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Deutscher Schlager 2013 : Vom Trockeneis zu Carmen Nebel

Und sein Name: Angeblich soll er Bernd Heinrich Graf heißen und so um die vierzig sein, aber er macht um sein Privatleben ein Geheimnis. Was man weiß, weil er darüber redet und es gerade wieder in seiner unendlich detaillierten Autobiographie „Als Musik meine Sprache wurde“ erzählt hat, ist, dass er aus Aachen kommt und Hörgeräteakustiker von Beruf ist. Und so, so, so, so erfolgreich mit seiner Musik, dass er das Risiko einging, eine Autobiographie zu veröffentlichen, in der Sätze stehen wie: „Ich denke, ich werde diese Festivals nicht vergessen.“ Oder: „Warum ich mein erstes Lied gerade ,Success‘ genannt habe, weiß ich heute nicht mehr. Vielleicht entstand es damals eher aus einem Wunschdenken heraus. Ich wollte offenkundig mit meiner Musik Erfolg haben.“

Der redundante Text gibt der Musik ihre Freiheit

„Geboren um zu leben“ heißt der größte Hit von Unheilig, er stammt von „Große Freiheit“ und wird oft auf Beerdigungen gespielt, der Graf verarbeitet darin den Tod eines Freundes. Es ist verständlich, daraus ein Lied zu machen, nur Menschen ohne Herz würden sich da über den Text lustig machen – andererseits gibt es erstens keine Menschen ohne Herz, und zweitens ist nun mal eine der wichtigsten Konsequenzen, die daraus folgen, geboren zu sein, dass man lebt. (Man will ja auch als Dschungelkönig nicht morgen früh tot aufwachen.) Der Text hat in seiner aufs höchste Pathos gepumpten Sentenzenhaftigkeit – „Wir war’n geboren um zu leben / für den einen Augenblick / weil jeder von uns spürte / wie wertvoll Leben ist“ – viel von den Reden, die Standesbeamte bei Trauungen halten und die immer so weit gefasst und redundant sein müssen, dass ihre höheren Einsichten auf jeden und alle gleichzeitig passen. Sie müssen berühren, ohne zu treffen. Das ist Schlager.

Und weil der Text so redundant ist, kann sich die Musik davon komplett autonom machen. Unheilig klingen einmal wie Rammstein aus der Bontempi-Orgel, dann wie Pur, dann wie Silbermond, dann wie der Song, den mal diese eine deutsche Rockband auf Englisch gesungen hat, von der man danach nie wieder was hörte. „Dönerpizzamusik“ nennt der Graf seinen Stil selbst, was es gut beschreibt, eine Musik aufgelöster Identität, die jeder mag, die keinen stört – es ist sehr unwahrscheinlich, dass Heino eines Tages auf die Idee kommen würde, ein Lied wie „Lichter der Stadt“ nachzusingen, um ihm mit seinem rollenden R verfremdend etwas Neues, Ungesagtes über sich selbst zu entlocken. „Ich will nicht behaupten, dass es dort nichts gibt“, hat der amerikanische Reporter John Jeremiah Sullivan über den amerikanischen Bundesstaat Indiana geschrieben: „Sondern dass es kein Dort gibt.“

Unheilig hat auch kein Dort. Wie der ganze neue Schlager, der wie etwas klingt – Rock, Pop, Elektro –, ohne es zu sein, der etwas sagt, ohne es zu tun. Untote Musik, immun sogar gegen Ironie. Das ist so unheimlich clever, es ist unheimlich.

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