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Deutscher Schlager 2013 : Vom Trockeneis zu Carmen Nebel

Schlager und Punk liegen nah beieinander

Und dazu schlägt nicht der eine von den Flippers auf sein Elektroschlagzeug, dazu jault jetzt das Feedback und schrammeln die Gitarren und pluckern die Synthesizer, aber das ist überhaupt kein Widerspruch, denn Schlager sind ja nicht Melodien allein, Schlager ist vor allem ein Programm. (Auch wenn der Popkritiker Diedrich Diederichsen vor Jahren mal festgestellt hat, dass die reinweiße, synkopenfreie Dur-Musik des Schlagers gar nicht so viel von der reinweißen, synkopenfreie Dur-Musik des Punk trennt: one, two, three, four, humpta, humpta, humpta tätärä!)

Der neue Schlager im Popgewand? Die Band Silbermond

Wer das mit dem Programm nicht glauben will, der schließt jetzt bitte kurz die Augen, was ja auch so ein typischer Schlagermove ist, und fragt sich, wer die folgenden Zeilen wohl singen könnte: „Du, nur du und nichts andres/liegt mir so nah am Herz / und ich kenne keinen anderen Zustand / als für dich da zu sein.“ Das ist natürlich eine Fangfrage. Außerdem kann man diese Zeilen mit geschlossenen Augen ja überhaupt nicht lesen. Es handelt sich hier um Silbermond, eine Band mit Rockbesetzung aus Bautzen, und nicht etwa um Nicole oder Andrea Berg. Was man aber unter anderem auch daran sofort erkennen kann, dass Industrieprofis wie Ralph Siegel oder Dieter Bohlen, die Nicole und Andrea Berg produzieren, ein bleiernes Wort wie „Zustand“ kaum in eines ihrer Stücke hineingelassen hätten.

Wer vereinnahmt hier eigentlich wen?

„Die Zeit fliegt viel zu schnell an uns vorbei / Ich halte dich, ich will nie mehr alleine sein“, das ist schon wieder nicht Nicole oder Roland Kaiser, sondern Unheilig. So heißt die Band des Sängers, der sich „der Graf“ nennt, der seit einiger Zeit schon Millionen von Platten verkauft, der gestern in Berlin die Goldene Kamera bekommen hat und bei dessen Karriere man sich fragen muss, wer hier eigentlich wen vereinnahmt hat: der Schlager die Subkultur oder andersherum?

Denn der Graf hat vor dreizehn Jahren begonnen als ein durchschnittlich erfolgreicher Künstler der deutschen Gothic-Szene, einer reinschwarzen Düsterwelt, wo Männer mit einer Stimme wie Zarah Leander von der Nacht singen und die Leute erst richtig gute Laune haben, wenn sie richtig schlechte Laune haben. Ihren Kirchentag hält die Gemeinde jedes Jahr in Leipzig ab. Mit jeder Platte arbeiteten sich Unheilig näher und näher aus dieser Szene an die Hitparade heran, bis 2010 das Album „Große Freiheit“ erschien, der Graf seine Vampirkontaktlinsen herausnahm und seine Fans mit eigenen Kajalaugen dabei zusehen mussten, wie Unheilig plötzlich in der Samstagabendunterhaltung auftraten. Trockeneis war gestern, jetzt ging es zu Carmen Nebel.

Einem Schlagersänger täuschend ähnlich: Hörgeräteakustiker Bernd Heinrich Graf alias Graf von Unheilig nennt Zielstrebigkeit seine Tugend.

Du musst überall auftreten, wo sich die Gelegenheit bietet“, sagte der Graf später in einem Interview. „Du musst fleißig, diszipliniert und zielstrebig sein, und du musst das, was du tust, gerne tun. Dann kriegst du irgendwann Erfolg.“ Vorwürfe, der Graf habe Verrat an seiner Subkultur begangen, umgeht er bis heute mit der Beteuerung, er habe doch seinen Namen beibehalten und seine Klamotten nicht ausgezogen, er sei also doch ganz augenscheinlich er selbst geblieben, und außerdem, Musik sei Musik und er sei ein optimistischer Mensch. Seine Klamotten übrigens: Gehrock, weißes Hemd, schwarze Krawatte, dazu trägt der Graf Glatze und einen dreieckigen Kinnbart, es ist die B-Film-Version des orgelspielenden Spukschlossadeligen, der im Keller Lebewesen kreuzt und am Butzenfenster Shelley liest, bis der Blitz einschlägt.

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