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Deutscher Film : Große Leinwand, kleines Format

Die Genres: Was in Hollywood als B-Movie erfunden wurde, als preiswerte Ergänzung zur prestigeträchtigen A-Produktion in einem Double-Feature, das war meist ein Genrefilm: ein Thriller, eine Detektivgeschichte oder eine Horrorstory. Das Regelwerk des Genres musste erfüllt und konnte von jungen, begabten Regisseuren unterlaufen oder spielerisch variiert werden. Aus deutschen Kinos sind Genrefilme schon lange verschwunden. Regisseure wie Dominik Graf arbeiten daher im Fernsehen, weil sie das Genre nicht missen möchten. Das Fernsehen hat das Genre als Geisel genommen - und selbst in bisweilen besseren Formaten wie dem „Tatort“ eine standardisierte Welt der Dinge, Charaktere und Beziehungen gebaut, aus der es kein Entkommen mehr gibt.

Spielfilmbilder als historische Dokumente

Die Themen: Wer teure Filme machen will und deshalb das Fernsehen als Koproduzenten braucht, der braucht auch, was das Fernsehen unter Bedeutsamkeit und Relevanz versteht. Für Prestigeprojekte müssen es massenkompatible Bestseller sein wie „Die weiße Massai“; oder auch mal eine „Anonyma“ als ein Stück dunkler Zeitgeschichte, das man so zurichtet, bis die Aufarbeitung nur eine andere Form der Entsorgung ist. Passend zum Kinostart von „Anonyma“ sendete das ZDF im Übrigen „Die Rote Armee und die Frauen in Berlin“, wobei die Guido-Knopp-Schule derart ungeniert Spielfilmbilder als Dokumente benutzte und Interviews mit Nina Hoss wie Zeitzeugenberichte präsentierte, dass man sich an ungedeckte Wechsel und andere Finanzmarktoperationen erinnert fühlte. So wäscht eine Hand die andere.

Oder man nimmt sich, als eine Art kulturelles Feigenblatt, Longseller mit Bildungsbonus wie „Die Buddenbrooks“, über die sich allerdings nur Vermutungen anstellen lassen, weil Heinrich Breloers Film erst am 25. Dezember ins Kino kommen wird; dass der Film sich, was Behäbigkeit, Besetzung und ästhetische Indifferenz gegenüber der Vorlage angeht, von ähnlichen Bemühungen drastisch abheben könnte, wird man nicht unbedingt erwarten.

Im Würgegriff

Wo Kriterien wie Konsensfähigkeit und der kleinste gemeinsame Nenner herrschen, wo Risikoscheu sich zwanglos zu Denkfaulheit gesellt und formale Innovation als verwirrend oder schwierig denunziert wird, da sind weder in der Kunst noch im Entertainment jemals große Dinge entstanden. Das Fernsehen verwandelt ungerührt alles in Stoffe, denen es seine Form aufdrückt. So zerstört es auch die Orte und die Geschichte. Es gibt keine Schauplätze mehr, keine Städte, die als eigene Charaktere sichtbar würden, und vor lauter Authentizitätsbesessenheit wirkt jede historische Rekonstruktion kulissenhaft und steril. Das Fernsehen ist ein moderner König Midas: Was es berührt, verwandelt sich in graue Fernsehrealität. Das merkt man noch dort, wo das Fernsehen selbst attackiert wird, wie in Hans Weingartners, natürlich auch mit Fernsehgeld finanziertem „Free Rainer - Dein Fernseher lügt“, der dieselbe ultraschlichte Erzählweise und dieselben holzschnittartigen Charaktere benutzt wie das Medium, das er verändern möchte.

Nein, das ist keine erfreuliche Diagnose, und sie wird auch nicht dadurch freundlicher, dass jedes Jahr vielleicht ein halbes Dutzend Kinofilme entsteht, die sich dem Würgegriff entwinden können, weil es eine ständig schrumpfende Zahl von Redakteuren gibt, die das Fernsehbild nicht für das einzige Bild halten, das man sich von der Welt machen kann. Wenn es hülfe, würde man eine Kerze für sie anzünden.

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