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Produzent Nico Hofmann : Netflix weiß nicht, was wir wirklich sehen wollen

Der Filmproduzent Nico Hofmann im August 2015 Bild: Frank Röth

Nico Hofmann bekommt heute den Carl Laemmle Preis. Laemmle? Es wissen nur wenige, dass dieser deutsche Produzent Gründungsvater von Hollywood war. Was sagt uns sein Vermächtnis heute?

          5 Min.

          Sie erhalten heute den Carl Laemmle Produzentenpreis. Ich nehme an, Sie wussten schon immer, wer Carl Laemmle ist. Ich musste in seine Vita erst noch einmal hineinschauen.

          Michael Hanfeld
          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          Ja, das wusste ich, wer Carl Laemmle ist. Wenn man in München an der Filmhochschule studiert hat, kommt man an ihm in der Filmgeschichte gar nicht vorbei. Carl Laemmle war der Urvater und Gründer Hollywoods. Er hat die Universal Studios aufgebaut und das Bild eines Filmproduzenten maßgeblich und nachhaltig geprägt.

          Was verbinden Sie mit ihm? Carl Laemmle ist mit siebzehn, als Sohn eines jüdischen Viehhändlers, 1884 in die Vereinigten Staaten ausgewandert, fing als Laufbursche an, hatte ein Mini-Kino, gründete Universal und wurde zu einem der wichtigsten Studiobosse.

          Beeindruckend an ihm erscheint mir seine Auffassung dessen, was ein Produzent ist. Er hat vor hundert Jahren schon alles in den Blick genommen, was auch heute zählt: die Produktion, den Vertrieb, den Verleih, die Auswertung der Rechte. Er hat als Erster große Stars verpflichtet und sich mit den Patent-Gesellschaften angelegt, die Produzenten keine Rechte an ihren Werken zugestehen wollten. Aber Carl Laemmle war nicht nur ein beeindruckender Produzent. Er hat sich für viele jüdische Verfolgte eingesetzt und Bürgschaften abgegeben, damit sie in der Zeit der NS-Herrschaft aus Deutschland in die Vereinigten Staaten ausreisen konnten. Als Produzent war er seiner Zeit weit voraus.

          Ziehen Sie aus dem umfassenden Wirken von Carl Laemmle – als Produzent, als Mensch – Parallelen für sich selbst?

          Das wäre ein bisschen größenwahnsinnig. Was meine Profession angeht, begleiten uns die Themen, die Carl Laemmle aufgegriffen hat, bis heute. Er hat als Erster populäres Kino gemacht, er hat politische Stoffe verfilmt, er hat „Dracula“ erfunden. Seine Vita ist einzigartig. Umso erstaunlicher ist, dass Carl Laemmle wenig bekannt ist. Er war ein Produzent aus Deutschland, in Amerika weiß jeder, wer er war. Wir bei uns haben seine Pionierleistung viel zu wenig im Blick. Es scheint den nach ihm benannten Preis zu brauchen, um das ein wenig zu ändern. Seine Geburtsstadt Laupheim allerdings weiß, was sie an ihm hat.

          Um Laupheim, wo der Preis heute zum vierten Mal vergeben wird, hat sich Laemmle auch gekümmert.

          Das hat er, und die Stadt ist sehr stolz auf ihn und kümmert sich differenziert um sein Vermächtnis.

          Carl Laemmle (Mitte) den Schauspielern Jim Thorpe und Lucile Browne beim Dreh von „Battling with Buffalo Bill“ (1931).
          Carl Laemmle (Mitte) den Schauspielern Jim Thorpe und Lucile Browne beim Dreh von „Battling with Buffalo Bill“ (1931). : Bild: mauritius images

          Den Preis bekommen Sie nun in einer Zeit, in der es den Produzenten augenscheinlich besser geht denn je. Sie und Ihre Kolleginnen und Kollegen, die von Ihnen geleitete UFA, können sich vor Aufträgen kaum retten, auch dank der massiven Investitionen von internationalen Playern wie Netflix oder Amazon.

          Das kann man so sehen, und ich bin auch sehr optimistisch, wenn ich auf die augenblickliche Umbruchsituation schaue. Der verschärfte Wettbewerb wirft aber auch neue Fragestellungen auf. Es geht um Talente, um Stoff, um Geld, um weltweite Vermarktung. Der Markt ist aufregender, aber auch härter und viel komplizierter geworden. Ich gehe das kämpferisch an. Wir – die UFA, die Produzenten in Deutschland – konkurrieren mit der ganzen Welt. Wenn wir Serien produzieren, müssen diese überall ankommen. Was das bedeutet, zeigt der phänomenale Erfolg der südkoreanischen Serie „Squid Game“ bei Netflix.

          Die Allianz Deutscher Produzenten hat die Politik aufgefordert, etwas für die hiesigen Macher zu tun. Sie will, dass 25 Prozent des Umsatzes internationaler Streamingdienste in europäische Produktionen fließen. Eine solche Quote möge die Politik festlegen. Sehen Sie das auch so?

          Ich bin vorsichtig, was Quotierungen angeht. Aber ich pflichte meiner Kollegschaft von der Produzentenallianz und Martin Moszkowicz von der Constantin Film bei, der gesagt hat, dass die Streamer und Plattformen in die Pflicht genommen werden müssen. Die Franzosen machen uns vor, wie es geht. Sie geben verpflichtende Quoten vor, das kurbelt den heimischen Markt an. Wenn man im globalen Wettbewerb alle Benefits aus Deutschland nimmt – die Talente, die Filmförderung – , muss man auch in die hiesigen Systeme einzahlen und die Infrastruktur, die die Produzenten aufgebaut haben, unterstützen.

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