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Deutscher Film : Große Leinwand, kleines Format

Jüngstes Beispiel für die fernsehgerechte Inszenierung des Kinos: Nina Hoss in „Anonyma” Bild: picture-alliance/ dpa

Immer mehr Kinofilme sehen wie Fernsehfilme aus - berechenbar, verkitscht, standardisiert. Weil Fernsehredakteure in Filmfördergremien sitzen, trimmt das Fernsehen das Kino auf Sendetauglichkeit - und zwängt es in ein schlichtes Korsett.

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          Die fünfzig Fragen, die hier vor einer Woche an das Fernsehen gestellt wurden, haben, erwartungsgemäß, keine einzige Antwort gefunden. Marcel Reich-Ranickis knackige Kurzformel „irgendwelcher Unsinn, Blödsinn, Dreck, kompletter Dreck“ hat zwar, irgendwie, große Zustimmung und, erwartungsgemäß, nur Widerspruch aus der Fernsehbranche selbst gefunden. Aber Thomas Gottschalk hat in trauter Zwiesprache der „Bild“-Zeitung schon mitgeteilt, dass sich sowieso nichts ändern werde.

          Peter Körte

          Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Man könnte daher das Fernsehen sich selbst überlassen, wären da nicht die Gebühren, welche den öffentlich-rechtlichen Sendern zufließen. Und wäre da nicht der deutsche Kinofilm, der, trotz zahlreicher Filmfördereinrichtungen der Länder und des Bundes, ohne das Fernsehen gar nicht existieren könnte. So hat das Fernsehen nicht nur ein internes Qualitätsproblem. Es hinterlässt auch Kollateralschäden: Indem es den deutschen Film nach seinem Bilde formt, indem es ihn auf Sendetauglichkeit trimmt, deformiert es ihn zugleich. Und seit die Töpfe der Filmförderung auch für große Fernsehproduktionen offenstehen, hat die Trennschärfe zwischen Kino- und Fernsehfilm noch weiter abgenommen.

          Fernsehredakteure in Filmfördergremien

          122 deutsche Spielfilme erlebten im Jahr 2007 ihre Erstaufführung im Kino. 77 davon waren ausschließlich deutsche Produktionen. 2008 dürften es etwa genauso viele werden. Und kaum eine ist darunter, an der das Fernsehen nicht zumindest indirekt beteiligt war, weil Fernsehredakteure auch in Filmfördergremien sitzen; kaum eine, bei der die finanzielle und redaktionelle Beteiligung nicht unübersehbare ästhetische Spuren hinterlassen hat. Das gilt für Großproduktionen wie den „Baader Meinhof Komplex“ oder „Anonyma“, für ein kleines Fernsehspiel wie „Das Fremde in mir“, für Arthaus-Filme wie „Wolke neun“ und „Nichts als Gespenster“, um nur ein paar zu nennen. Selbst die Filme, an denen kein Sender beteiligt war, sind dieser Imprägnierung nicht entgangen.

          Vom Fernsehen ästhetisch imprägniert: „Der Baader Meinhof Komplex”
          Vom Fernsehen ästhetisch imprägniert: „Der Baader Meinhof Komplex” : Bild: picture-alliance/ dpa

          Das ist alles nicht neu, es ist nur schlimmer denn je. Schon um das Jahr 2000 kursierte ein Papier, in dem stand, dass alle Filme, die in der ARD gezeigt werden, sofort verstanden werden müssten, eine bestimmte Länge nicht überschreiten dürften und dass Motive sich in bestimmten Abständen zu wiederholen hätten. Das war zwar primär als Betriebsanleitung für Fernsehfilme gedacht, als „eine Art Bildaufsicht“, in „ihrer erkennbaren Grenzdebilität eher bei den Privatsendern abgekupfert“, wie der Regisseur Dominik Graf 2002 im Gespräch mit der F.A.Z. sagte. Doch nur ganz Arglose glauben, Kinofilme, bei denen eine Fernsehredaktion mitzureden hat, blieben davon unberührt.

          Schreckensherrschaft der Redaktionen

          Stefan Ruzowitzky, der 2008 für „Die Fälscher“ den Oscar gewann, sprach von einer „Schreckensherrschaft dieser ganzen Dramaturgen und Lektoren“ - was nicht gegen professionelle Drehbucharbeit gerichtet war, sondern gegen die Willfährigkeit und den Schematismus, mit dem Redaktionen Drehbücher zu Filmprojekten nach „plot points“, „human factor“, und wie das im Jargon sonst noch heißt, durchkämmen. Dabei ist das Fernsehen so überzeugt von sich selbst, dass es noch nicht mal eigens TÜV-Richtlinien formulieren muss. Um seine Überzeugungen zu bestätigen, führt es zahllose Umfragen durch und misst Quoten, die es dann mit Qualität verwechselt, weil es gar nicht so sehr Geschichten erzählen als Konsumenten bedienen will. Auch den Kinofilmen ist diese Herkunft in jeder Hinsicht anzusehen.

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