, wenn sie richtig schlechte Laune haben. Ihren Kirchentag hält die Gemeinde jedes Jahr in Leipzig ab. Mit jeder Platte arbeiteten sich Unheilig näher und näher aus dieser Szene an die Hitparade heran, bis 2010 das Album „Große Freiheit“ erschien, der Graf seine Vampirkontaktlinsen herausnahm und seine Fans mit eigenen Kajalaugen dabei zusehen mussten, wie Unheilig plötzlich in der Samstagabendunterhaltung auftraten. Trockeneis war gestern, jetzt ging es zu Carmen Nebel.

          Einem Schlagersänger täuschend ähnlich: Hörgeräteakustiker Bernd Heinrich Graf alias Graf von Unheilig nennt Zielstrebigkeit seine Tugend.

          Du musst überall auftreten, wo sich die Gelegenheit bietet“, sagte der Graf später in einem Interview. „Du musst fleißig, diszipliniert und zielstrebig sein, und du musst das, was du tust, gerne tun. Dann kriegst du irgendwann Erfolg.“ Vorwürfe, der Graf habe Verrat an seiner Subkultur begangen, umgeht er bis heute mit der Beteuerung, er habe doch seinen Namen beibehalten und seine Klamotten nicht ausgezogen, er sei also doch ganz augenscheinlich er selbst geblieben, und außerdem, Musik sei Musik und er sei ein optimistischer Mensch. Seine Klamotten übrigens: Gehrock, weißes Hemd, schwarze Krawatte, dazu trägt der Graf Glatze und einen dreieckigen Kinnbart, es ist die B-Film-Version des orgelspielenden Spukschlossadeligen, der im Keller Lebewesen kreuzt und am Butzenfenster Shelley liest, bis der Blitz einschlägt.

          Und sein Name: Angeblich soll er Bernd Heinrich Graf heißen und so um die vierzig sein, aber er macht um sein Privatleben ein Geheimnis. Was man weiß, weil er darüber redet und es gerade wieder in seiner unendlich detaillierten Autobiographie „Als Musik meine Sprache wurde“ erzählt hat, ist, dass er aus Aachen kommt und Hörgeräteakustiker von Beruf ist. Und so, so, so, so erfolgreich mit seiner Musik, dass er das Risiko einging, eine Autobiographie zu veröffentlichen, in der Sätze stehen wie: „Ich denke, ich werde diese Festivals nicht vergessen.“ Oder: „Warum ich mein erstes Lied gerade ,Success‘ genannt habe, weiß ich heute nicht mehr. Vielleicht entstand es damals eher aus einem Wunschdenken heraus. Ich wollte offenkundig mit meiner Musik Erfolg haben.“

          Der redundante Text gibt der Musik ihre Freiheit

          „Geboren um zu leben“ heißt der größte Hit von Unheilig, er stammt von „Große Freiheit“ und wird oft auf Beerdigungen gespielt, der Graf verarbeitet darin den Tod eines Freundes. Es ist verständlich, daraus ein Lied zu machen, nur Menschen ohne Herz würden sich da über den Text lustig machen – andererseits gibt es erstens keine Menschen ohne Herz, und zweitens ist nun mal eine der wichtigsten Konsequenzen, die daraus folgen, geboren zu sein, dass man lebt. (Man will ja auch als Dschungelkönig nicht morgen früh tot aufwachen.) Der Text hat in seiner aufs höchste Pathos gepumpten Sentenzenhaftigkeit – „Wir war’n geboren um zu leben / für den einen Augenblick / weil jeder von uns spürte / wie wertvoll Leben ist“ – viel von den Reden, die Standesbeamte bei Trauungen halten und die immer so weit gefasst und redundant sein müssen, dass ihre höheren Einsichten auf jeden und alle gleichzeitig passen. Sie müssen berühren, ohne zu treffen. Das ist Schlager.

          Und weil der Text so redundant ist, kann sich die Musik davon komplett autonom machen. Unheilig klingen einmal wie Rammstein aus der Bontempi-Orgel, dann wie Pur, dann wie Silbermond, dann wie der Song, den mal diese eine deutsche Rockband auf Englisch gesungen hat, von der man danach nie wieder was hörte. „Dönerpizzamusik“ nennt der Graf seinen Stil selbst, was es gut beschreibt, eine Musik aufgelöster Identität, die jeder mag, die keinen stört – es ist sehr unwahrscheinlich, dass Heino eines Tages auf die Idee kommen würde, ein Lied wie „Lichter der Stadt“ nachzusingen, um ihm mit seinem rollenden R verfremdend etwas Neues, Ungesagtes über sich selbst zu entlocken. „Ich will nicht behaupten, dass es dort nichts gibt“, hat der amerikanische Reporter John Jeremiah Sullivan über den amerikanischen Bundesstaat Indiana geschrieben: „Sondern dass es kein Dort gibt.“

          Unheilig hat auch kein Dort. Wie der ganze neue Schlager, der wie etwas klingt – Rock, Pop, Elektro –, ohne es zu sein, der etwas sagt, ohne es zu tun. Untote Musik, immun sogar gegen Ironie. Das ist so unheimlich clever, es ist unheimlich.

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